Homosexualität und Kirche

„Es müsste mehr Ehrlichkeit einziehen“

20.01.2016

„Schläft einer mit einem Mann wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen. Beide werden mit dem Tod bestraft.“ Über Jahrhunderte prägten Auslegungen von Bibelstellen wie dieser den Umgang der Kirche mit Homosexuellen. Was bedeutet das heute noch für das Leben Homosexueller?

2007 fordert ein Kardinal die Parteien seines Landes auf, Schwule und Lesben nicht länger im öffentlichen Amt einzusetzen. 2012 wird der Vertrag einer Erzieherin im evangelischen Kindergarten in Neu-Ulm nicht verlängert, weil die kirchliche Leitung ihre Homosexualität als unnatürlich verurteilt. Die langjährige Mitarbeiterin eines katholischen Horts der Caritas wird im April dieses Jahres entlassen, weil sie den Plan offenlegt, im Sommer eine eingetragene Lebenspartnerschaft mit ihrer Freundin einzugehen: Im kirchlichen Arbeitsleben wie in zahlreichen vatikanischen und landeskirchlichen Bescheiden äußert sich die offene Diskriminierung Homosexueller.

Vatikan: Klar homophobe Signale

Solche Kündigungen sind möglich, weil die Kirchen in Deutschland eine rechtliche Sonderstellung innehaben. Sie dürfen unter anderem Menschen entlassen, wenn diese nicht mit ihren Glaubensvorstellungen übereinstimmen.

„Meine Homosexualität hinderte mich daran, Priester zu werden", sagt auch Heiko Hauger, Katholik aus Stuttgart-Feuerbach. Nach seinem Theologiestudium wurde er stattdessen Bestatter. Gläubig ist er nach wie vor. Die klar homophoben Signale aus Rom machten Menschen wie ihm allerdings das Leben schwer, sagt er – und er meint damit auch diejenigen, die im Gegensatz zu ihm trotz ihrer Homosexualität das Pfarramt bekleiden. Sie schweigen, um ihren geistlichen Beruf ausüben zu können. Von ihnen gebe es viele, schätzt Hauger. Und für beide Gruppen ist der Leidensdruck hoch.

„Ich darf schwul sein, aber nicht schwul leben"

Die Wurzeln homophober Wertungen innerhalb der Kirche liegen tief. 390 nach Christus verhing Kaiser Valentinian II. die Todesstrafe über die Homosexualität. Im Mittelalter verbreiteten Herrscher die Angst vor einem ähnlichen Schicksal wie dem der biblischen Städte Sodom und Gomorrha. Die Begründung: Sünden zweier homosexueller Menschen könnten sich auf alle ausweiten und Gott sie hierfür bestrafen. Wörtliche Interpretationen des ersten und dritten Buch Mose und der Paulusbriefe werten die Homosexualität ab. Sie sei nicht von Gott gewollt, verletze seine Heiligkeit oder verstoße gegen die Natur der Schöpfung. Da Gott die Menschen – Mann und Frau – nach seinem Abbild geschaffen habe, entspräche nur die Vereinigung beider Geschlechter seiner Vorstellung. Auch solle die Sexualität nur der Fortpflanzung dienen. Beide Interpretationen richten sich nicht gegen den einzelnen Menschen mit homosexueller Neigung, nur gegen Paare, die ihre Sexualität ausleben. Diese Auffassung gilt nach wie vor in beiden Kirchen. „Ich darf schwul sein, jedoch nicht schwul leben", so drückt es Axel Schwaigert aus. Er ist evangelischer Theologe. „Wo hört das eine auf, wo fängt das andere an?"

„Homosexuellen mit Mitleid begegnen"

Manche geltenden vatikanischen Schreiben der letzten 50 Jahre versuchen zwar, Homosexualität mit dem christlichen Gebot der Nächstenliebe zu vereinen. Homosexuellen sei „mit Achtung" zu begegnen, konstatiert der Katechismus, der die Grundsätze des katholischen Glaubens festhält. Doch im gleichen Dokument ist die Rede von „Mitleid". Die Todesstrafe, die in manchen Ländern auf homosexuelle Praktiken aussteht, verurteilt die römisch-katholische Kirche mittlerweile genauso wie die nicht näher definierte „Zurücksetzung" homosexueller Menschen. Ist es dann keine Diskriminierung, sie aufgrund ihrer Sexualität zu entlassen? Obwohl Medienberichten zufolge im Mai 2015 deutsche Bischöfe das nationale kirchliche Arbeitsrecht lockerten, mutmaßlich aus Personalmangel, sind schwule Geistliche im Verkündungsdienst noch voll betroffen. So jüngst auch der polnische Priester Krysztof Charamsa, der sich im Sommer 2015 mit Partner outete.

Die evangelische Kirche Deutschland (EKD) äußerte 1996 erstmals ihre Meinung dazu, wie Homosexuelle behandelt werden sollten. Die in der Gesellschaft bestehende Verurteilung von Schwulen und Lesben sei unter anderem ihre Schuld, gibt der zuständige Ausschuss in der Veröffentlichung „Mit Spannungen leben" zu. Die EKD stehe in der Pflicht, Minderheiten in der Gesellschaft zu schützen. Auch sie führt Gründe an, warum es falsch sei, homosexuelle Menschen zu diskriminieren. Als von Gott akzeptiert kann sie sie aber auch nicht anerkennen.

„Die Gemeinden sind weiter als die Kirchenleitung"

„Ist das noch zeitgemäß?", fragt sich Heiko Hauger. Er weiß, dass er auch heute nicht praktizieren dürfte, nicht als Katholik in Baden-Württemberg. Bei den Protestanten tut sich allerdings mehr. In manchen Landeskirchen könnte er heute als Pfarrer wirken. Hessen und Nassau haben 2013 auch die Segnung homosexueller Paare weitgehend mit der Ehe gleichgestellt. Laut Medienberichten beraten weitere Landeskirchen über diesen Schritt. Aber katholische Gemeinden regen sich ebenfalls: Das Diözesenforum– eine Versammlung von Diözesanleitung und Vertretern von Priestern, Hauptamtlichen und ehrenamtlich engagierten, hat sich sich in einem Votum mehrheitlich für die Segnung Homosexueller Paare ausgesprochen. Der Bischof und die Kirchenleitung haben es aber nicht umgesetzt, weil es gegen die Lehre sei, weiß Hauger. Er selbst zeigt sich öffentlich mit Partner und wird in seiner Gemeinde in Stuttgart Mitte von den anderen Kirchgängern akzeptiert. „Glaube ich zumindest", lacht er.

Eine Frage des Glaubens

Mittlerweile engagieren sich auch christliche Vereine heute für die Gleichstellung von Menschen mit anderer Sexualität: Juliane Fiegler, Mitglied der Initiative Katholische Studierende Jugend (KSJ), wertet die absolute Nächstenliebe und den Wert der Gerechtigkeit als das, was ihren Glauben ausmacht. Sie ist der Meinung, dass solche Bibelstellen wichtiger sind als diejenigen, die Menschen in irgendeiner Weise ausschließen, bewerten oder abwerten. „Wenn Menschen vor Gott gleich sind, dann sollten sie auch voreinander gleich sein."

Verbände wie die KSJ führen Jugendliche an den Glauben heran und setzen der offiziellen Lehre der Kirche gleichzeitig etwas entgegen. Damit versuchen sie, die Kirche von innen heraus zu verändern. Offiziell haben sie nur sehr wenig Einfluss auf kirchliche Äußerungen, denn sie sind sogenannte Laienverbände. Mit welchen Fragen sie sich inhaltlich beschäftigen, entscheiden sie unbeeinflusst von der Kirche. Sie wollen die Wahrnehmung Gläubiger und die Wahrnehmung der Gesellschaft von diesen Gläubigen verändern. „Langfristig. Dafür ist ein Generationswechsel nötig und ein Strukturwandel", sagt Juliane Fiegler.

Der Dialog fehlt

Die Gläubigen sind heute also offener. Diese Entwicklung sähen die Kirchen nicht, glaubt Fiegler, weil sie die Laienverbände zwar wahr-, aber nicht richtig ernst nähmen. Auch Heiko Hauger wirft der Kirche vor, sich vor der tatsächlichen Lebenssituation der meisten Menschen zu verschließen.

Sie müsse sich zunächst damit auseinandersetzen, wie es in Wirklichkeit aussieht: die Augen öffnen für profane Dinge wie der großen Anzahl homosexueller und pro-homosexueller Menschen, deren Familienleben nicht mehr dem Idealbild der Kirche entspricht. „Es müsste mehr Ehrlichkeit einziehen", sagt er. Im Vorfeld der katholischen Familiensynode im Oktober dieses Jahres befragte der Vatikan hierzu die Gläubigen der verschiedenen Diözesen. Diesen Schritt lobt Hauger als einen richtungsweisenden Anfang.

Doch die große Veränderung in den Kirchen bleibt bisher aus. Vermutlich wird es noch Jahrzehnte dauern, bis die Institutionen Homosexuelle offiziell akzeptieren – falls das überhaupt passiert. Aber vielleicht können die Gläubigen in kommender Zeit eine Veränderung bewirken.

Axel Schwaigert hat sich unterdessen für einen anderen Weg zu mehr Akzeptanz entschieden.

Katholische Studierende Jugend

Die katholische Studierende Jugend (KSJ) ist ein katholischer Jugendverband von Schülern und Studenten. Er ist demokratisch strukturiert und gehört dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend an. In den einzelnen Bistümern und lokalen Ebenen werden Gruppenstunden und Sommerlager für Jugendliche angeboten. Vor allem auf Bundesebene beschäftigen sich die Mitglieder mit politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Themen. Insgesamt will der Verband junge Menschen bei der Identitäts- und Glaubensfindung begleiten.

Mehr Infos unter: www.ksj.de

Metropolitan Community Church

Die Metropolitan Community Church, auch Universal Fellowship of Metropolitan Community Churches (UFMCC), ist eine Freikirche mit christlich-protestantischem Ursprung. Sie entstand im Oktober 1968 in Los Angeles – anfänglich als Reaktion auf die Diskriminierung von Schwulen und Lesben. Heute versteht sie sich als Kirche für alle und zählt rund 200 Mitgliedsgemeinden weltweit.

Seit April 2000 gibt es die MCC Gemeinde in Stuttgart.

Mehr Infos unter: www.umfcc.net/

„Man kann die Kirchen durchaus zur Veränderung zwingen"

In einer Gemeinde der Metropolitan Community Church (MCC) lebt er die Toleranz gegenüber solchen Menschen, die sein ursprünglich gewünschter Arbeitgeber diskriminiert hätte. Die Freikirche entstand ursprünglich aus Protest gegen die Homophobie der evangelischen Kirche, heute will sie in ihren Gemeinden alle mit einbeziehen.

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