Klimaschutz durch erneuerbare Energien

„Die Erde ist nur bewohnbar, wenn man sie erhält.“

03.02.2015

Der Ruhestand des ehemaligen Stuttgarters Dr. Eberhard Müller scheint alles andere als ruhig: Um die knappen Ressourcen der Erde zu sparen, produziert der 66-Jährige auf seinem Hof „Pelzmühle“ bei Rosenfeld mit verschiedenen Energieanlagen eigenen CO2-freien Strom und Warmwasser. Als Berater für ökologische Ansätze und erneuerbare Energien ist der Biologe weltweit unterwegs.

Vom Hauptschüler zum Doktor – das ist die Karriere des engagierten Senioren, auf die er sehr stolz ist. Eberhard Müller hat nach seinem Hauptschulabgang eine Lehre als Vermessungstechniker gemacht und anschließend ein halbes Jahr als solcher gearbeitet. Daraufhin folgten die Mittlere Reife und anschließend das Abitur im Jahr 1970. Beim Reflektieren seines Werdegangs hat der vollbärtige Ehemann jede Jahreszahl zum dazugehörigen Ereignis im Kopf. 1979 organisierte er die erste Sonnenenergieausstellung in Stuttgart. Damals hätten es über 90 Prozent der Besucher nicht für möglich gehalten, Strom und Warmwasser aus Sonnenenergie zu gewinnen, erzählt der aktive Rentner und rückt seine Brille zurecht. „Ich wollte schon immer etwas draußen machen und nicht nur am Schreibtisch sitzen", so begründet Müller seine Entscheidung, Biologie und Mathematik zu studieren. Auf dem Wirtschaftsgymnasium in Feuerbach hat er fünf Jahre lang geholfen, den Biologieunterricht aufzubauen. Kurz darauf verbrachte der Lehrer mit seiner Familie vier Jahre in Papua-Neuguinea. Über diese Erfahrung hat Müller zurück in Deutschland 1986 seine Doktorarbeit geschrieben – während seiner Arbeit als Lehrer in den Ferien. Im Jahr 1995 informierte der Ökologe mit einem Freund alle Fraktionen des Gemeinderats in Balingen über die Chancen kostendeckender Vergütung für Solarstrom. Daraufhin wurde einstimmig beschlossen, dass die Balinger Stadtwerke garantiert zehn Jahre lang zwei D-Mark pro Kilowattstunde bezahlen werden. Das war damals ein hoher Betrag, der mehr Menschen dazu bringen sollte, erneuerbare Energien zu verwenden und den überschüssigen Strom zu verkaufen. Die Stadt war somit die zweite Kommune in Baden-Württemberg, die Fotovoltaik-Strom derart gefördert hat. Diese Förderung hat sich aufgrund des Engagements der Männer bundesweit ausgebreitet. Seine Motivation, umweltbewusst zu leben, begründet Müller mit der Schöpfungstheologie. „Selbst die Künstler setzen Jesus an Weihnachten zwischen Ochs und Esel, obwohl davon nichts in der Bibel steht. Davon lässt sich eine weltfreundliche Theologie ableiten. Die ganze Schöpfung soll erhalten bleiben", so der Prädikant der evangelischen Kirche, „denn die Erde ist nur bewohnbar, wenn man sie erhält."

Erneuerbare Energien im Bubenhofer Tal

Die sogenannte Pelzmühle ist ein Beispiel dafür, was im Anbetracht der Verwendung von erneuerbaren Energien auch im Kleinen möglich ist. Das Mühlengebäude wurde 1702 erbaut, was heute noch an einem Pfosten ablesbar ist. Die Mühle selbst ist noch älter: 1415 wurde sie erstmals urkundlich erwähnt. Bis 1963 funktionierte diese noch als Getreidemühle. Nach einer zehnjährigen Suche kaufte Müller die Mühle und die dazugehörigen Gebäude im Jahr 1988. Denn „wer Müller heißt, der braucht ja auch eine Mühle", lacht der Umweltfreund. Zudem hat er sich das Wasserrecht des kleinen Baches des Hofes gesichert. Die Mühle wird nach jahrelanger Baustellenarbeit heute ausschließlich zur Nutzung der Wasserkraft genutzt. Ein Generator, der auf der Achse des Wasserrades angebracht ist, wandelt die Bewegung des Rades in Strom um. Der Wasserstrom wird zum einen für die Elektrizität genutzt, zum anderen wird eine Wärmepumpe damit betrieben. Diese Wärmepumpe erzeugt dann Warmwasser, welches wiederum als Heizmittel genutzt werden kann. Die Wärmepumpe bleibt allerdings nicht die einzige Heizung auf dem Hof: Der Klimaschützer besitzt zudem eine solarthermische Anlage zur Erzeugung von warmem Brauchwasser. Das Heizen mit Festbrennstoff bringt ebenfalls Energie ein. Für den äußersten Notfall gibt es auch einen kleinen Gastank. Neben dem Wasserrad dient die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach ebenfalls zur Stromerzeugung. Diese war im Jahr 1993 die Größte zu dem Zeitpunkt. Ein hochmoderner, automatischer Computer regelt die verschiedenen Heizungsmöglichkeiten je nach Bedarf. Müllers Gesamtenergieproduktion beträgt pro Jahr circa 30 000 Kilowattstunden. Das ist weit mehr Energie, als der Hof bedarf. Genauer gesagt können damit bis zu 35 Menschen jährlich mit sauberem Strom versorgt werden. Die elektrische Energie, die übrig bleibt, fließt in das öffentliche Netz ein. Dafür bekommt Müller für jede Kilowattstunde zwölf Cent. „ Im steuerrechtlichen Sinne verfolge ich Gewinnerzielungsabsichten. Treten keine Schäden auf, ist die Bilanz auch positiv. Aber mit erneuerbaren Energien gewinnt man immer", berichtet der Familienvater. Außerhalb seiner ökologischen Arbeit bietet er gemeinsam mit seiner Frau heilpädagogisches Reiten an. Denn neben den Eheleuten leben auch Pferde, Ziegen, Schafe, Hühner, Hunde und Katzen auf dem Hof. Zudem ist Müller im Besitz von zwölf Bienenvölkern und er berät seinen Schwiegersohn bei der Herstellung von Biogas aus Gülle und nachwachsenden Rohstoffen.

Nachhaltige Beratung im Ausland

„In der Landwirtschaft und in der Meerwirtschaft sollte man immer zuerst erreichen, dass alles gut heranwachsen und nachhaltig leben kann. Erst wenn dieser Zustand gegeben ist, bleibt etwas zum Ernten und Fischen übrig." Diesen ökologischen Ansatz bezeichnet Müller als seinen eigenen. Als ehrenamtliches Mitglied des Senior Experten Services (SES) reist der Berater in die unterschiedlichsten Länder der Erde, um seinen Ansatz weiterzugeben. „Einen ökologischen Ansatz haben nicht viele Leute", so Müller. Die Organisation SES ist eine gemeinnützige Gesellschaft, in der Experten bestimmter Bereiche im Ruhestand die Möglichkeit bekommen, ihr Wissen in Deutschland und im Ausland zu teilen. In den vergangenen 15 Jahren war Müller neben Papua-Neuguinea in Peru, Kamerun, 10 bis 12 Mal in der Slowakei, zwei Mal in Moldawien und der Tschechei, mehrfach in Rumänien und vier Mal im Kosovo, wo er zum Beispiel 2003 bis 2004 eine landwirtschaftliche Schule für traumatisierte Jugendliche mitaufgebaut hat. Ziel des Projektes war es, die jungen Menschen zu sozialisieren und ihnen ökologischen Anbau zur Selbstversorgung zu vermitteln. Ansonsten strebt Müller standortgemäße, biologische Landwirtschaft und Meerwirtschaft an. Dabei handelt es sich beispielsweise um die Pflege von Fisch – und Muschelbeständen oder um die Beratung zum Thema Bienenhaltung. Dazu erläutert er: „Ich will nicht so verstanden werden, dass ich alles besser weiß. Ich möchte mit den Leuten vor Ort die Dinge auf ihre Situation abgestimmt weiterentwickeln. Vor Ort haben die Menschen mehr Ahnung als einer, der dazukommt." Demnach gibt Müller den Menschen im Ausland Tipps und versucht – wenn möglich – Erfahrungen aus Deutschland zu übertragen.

Tipps für unseren Alltag

Natürlich kann sich nicht jeder eine Mühle kaufen und vielleicht ist es auch nicht jedermanns Sache. Es gibt aber Dinge, die wir trotzdem tun können, um die Erde zu schützen. Würde sich jeder, dem es finanziell und rechtlich möglich ist, eine Photovoltaik-Anlage anschaffen, wäre unserem Klima schon viel geholfen. „Dass die Kernkraftwerke bis 2022 abgeschaltet werden, glaube ich erst, wenn es soweit ist. Aber ich merke deutlich, dass die Bevölkerung hellwach ist und die Energiewende will", stellt Müller fest, „ich informiere die Leute gerne über Photovoltaik, weil jeder, der so eine Anlage auf dem Dach hat, plötzlich zum energiebewussten Verbraucher wird. Und das ist das Entscheidende. " Die Politik auf bundespolitischer Ebene sollte seiner Meinung nach jedoch zur Vernunft kommen. Der Satz, der an die Leute pro Kilowattstunde bezahlt wird, die ihren übrigen Strom in das Netz einspeisen lassen, wurde wieder gesenkt. So wird in Zukunft wohl für die wenigsten Menschen ein Anreiz geschaffen, auf Sonnenstrom umzusteigen. „Jetzt, wo so viele Menschen bereit sind, erneuerbare Energien zu verwenden, werden sie von der Politik wieder aktiv ausgebremst. Obwohl der Ansatz des Erneuerbaren Energie Gesetzes (EEG) im Jahr 2000 war: ‚Klimaschutz durch erneuerbare Energien‘, sollen private Photovoltaikbetreiber jetzt auch noch für den Eigenstromverbrauch vom Dach einen Anteil der EEG-Umlage bezahlen. Das bedeutet extra Steuern." Müllers Ansicht nach werden nur noch die großen Netzbetreiber gefördert und die kleinen Lieferanten gestoppt: „Es kann nicht sein, dass die vier großen Energieunternehmen ihre wirtschaftlichen Profite sicherstellen und die dezentrale Energieversorgung derart unterbunden wird." Jeder Haushalt, der sein Warmwasser solar bezieht, kann sich ein Vorschaltgerät für die Waschmaschine zulegen. So kann diese mit sonnenaufgeheiztem Wasser betrieben werden und der teure Strom aus dem Netz kann gespart werden. Das Gerät kostet zwischen 200 und 300 Euro und ist nach einer gewissen Zeit eine rentable Anschaffung für jeden Verbraucher. „Wir brauchen zweierlei: Management auf der Produktionsseite und Management auf der Verbraucherseite", appelliert Müller. Ein kleiner Tipp, den auch wir Studenten ohne finanziellen Aufwand befolgen können ist es, so wenig Wasser wie möglich zu kochen und wenn dann den Deckel auf den zu Topf setzen. Außerdem schafft ein Grad Celsius Zimmertemperaturerniedrigung rund sechs Prozent Heizkosteneinsparung. Sein nächstes Ziel hat der Experte schon im Auge: Bald soll es eine Batterie geben, die übrigen Wind – und Photovoltaikstrom speichern kann. So können Verbraucher ihren Eigenstrom nachhaltig nutzen. Bei der Wasserkraftproduktion besteht diese Möglichkeit bereits. „Ansonsten wünsche ich mir standortgemäße Entwicklungen wie die vermehrte Wasserkraftnutzung auf dem Land", verkündet Müller, „meine Kinder und Enkel sollen schließlich auch eine Lebenschance haben".

Bildergalerie

Die Pelzmühle und ihre erneuerbaren Energien

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Über den Autor

Julia Winning

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2014