Faszination Afro

„Darf ich mal deine Haare anfassen?“

21.07.2015

Zwischen krausen Locken und Klischees: Die afrodeutsche Kultur trifft im Alltag häufig auf fehlendes Feingefühl. Doch hinter diesen haarigen Angelegenheiten steckt viel mehr als nur Frisur.

„Grabsch, grabsch, grabsch – von allen Seiten ziehen auch schon Finger an meinen Strähnen. Genauso, wie die wildfremde, etwas ungepflegt dreinschauende Frau in der Bahn letzte Woche und diverse andere Leute, Tag für Tag für Tag. Ich werde angefasst, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Ungefragt. Okay, manche fragen auch. ‚Darf ich mal anfassen?‘ Aber sie warten meine Antwort nicht ab."

So beschreibt Esther Donkor, Mitbegründerin der Webseite „Krauselocke.de" ihre alltägliche Situation. Sie gehört zu den Menschen, die krause Haare haben, das heißt zum Beispiel Afros tragen, und damit eine gewisse Faszination hierzulande auslösen. Esther ist nicht die einzige, deren Haare unfreiwillig zum Mittelpunkt werden. Neugierde schwenkt, selten mit Absicht, zu Respektlosigkeit um und die häufige Wiederholung solcher Situationen nagt an den Nerven. Esther spricht damit ein wichtiges Thema an, das über unangenehme Situationen jedoch weit hinaus geht. Durch ihre Aussage wird deutlich, dass Haare eine Schlüsselrolle im kulturellen Verhalten des Menschen spielen.

Community-Bildung und Austausch

In den letzten Jahren sind Online-Plattformen wie Krauselocke.de aufgetaucht, auf denen nicht nur mit Vorurteilen aufgeräumt wird. Sie stellen die Afrokultur in Deutschland vor und bilden Communities, in denen sich die Mitglieder Styling-Tipps geben und sich austauschen.

Parallel dazu stellen Afroshops in der „Offline-Welt" einen Anlaufpunkt für Frisurbegeisterte dar. Während vor etwa zehn Jahren nur dunkelhäutige Kunden in den Geschäften anzutreffen waren, ist die Kundschaft heute multikultureller geworden, besonders deutsche und türkische junge Frauen interessieren sich für die Produkte. Das beschreibt jedenfalls Yemane Teklay, Besitzer des Stuttgarter Afroshops „GT World of Beauty" in der Tübinger Straße. Ein solches Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen kann zur Verständigung untereinander beitragen, auch wenn, anders als im Netz, noch keine Community-Bildung zwischen den Kundinnen zu spüren ist. Die endlosen Reihen von Perücken, Pflegeprodukten und Accessoires verdeutlichen, was die Kunden alle vereint: Haare sind keine Nebensache.

Yemane Teklay, Besitzer des GT World of Beauty Shops in Stuttgart. (Quelle: Yves Pascal Eckhardt)

Haare sind nicht einfach nur Haare

Haare und Frisuren sind in allen Kulturen wichtig, vor allem für die Frau. Natürlich geht es darum die eigene Attraktivität durch Frisuren zu unterstreichen, doch es steckt noch mehr dahinter: Haare können Ausdruck und Erweiterung der persönlichen und kulturellen Identität sein. So vielfältig Haare gestylt werden können, so vielfältig sind auch die Bedeutungen, die Frisuren annehmen können. Das gilt im speziellen für Afrohaare, die sich wie kaum ein Haar anderer Ethnizitäten in ihrer Struktur und Form verändern lassen. Die krausen Locken haben Symbolcharakter.

Natürliche Locken als politisches Statement

Für Antonia Opiah, Mitbegründerin von „un-ruly.com", ist es deshalb wichtig, Haare als Ganzes zu betrachten. Historisch wurde die Darstellung schwarzer Frauen in den Medien von Bildern dominiert, die sie mit glatten Haaren zeigten. Für eine relativ kurze Zeit, während des „Black Power Movements", fühlten sich deshalb viele dazu veranlasst, ihre Haare wieder natürlich zu tragen. Die Haare wurden somit zum Symbol von Rebellion und Stolz. Der Trend ging jedoch recht schnell zurück zum geglätteten Haar, das sich in den Massenmedien als Schönheitsideal immer noch durchsetzt. Lang, glänzend und glatt ist es auf Werbeanzeigen und Albumcovern zu sehen. Ein medial inszeniertes „White-Washing", das Haare als (Druck-)Mittel benutzt.

Während sich in den klassischen Medien kaum etwas verändert hat, setzen neue Medien heutzutage einen Trend in die entgegengesetzte Richtung. Online geben Blogger und Vlogger auf YouTube immer häufiger wertvolle Pflegetipps für natürliche, krause Locken und betonen, wie schön Afrohaare sein können.

Auch im öffentlichen Raum haben Aktivistinnen damit begonnen, ihre Afros selbstbewusst als politisches Statement zu tragen. Einen Beitrag dazu leistete die Ausstellung „You can touch my hair" im Sommer 2013 in New York. Als eine Art soziales Experiment hielten verschiedene Aktivistinnen Schilder mit den Worten „You can touch my hair", um Passanten die Möglichkeit zu geben, ihre Haare anzufassen und Fragen zu stellen und um die Diskussion darüber ins Rollen zu bringen. Die Bezeichnung „Ausstellung" wurde dafür nicht etwa zufällig gewählt. Für Antonia Opiah, die das Projekt initiierte, findet die eigentliche Ausstellung und Zurschaustellung nämlich in den alltäglichen Situationen statt. Immer dann, wenn jemand gefragt wird: „Darf ich mal deine Haare anfassen?"

Anfassen oder nicht anfassen – das ist hier die Frage

Nicht nur im Afroshop treffen die Kulturen aufeinander, auch im alltäglichen Leben wachsen sie immer mehr zusammen. Es ist an der Zeit die verschiedenen Bedeutungskontexte wahrzunehmen, die Afrohaare annehmen und verkörpern können. Auch wenn es für die meisten Afrodeutschen kein Problem zu sein scheint, auf ihre Haare angesprochen zu werden, so ist es dennoch wichtig dies stets mit dem nötigen Respekt und Abstand zu tun. Neugierig zu sein sei nicht das Problem, man solle nur den Grund für die Neugierde hinterfragen, so Antonia Opiah. Ihre Aussage lautet: „There is nothing wrong with being curious, but we do have to be aware of how we let our curiosites play out and how we’re treating people as a result of them.”

„Darf ich mal deine Haare anfassen?"

Kundinnen aus dem GT World of Beauty Shop in der Tübinger Straße berichten über ihre haarigen Angelegenheiten. (© Janina Wollensak, Alexandra Seidel, Yves-Pascal Eckhardt)

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Über die Autoren

Janina Wollensak

Elektronische Medien Master - Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015

Alexandra Seidel

Elektronische Medien Master - Schwerpunkt Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015