Teenager-Schwangerschaften

„Das passiert vielleicht anderen, aber mir doch nicht!“

02.02.2015

Statt Schminke braucht es den Schnuller, aus Weggehen wird Windelnwechseln und aus der Bikinifigur ein Babybauch. Werden Teenager plötzlich schwanger, steht ihr Leben auf dem Kopf. Doch Elternsein, das will gelernt sein – und kann auch ausprobiert werden.

Elternpraktikum - Babys sind nicht immer so süß, wie sie aussehen

Könnt ihr euch vorstellen, wie der Alltag mit einem Baby ist? Bei einem Elternpraktikum haben Jugendliche die Chance genau diese Erfahrung zu durchleben. Begleitet Patricia durch ihren Tag und seht welche Hürden sie meistern muss, als Mutter eines Babysimulators.

Schule, shoppen, feiern – das normale Leben eines Teenagers ist bei einer Schwangerschaft vorbei. Statt sich in der Freizeit mit den Freunden zu treffen, findet man sich plötzlich im Geburtsvorbereitungskurs wieder. Für viele Teenager nicht der Traum der Jugendzeit. Das zeigen auch die Nachforschungen der Techniker Krankenkasse. Laut diesen treiben mehr junge Mädchen ab als dass sie ihr Kind zur Welt bringen. 2012 haben sich in Baden-Württemberg 77 Prozent der schwangeren Teenager für eine Abtreibung entschieden. Dafür, das Kind zur Adoption freizugeben entscheiden sich hingegen nur sehr wenige. Wenn das Kind geboren ist, möchten es die Mädchen nicht mehr hergeben. „Gerade für die jungen Mütter ist ein Baby etwas Niedliches", weiß Irmfriede Pilz-Buob. Die Familienhebamme aus Ludwigsburg ist spezialisiert auf Teenager-Schwangerschaften.

„Darüber reden wir doch nicht."

Die Gründe für eine Schwangerschaft sind verschieden. Manche Mädchen möchten aufgrund von eigenen, negativen Erfahrungen selbst eine heile Familie gründen. Der Großteil der Teenager-Schwangerschaften ist jedoch ungewollt. Viele junge Mädchen haben eine zu große Scham, mit ihren Eltern oder ihrem Freund über Verhütung zu sprechen. „Wir kennen uns doch erst seit kurzem, da spricht man doch noch nicht über solche Themen." So antworten die meisten Mädchen, wenn sie Pilz-Buob auf Verhütung anspricht.

Warum kommt es zu Teenager-Schwangerschaften?

Es gibt einige Unterschiede zwischen Teenagern und älteren Schwangeren. Oftmals wollen es die Jugendlichen am Anfang der Schwangerschaft gar nicht wahrhaben, dass es tatsächlich sie getroffen hat. Anzeichen werden einfach ausgeblendet – „Das passiert vielleicht anderen, aber mir doch nicht!". Außerdem fehle oftmals die Disziplin, Alkohol und Rauchen sein zu lassen und an Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel zu denken. Allerdings sieht Irmfriede Pilz-Buob einen großen Vorteil darin, dass der Körper der jungen Mädchen belastbarer ist.

„Mein Kind ist da, und jetzt?"

Nach der Geburt beginnt für die jungen Frauen der Alltag mit Kind. Das ist oft schwieriger als gedacht. Der Vater des Kindes verabschiedet sich häufig schon bei den ersten Anzeichen einer Schwangerschaft, die Eltern müssen mit ihrer neuen Rolle als Großeltern erst noch vertraut werden und die junge Mutter muss sich nun auf ein zum großen Teil fremdbestimmtes Leben einstellen. In den meisten Fällen ist den Mädchen die Unterstützung ihrer Familie sicher, weiß Pilz-Buob. Trotzdem gibt es auch immer wieder junge Mütter, die sich ganz alleine um ihr Kind kümmern müssen. In diesem Fall schaltet sich das Jugendamt ein und überlegt wie es Mutter und Kind am besten unterstützen kann.

Als besonders wichtig, um Teenager-Schwangerschaften und damit Abtreibung oder Überforderung der jungen Mütter nachhaltig zu verhindern, bewertet Irmfriede Pilz-Buob die Prävention. Dazu gehöre zum einen das Zugehörigkeitsgefühl in Familie, Schule und Freundeskreis. Wenn es bereits positive Ereignisse und emotionale Bindungen im Leben der jungen Mädchen gebe, haben sie nicht das Gefühl, diese durch ein Kind erlangen zu müssen. „Das Reden darüber allein bringt nichts. Die nonverbale Seite ist viel mehr wert", sagt sie. Zu der nonverbalen Seite gehören auch Momente, in denen Teenager merken, wie anstrengend der Alltag mit einem Baby sein kann.

„Ich habe ein Baby – nur mit Ladekabel."

So ein Aha-Effekt kann mit einem Elternpraktikum erreicht werden. Hierbei sind Jugendliche ein paar Tage lang für einen Babysimulator zuständig, der genau wie ein richtiges Baby bei Tag und Nacht schreit und versorgt werden muss. Das Praktikum ist ergebnisoffen und soll einen Eindruck vermitteln, wie das Leben mit einem Baby aussieht. Es soll helfen die eigene Entscheidung zu treffen, wann eine Schwangerschaft sinnvoll und machbar ist.

Im Jahr 2000 wurde die babybedenkzeit GbR nach amerikanischem Vorbild gegründet. Das Unternehmen erwirbt die Real Care-Babysimulatoren von der amerikanischen Firma Realityworks und verkauft diese weiter an verschiedene soziale Einrichtungen. Oftmals wird der Kauf von Spenden unterstützt, denn ein Starterpaket mit Baby und Zubehör kostet stolze 1417 Euro. Für diesen Preis haben die Simulatoren aber auch allerhand zu bieten.

Sie schreien mehrmals täglich und fordern somit Pflege ein. Zu den Pflegemaßnahmen gehören das Füttern mit einem mitgelieferten Fläschchen, das Bäuerchen machen, das Wechseln der beiliegenden Windeln und das Wiegen auf dem Arm.

Bei falscher Behandlung schreit der Simulator besonders laut. Zum Beispiel wenn man den Nacken nicht stützt, das Baby schüttelt oder schlägt. Am Ende des Praktikums geben die Jugendlichen den Simulator zurück und besprechen mit dem Praktikumsleiter die Auswertungen.

„So ein Praktikum habe ich noch nie gemacht."

Eine solche Praktikumsleiterin ist Astrid Mekelburg, die in der Diakonie Grünberg in der Schwangerenberatung tätig ist. Mit den diakonieeigenen Simulatoren führt sie das Elternpraktikum in sozialen Einrichtungen, Jugendgruppen oder Schulen durch. Die Jugendlichen sind zwischen 14 und 19 Jahre alt und nehmen gerne die Chance wahr, für einige Tage das Elternsein auszuprobieren. „Durch Mund-zu-Mund-Propaganda ist das Projekt mittlerweile zum Selbstläufer geworden", so Mekelburg.

Das Projekt wird jedoch nicht, wie häufig angenommen, nur in Hauptschulzweigen durchgeführt. Auch Gymnasiasten möchten teilnehmen und begründen dies mit der Aussage „Wir können genauso schwanger werden". Zum Praktikumsverlauf gehört auch eine sexualpädagogische Einheit. Frau Mekelburg findet diese besonders wichtig: „In der Schule sind persönliche Fragen oft heikel und werden deshalb nicht gestellt. Es bleibt bei der Beschreibung der biologischen Vorgänge. In der sexualpädagogischen Einheit hingegen ist Raum für alle intimen Fragen. " Der allgemeinen Annahme, dass der erste Geschlechtsverkehr zunehmend früher stattfinde, widerspricht die Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Der Trend sei sogar gegenläufig.

„Ich kann auch Verantwortung übernehmen."

Dennoch verliert ein Elternpraktikum keinesfalls an Wirkung. Nachdem die Jugendlichen rund vier Tage mit ihrem Schützling verbracht haben, sind sich alle einig: Kinder ja, aber bitte später. Im Schnitt wird der Kinderwunsch um fünf Jahre nach hinten verschoben. Die Praktikanten erleben die Tage zwar als anstrengend und mühsam, aber auch als eine lehrreiche, wichtige Erfahrung. Viele Teilnehmer nutzen die Chance um ihr Verantwortungsbewusstsein unter Beweis zu stellen und gehen äußerst fürsorglich mit den Simulatoren um. Bereits nach dem ersten Tag, verspüren die Praktikanten Zuneigung zur Puppe. Bei der Rückgabe an Frau Mekelburg gebe es nicht selten Tränen. Selten tritt der gegenteilige Effekt ein. Dann sind die Jugendlichen noch zu jung und vom Simulator überfordert.

Astrid Mekelburg hofft mit dem Projekt Babybedenkzeit und in der Beratung die Jugendlichen zum Nachdenken zu bringen. Einige Mädchen, oft mit Migrationshintergrund, möchten schon im Jugendalter Mutter werden und sind auch nach dem Praktikum noch dieser Meinung. „Es gibt da kein richtig oder falsch. Ich wünsche mir für sie, dass sie sich bewusst für einen Lebensentwurf entscheiden und auch andere Wege sehen, wie das Leben verlaufen kann."

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Über die Autoren

Carolin Schneider

Crossmedia Redaktion/Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: SS 2014

Ann-Kathrin Schröppel

Crossmedia Redaktion / Public Relations (Bachelor)
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CR/PR
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