Sexualbegleitung

„Dann bin ich gerne Übungsfrau“

28.06.2016

Rollstuhlfahrer leben anders als andere. Wegen ihrer Behinderung können viele ihre Sexualität nicht so leben, wie sie gerne möchten. Auf Erotik und sexuelle Erregung wollen sie dennoch nicht verzichten. Es gibt Menschen, die ihnen helfen können.

Sexualbegleitung ermöglicht Menschen mit Behinderung ein Sexualleben. | Bild: Fabian Stanco

„Wenn Hände über meinen Körper gleiten, ihn erforschen, Zärtlichkeit und Austausch ermöglichen.... Wenn ich zeigen kann, wie ich berührt werden möchte und durch meine Berührungen glücklich machen kann, macht mich das zufrieden", sagt Delia.* Delia ist 32 Jahre alt und arbeitet als Sexualbegleiterin. Sie ermöglicht Menschen mit Behinderung ein Sexualleben. „Jeder Mensch hat ein Recht darauf, seine Sexualität auszuleben," sagt Delia. „Ich betrachte den Menschen. Nicht seine Behinderung." Diese Meinung ist noch selten. „Viele betrachten Menschen mit Behinderung als asexuell und können sich nicht vorstellen, dass sie Sexualität leben." Das verunsichere die Menschen, sagt Delia. „Sie sind schüchterner, als sie es sein müssten. Sie verstecken ihre Bedürfnisse." Delia sieht ihre Aufgabe darin, diesen Menschen zu helfen.

Vielfältige Arten der Sexualbegleitung

Es gibt verschiedene Formen der Sexualbegleitung. Liierte, die Hilfe bei der Verwirklichung ihres Sexuallebens brauchen, empfangen passive Sexualbegleitung. Dabei hilft der Assistent dem Betreuten, seine sexuellen Wünsche körperlich zu verwirklichen. „Er bringt ihn sozusagen in Stellung", beschreibt Delia. Als aktive Sexualbegleiterin stellt sie sich ihnen als Übungsfrau zur Verfügung. An ihr können Betroffene üben, wie sie eine Frau berühren, Zärtlichkeiten austauschen. „Es ist schön, ihnen zu zeigen, dass man offen mit seiner Sexualität umgehen kann. Dass auch sie das können. Unabhängig von der Behinderung." Wie geht das? Wie kommt man sich näher, ohne sich zu kennen? „Wichtig ist ein ausführliches Vorgespräch. Darin reden wir über die Bedürfnisse und Wünsche des Menschen. Das schafft Vertrauen und sorgt für Offenheit." Das Gespräch kann auch Hauptbestandteil einer Sitzung sein. „Manche wollen einfach nur reden. Das hilft vielen schon, Hemmungen abzubauen."

Begleitung ist nicht für jeden erschwinglich

Wie körperlich es in der Sitzung zugeht und wie lange sie dauert, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Das entscheidet Delia zusammen mit dem Betreuten. Ihre Grenzen setzen sich die beiden im Vorgespräch und klären zum Beispiel die Frage, wie sie verhüten. 90 Euro pro Stunde ist der Regelsatz, den die meisten Sexualbegleiter verlangen. „Das ist nicht günstig", gibt Delia zu. Von der Krankenkasse wird die Sexualbegleitung nur selten gefördert. „Das ist problematisch und verbesserungswürdig", findet Delia. „Da müsste man von Fall zu Fall entscheiden." Für gerechtfertigt hält sie die Summe trotzdem. „Wir sind präsent, geben uns hin, werden intim. Wir machen das gerne, es ist aber auch gut, dass es entsprechend belohnt wird."

„Vom Gespräch bis zum Geschlechtsverkehr"

Nach einheitlichen Richtlinien ausgebildet werden Sexualbegleiter vom Institut zur Selbstbestimmung Behinderter (ISBB) in Trebel. Die abgeschlossene Ausbildung berechtigt die Begleiter, in ihrer Berufsbezeichnung den Zusatz ISBB zu tragen. Sexualberatung und ein Gästehaus für Workshops gehören außerdem zum Angebot des Instituts. „Die Menschen gehen glücklicher nach Hause." Schon oft hätten Sitzungen dazu geführt, dass Menschen mit Behinderung nach Jahren der Einsamkeit einen Partner gefunden haben. „Und dann bin ich gerne Übungsfrau. Vom Gespräch bis zum Geschlechtsverkehr", sagt Delia.

*Name von der Redaktion geändert

Sexualbegleitung in Deutschland (Auswahl) | Fabian Stanco via Google Maps

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Über den Autor

Fabian Stanco

Crossmedia-Redaktion/Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015