Disco-Diskriminierung

„Du kommscht hier nicht rein!“

06.07.2015

Der Einlasscode schreibt deutsches Aussehen, deutschen Namen oder deutsche Sprache vor. Ausländer feiern daher oftmals nicht in der Disco, sondern fluchen vor dem Club. Ihre Ausgrenzung ist rechtlich eigentlich verboten, in Stuttgart findet sie verdeckt dennoch statt.

Auf den ersten Blick scheint Rassismus in Diskotheken ein unbekanntes Phänomen in Stuttgart zu sein. Karl-Christian Knapp vom Amt für öffentliche Ordnung erklärt: „Konkrete Fälle, dass Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft nicht in eine öffentliche Gaststätte gekommen sind, sind bei uns bisher nicht eingegangen." Vom Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) wurde also in Bezug auf die Diskriminierung in Stuttgarter Diskotheken noch nie Gebrauch gemacht.

Anlaufstellen für Betroffene

Anitdiskriminierungsstelle des Bundes

Amt für öffentliche Ordnung Stuttgart

Allgemeine Behördennummer: 115

Ein Gesetz, das keiner braucht?

Das AGG verbietet gemäß § 1 „Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft" und gäbe diskriminierten Discobesuchern die Möglichkeit, ihre Ausgrenzung zivilrechtlich einzuklagen. Betroffene müssten innerhalb der der nächsten zwei Monate nach dem Vorfall vor Gericht ziehen und könnten Schadensersatz von den jeweiligen Disco-Betreibern einfordern.

Doch im Stuttgarter Nachtleben scheint das Gesetz eine überflüssige Rechtsnorm zu sein, schließlich gab es bisher keine öffentliche Klage, keine Kläger und damit auch keine Anklage.

Warum auch? Die Stuttgarter Diskotheken sind nach eigenen Angaben tolerant und offen für Vielfalt. Im Facebook-Chat sind sie sich einig, dass keine alkoholisierten oder aggressiven Gäste in ihre Clubs kommen. Anständiges Benehmen, angemessene Kleidung und eine gesunde Mischung an Frauen und Männern spielen eine Rolle, auf gar keinen Fall aber die ethnischen Hintergründe der Besucher.

Stuttgarter Clubs im Facebook-Chat

Gibt es besondere Einlasskriterien für Menschen mit Migrationshintergrund? Dies sind die Antworten der Diskotheken. (Grafik via Thinglink von Lena Appel)

Diskriminierung unter der Hand

Ganz so rosig scheint die Situation allerdings doch nicht zu sein. Auf Nachfrage gesteht Karl-Christian Knapp vom Amt für öffentliche Ordnung ein, dass es eine enorme Zahl an verdeckten rassistischen Vorfällen in Stuttgart gibt: „Rassistische Beleidigungen und Gewaltexzesse bekommen wir nur mit, wenn die Polizei anwesend war. Doch weder die Clubbesitzer, noch die Randalierenden wollen sich dann in die Nesseln setzen." Hintergrundinformationen bleiben daher oftmals verschwiegen und es fehlt die Substanz für eine zivil- oder strafrechtliche Verfolgung.

Der Diplom-Verwaltungswirt erklärt sich die vermeintlich vorherrschende Harmonie außerdem durch das große Angebot der Stuttgarter Nachtszene: „Auf der Theodor-Heuss-Straße sind unheimlich viele Läden dicht aneinander. Bei Problemen gibt es meist nur ein kurzes Gerangel und dann geht man eben dahin, wo man reinkommt."

Mit offenem Ohr durchs Stuttgarter Nachtleben

Welche Erfahrungen Jugendliche mit Migrationshintergrund gemacht haben und welche Aussortiertechniken die Türsteher tatsächlich anwenden, verrät eine Umfrage in der Stuttgarter Innenstadt. Die Umfrage ist eine Momentaufnahme und beinhaltet persönliche Einschätzungen, Eindrücke und Emotionen. Die Aussagen können daher nicht verallgemeinert werden, sie spiegeln aber die Grundstimmung im Stuttgarter Nachtleben wieder.

Eintauchen in die Clubszene

Jugendliche mit Migrationshintergrund und Türsteher erzählen über ihre Erfahrungen an der Discotüre. (Fotos: Lena Appel)

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Über den Autor

Lena Appel

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015