Interview

Über Guatemala und Jutetaschen

27.01.2016

Beim Betreten des Ladens fällt mir sofort dieser spezielle Geruch auf. Ein bisschen so wie Südamerika, auch wenn ich nie dort gewesen bin. Liegt vermutlich an dem vielen Kaffee in den Regalen an der Wand. Am Ende des kleinen Ladens wartet eine ältere Dame mit Kurzhaarschnitt.

Mit sorgfältigem Blick schweift sie über die Regale und prüft, ob alles am rechten Platz ist. Ihr Name ist Heidi Beduhn. Sie ist 71, Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzende des Weltladens in Sindelfingen. Danach geht es los mit dem Gespräch über ihre Arbeit, mit der sie schon über 30 Jahre verbracht hat.

Wie haben Sie damals angefangen?

Vor dem Weltladen habe ich als Zahntechnikerin in einer Kieferorthopädischen Praxis gearbeitet. Dort hab ich Zahnspangen für Kinder angepasst. Nebenher war ich ehrenamtlich aktiv. 1984 haben sich mehrere Gruppen wie der Christliche Verein Junger Menschen und Drittewelt-Arbeitskreise zusammengeschlossen und beschlossen, einen Weltladen zu gründen. Wir dachten uns damals, Sindelfingen ist so reich und hat keinen Weltladen, dass müssen wir ändern. Die Stadt ist uns damals sehr entgegengekommen. Als ein altes Gebäude in der Innenstadt renoviert wurde, baten wir darum, es für unseren Weltladen zu bekommen. Wir bekamen die Zusage und Unterstützung bei der Finanzierung von Einrichtungsgegenständen. Im November 1985 haben wir schließlich den Laden eröffnet.

Was war das erste, was Ihnen damals im Weltladen aufgefallen ist?

Die Jutetasche lacht. Früher war sie das Produkt, wofür wir bekannt waren. Die hat schon ihren eigenen, speziellen Geruch. Das haben wir damals alle gesagt: Wenn man in den Laden kommt, dann riecht’s a ders.

Können Sie das Prinzip der Weltläden einmal erklären?

Wir kaufen fair gehandelte und teilweise auch biologische Produkte und unterstützen mit dem Gewinn, den wir erwirtschaften, Projekte in den Produktionsländern, die wir selber auswählen. Es geht darum, dass die Leute einen fairen Preis für ihre Arbeit bekommen. Sie sollen schließlich davon leben können.

Gab es einen speziellen Grund, weshalb Sie ehrenamtlich aktiv wurden?

Die Problematik mit der dritten Welt war damals sehr groß und überall herrschte Ausbeutung. Was ja heute zum größten Teil leider immer noch der Fall ist. Unsere Motivation damals war, fair mit den Produzenten, in solchen Ländern, umzugehen.

Haben Sie selbst schon mal ein Projekt in einem Produktionsland besucht?

Das Hauptzielland des Eineweltladens in Sindelfingen ist Guatemala. Früher herrschte dort eine heikle politische Lage und deshalb sind einige von uns dort hingegangen. Sie haben die Projekte vor Ort besucht, um zu sehen, was unsere Unterstützung bewirkt. Ein Projekt, was wir dort haben, ist ein Internat für Schüler, die aus ländlichen Regionen kommen und deshalb in der Stadt zur Schule gehen müssen. Sie waren teilweise sechs Stunden zu Fuß unterwegs, bis sie zu Hause waren. Wir haben damals drei Zivildienstleister geschickt. Sie waren unglaublich begeistert und sind in der Zeit richtig aufgeblüht. Wenn man sie vorher gesehen hat, als sie aus der Schule kamen und als sie dann aus Guatemala zurückkamen, dass war ein großer Unterschied. Sie kamen mit einem Feuereifer zurück, weil sie dort etwas bewegen konnten.

Viele kennen die Läden nur unter dem Namen Dritteweltladen. Wieso wurden Sie in Eineweltladen umbenannt?

Die sogenannte dritte Welt hat das damals als Diskriminierung empfunden. Es gibt die eine Welt, eine zweite Welt und dann auch noch eine dritte Welt. Das fanden die betroffenen Länder nicht so toll. Und da die Problematik die ganze Welt betrifft, haben wir uns in Eineweltladen umbenannt.

Gibt es etwas, was Sie sich für die Zukunft wünschen würden?

Dass das Bewusstsein für den fairen Handel stärker wird: Gerade in Sindelfingen. In Universitätsstädten zum Beispiel ist der Andrang auf die Weltläden viel intensiver. In unserer ach so reichen Stadt sind in den Köpfen der Leute immer noch die Discounter. Ich verstehe es nicht so wirklich. Leute, die es sich wirklich leisten können, gehen daran vorbei. Was man allerdings loben muss ist, dass die Rathauskantine den Kaffee von uns bezieht und die Stadt den Titel „faire Stadt" trägt. Das war auch ein Ziel von uns. Diesen Titel muss man sich erarbeiten und immer wieder neu beantragen.

Was genau verbirgt sich hinter dem Titel „faire Stadt"?

In einer Stadt muss ein gewisser Prozentsatz von Geschäften faire Produkte anbieten. Auch Lokale oder Hotels fallen darunter. Da solche Produkte teurer sind als normale, wollen viele das nicht anbieten. Sindelfingen hat allerdings diesen Titel bekommen.

Haben Sie sich selbst ein Ziel gesetzt, das Sie erreichen wollen?

Ein Ziel ist schon zum Teil erreicht worden: Der faire Gedanke ist inzwischen in viele Läden eingegangen. Fair ist zwar nicht gleich fair, aber das Ganze hat sich sehr stark verbreitet. Der faire Handel ist gestiegen, weil sich auch Discounter dafür interessieren. Ein Beispiel dafür ist der Kaffeehandel. Früher hat man uns müde belächelt. Inzwischen sind aber viele Kaffeehändler auf fair gehandelte Produkte umgestiegen.

Heidi Beduhn im Dritteweltladen (Foto: Sven Braun)

Total votes: 391
 

Über den Autor

Sven Braun

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014