Altkleiderspende

„In den H&M geh’ ich nicht mehr.“

06.06.2016

Geht man die Straße entlang, fällt einem kaum der im Schatten liegende  Kleiderladen neben dem Deutschen-Roten-Kreuz-Gebäude in Pforzheim auf. Und doch tummeln sich zwischen gebrauchten Turnschuhen und noch etikettierten Anzügen Menschen verschiedenster Herkunft, Altersgruppen und sozialen Hintergründen. Darunter Valentina, für die der Kleiderladen mehr als ein Verkaufsraum ist.

Zwischenlager mit abgegebenen Kleidern im DRK Pforzheim. |Bild: Sophia Köstler

Dort vor dem kleinen vollgepackten Regal mit Kinderkleidung ist Valentina (deren echter Name nicht genannt wird, zum Schutz ihrer Privatsphäre). Sie schaut in den Kinderwagen. Darin liegen zwei ihrer drei Kinder. Die Kleinste, gerade drei Monate alt, liegt hinten im Kinderwagen und schaut sich neugierig um. Vor ihr, ihre große Schwester, zwei Jahre. Die Älteste, vier Jahre, hat Valentina gerade in den Kindergarten gebracht.

Sie lächelt unsicher. Es macht den Anschein, als wüsste die blonde, junge Frau nicht genau, was sie antworten soll auf die Frage, warum sie denn in den Kleiderladen in Pforzheim gehe. Für die Kosovarin sind die Besuche der Kleiderkammer zur Gewohnheit geworden, jeden Dienstag und Donnerstag durchstöbert sie die Einrichtung des DRKs nach Frauenkleidung und Anziehsachen für ihre Kinder. „In den H&M gehe ich nicht mehr", grinst sie und sagt, hier finde sie immer etwas Schönes und Günstiges.

Vor zwei Jahren entschlossen sich sie und ihr Mann dazu, mit ihrer damals zweijährigen Tochter von Kosovo nach Deutschland zu kommen. Seither lebt sie mit den Beiden und ihren hiergeborenen Kindern in Pforzheim. „Es ist schlimm", sagt Valentina über ihre Heimat Kosovo. „Dort gibt es keine Arbeit, keine Strukturen. Das waren keine Umstände, unter denen wir dort hätten leben können". In Deutschland arbeitet ihr Mann schon seit einem Jahr. Die Beiden hoffen, für immer bleiben zu dürfen, obwohl ihre Familie nicht nachreisen wird. Man kann an ihren Augen sehen, dass sie ihre Freunde und Verwandte vermisst. „Ja, klar vermisse ich alle", sagt Valentina. „Aber ich habe hier Freunde gefunden, richtig gute Freunde."

Neue Heimat

Sie lacht und zeigt auf die Mitarbeiterin neben ihr, die zuvor bereits in der Modebranche arbeitete. Valentina fühlt sich wohl hier. Hier trifft sie Bekannte und Freunde. Hier kann sie entspannen. Für die junge Frau ist das Einkaufen im Kleiderladen wie ein Hausbesuch bei Freunden. Nur etwas internationaler: Gesprächsfetzen auf Englisch, Arabisch und Deutsch sind zwischen den Reihen zu hören, während uns Valentina von ihren neu gewonnenen Freunden erzählt. Auch stille sie ihre Kinder im Kleiderladen, das mache niemandem etwas aus. Die Mitarbeiterin schmunzelt: „Jetzt fehlt nur noch der Kaffee".

Wie läuft eine Altkleiderspende genau ab? Beim Deutschen Roten Kreuz in Pforzheim wurden die Abläufe sichtbar.

Von Menschen, für Menschen

Der Kleiderladen ist keinesfalls eine kleine Rumpelkammer mit alten Klamotten. Die Einrichtung änderte vor rund zwei Jahren ihr Konzept von einer Kleiderkammer zu einem gut sortierten Laden, der Neuware von aufgelösten Boutiquen bis hin zu qualitativen Spenden anbietet. „Nicht nur Menschen aus ärmeren Schichten kaufen hier ein, auch Anzugträger und Leute aus der Mittelschicht schätzen das ökologische Konzept und kaufen bei uns Markenware ein, die im vorigen Laden eben nicht verkauft werden konnte", so die Mitarbeiterin des Kleiderladens. Für jeden gibt es die passende Kleidung, womit sich der Kleiderladen nicht nur modischen Trends anpasst, sondern vor allem auch kulturellen Unterschieden. Bedürftige, die auf die günstige Kleidung angewiesen sind, zahlen niedrigere Preise. Der Kleiderladen möchte sich aber nicht nur an finanziell schwächere Personen richten, sondern an alle, die ein Zeichen gegen den Massenkonsum von Kleidung und für die Wiederverwertung aussortierter Stücke, setzen möchten. Der Leiterin für soziale Arbeit des DRK Pforzheim, Ute Fiedrich, ist vor allem die Nachhaltigkeit der verwerteten Kleidung wichtig.

Der Kern der Arbeit ist jedoch, Bedürftige zu unterstützen, die an die Hilfe des DRKs gebunden sind. Darunter fallen plötzliche Armut, Altersarmut, und Menschen, die Arbeitslosengeld beziehen. Aber auch jungen Menschen wie Valentina, die einen Neuanfang riskieren, wird geholfen. Oft „haben sie nicht mehr, als das was sie am Leib tragen", erzählt uns die Mitarbeiterin. Man könne die Käufer nicht einfach in Arbeitslose, Rentner und Flüchtlinge aufteilen. Es seien Männer und Frauen, die Hilfe benötigen, die auf einmal Alles verlieren. Sei es durch die Flucht, eine Krankheit, die Trennung eines Partners, der Familie oder durch Brände, die alles zerstörten. Das beschäftige sie, sagt sie mit Tränen in den Augen.

Mehr als ein Verkaufsraum

Die Mischung aus existenzieller und materieller Grundversorgung und der mentalen Stütze, die der Kleiderladen für viele dort ist, berührt. So gehen viele Menschen dort nicht einfach nur ihre Kleider einkaufen, sondern sie unterhalten sich über ihren Alltag, besprechen ihre Probleme und wissen, dass sie in den drei kleinen Räumen immer willkommen sind. Auf die Frage, warum sie ehrenamtlich in der Kleiderkammer arbeiten, antworteten die Mitarbeiterinnen mit einem Lachen im Gesicht: „Es gibt immer wieder schwierige Kunden, es ist nie einfach. Aber wenn jemand etwas gefunden hat, und uns Dankbarkeit entgegenstrahlt. Das erfüllt uns mit Glück".

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Über die Autoren

Sophia Köstler

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016

Erika Ginger

CR/PR
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016