Zeitforschung

„Hast du mal kurz Zeit?“

04.02.2015

Versucht einmal folgenden Satz zu vervollständigen: Zeit ist… – und habt ihr eine Antwort gefunden? Während meinen Vorbereitungen zu dem Interview mit der Zeitsoziologin Nadine Schöneck-Voß, fiel mir auf, dass ich noch nie darüber nachgedacht hatte, was Zeit überhaupt bedeutet. Ich habe mich auf die Suche nach ihr gemacht.

© Robin Müller

Die Zeit ist für uns meist ein abstrakter Begriff. Wir denken bei Zeit häufig an Sekunden, Minuten, Stunden – aber ist Zeit so etwas, wie die Armbanduhr an meinem Arm? Das Tick-Tack des Zeigers? Das kann nicht die Antwort sein. Eine Uhr ist nur ein Messgerät – eine Orientierung, gemacht von uns Menschen.

Weil ich zunächst keine Antwort fand, was Zeit denn eigentlich ist, fragte ich gleich zu Beginn des Interviews: „Was ist Zeit?" Die Zeitforscherin lachte darauf kurz und antwortete: „Eine der schwersten Fragen, die man mir stellen kann."

Sie erklärt, dass Menschen häufig eine alltagsnahe Definition für Zeit verwenden, wie zum Beispiel „mit dem Hund spazieren gehen" oder: „Zeit ist das Gegenteil von Stress." Auf jeden Fall ist Zeit „ein unglaublich facettenreicher, schillernder Begriff, der auch hochgradig subjektiv ist", so Schöneck-Voß.

Zeit und Nachhaltigkeit

In unserem alltäglichen Sprachgebrauch taucht die Zeit häufig in Verbindung mit anderen ökonomisch geprägten Wörtern auf. Wir investieren, verschwenden oder sparen sie. Im Berufsleben spielt das Zeitmanagement eine immer wichtigere Rolle. Es liegt daher nahe, Zeit als eine Ressource zu betrachten, die sich regulieren lässt. Aber ist sie das auch? Zumindest unter einer bestimmten Perspektive: Zeit kann in andere Ressourcen umgewandelt werden. Wenn wir zum Beispiel unsere Arbeitszeit verkaufen, bekommen wir dafür Geld.

Wenn wir mit Zeit unsere Lebensdauer meinen, dann ist sie sogar eine kostbare Ressource, denn sie ist endlich. Nadine Schöneck-Voß verdeutlicht das so: „24 Stunden, 1440 Minuten, die stehen jedem von uns zur Verfügung. Da können sie noch so wichtig oder bekannt sein – auch Frau Merkel hat nicht mehr als 1440 Minuten pro Tag."

Zeit ist also eine limitierte Ressource. Und so wie jede Ressource, können wir auch diese mit Nachhaltigkeit in Verbindung bringen. Dadurch, dass wir uns die Zeitform Zukunft vorstellen, sind wir erst bewegt unser Handeln nachhaltig auf diese auszurichten. Nachhaltigkeit ist so betrachtet, die erweiterte Auffassung von Zeit. Der Nachhaltigkeitsbegriff wäre ohne eine bestimmte, in die Zukunft gerichtete Zeitvorstellung, gar nicht existent.

Ist Zeit Geld?

Nicht für jeden ist Zeit eine kostbare, da knappe Ressource – man denke nur an Langzeitarbeitslose. Für diese Menschen wird Zeit oft zur Qual, weil sie aus Sicht der Betroffenen nicht sinnvoll ausgefüllt wird. Sie haben weniger ein Zeit- als vielmehr ein Geldproblem. Ist es also so, wie Benjamin Franklin sagte: Zeit ist Geld? „Das stimmt wirklich nur begrenzt. Geldreste können angesammelt werden. Mit Zeit geht das nicht, außer vielleicht bei Arbeitszeitkonten", kommentiert die Zeitexpertin.

Zeit ist vielleicht unter ökonomischer Perspektive Geld, aber sie verhält sich nicht wie diese. Sie kann nicht gespart werden. Wenn wir eine viertel Stunde auf die Bahn warten, dann können wir diese 15 Minuten nicht auf ein Konto überweisen und irgendwann wieder abheben.

Zeit als Statussymbol

Oft wünschen wir uns, dass wir mehr Zeit für etwas hätten. Gerade in stressigen Phasen mit Termindruck, wie zum Beispiel in Prüfungsphasen oder anstrengenden Wochen voller Arbeit, beklagen wir oft: „Ich habe gerade überhaupt keine Zeit."

Viele haben das Gefühl, dass alles immer schneller wird. Die Medien sprechen von einer Beschleunigungsgesellschaft – von Burnout, Depressionen und einem schnellen Leben. Doch haben wir wirklich so wenig Zeit? In einigen Studien wurde herausgefunden, dass viele Menschen durchaus über freie Zeitressourcen verfügen:

„Bei Zeitbudgeterhebungen stellt sich regelmäßig heraus, dass die Menschen über Zeit oder Beschleunigungsdruck und Stress klagen. Allerdings fand man ebenso heraus, dass diese Menschen auch viele freie Zeitressourcen haben", so Schöneck-Voß.

Das Problem der freien Zeitressourcen ist, dass wir diese oftmals zwischen größeren Aktivitäten haben und sie somit nutzlos sind. Beispielsweise wenn wir zwischen zwei Terminen zwanzig Minuten Pause haben, ist diese Zeit zwar frei, wir können sie aber nur eingeschränkt nutzen. Viele Ortswechsel oder Bewegungen im Raum erwecken zusätzlich den Eindruck eines vollen Tages.

Außerdem ist Zeitmangel zu einem imaginären Statussymbol geworden. „Ich habe gerade überhaupt keine Zeit." – ein Satz der Begehrlichkeit symbolisiert. Oder auch „Ich hatte einen harten Tag". Worte, die so etwas bedeuten könnten wie: Ich habe heute viel für diese Gesellschaft geleistet.

Die Zeit nutzen

Was uns oft so an der Zeit stört, ist der ständige Druck oder gar die Angst vor der Verschwendung. In gewisser Weise ist es natürlich sinnvoll, seine Zeit zu planen. Aber allein dadurch, dass wir von anderen Menschen oder Dingen abhängig sind, ist es nicht möglich, die Zeit ständig optimal zu verwenden. Doch genau das ist das Problem: man muss erst wieder lernen zu akzeptieren, nichts zu tun.

Nadine Schöneck-Voß fasst das folgendermaßen zusammen: „Mit diesem Zeitnutzungsimperativ, also der Selbstaufforderung, die Zeit so effektiv und effizient wie möglich zu nutzen, läuft man Gefahr enorm unter Stress zu geraten und auf lange Sicht möglicherweise unglücklich zu werden."

In der Gesellschaft wird ein effektives Zeitmanagement als sehr wichtig betrachtet. Das setzt auch Studierende seit Generationen unter Druck. Da die Studierendenanzahl weiterhin steigt, entsteht ein zusätzlicher Konkurrenzdruck und man hat das Gefühl, ständig etwas Sinnvolles mit der Zeit anstellen zu müssen.

Keine Angst vorm Nichtstun

Zeit kann also in gewisser Weise alles sein: Für manche ein Spaziergang mit dem Hund, für andere eine physikalische Größe. Eine Ressource, Geld, Freizeit. Und unter bestimmten Aspekten hängt Zeit eng mit dem Begriff der Nachhaltigkeit zusammen. Zeit und Zeitempfinden sind sehr subjektiv. Aber wir müssen lernen, dass Zeit nicht immer von uns befüllt werden muss. Sie kann nicht in jedem Moment unseres Lebens sinnvoll und bereichernd genutzt werden. Die Zeitverschwendung ist im Alltag allein durch die Interaktion mit anderen Menschen nicht zu vermeiden.

Wirklich nichts zu tun – das fällt uns gerade in der heutigen Gesellschaft schwer, da wir immer das Gefühl haben, wir müssen etwas leisten. Hinzu kommen beinahe unendliche Entscheidungsmöglichkeiten. Deshalb ist es langfristig gesehen sinnvoll, freie Stunden auch wirklich zum Abschalten zu verwenden. Das Smartphone nehmen und das Wort „Nichts" in die Kalender-App eintragen. Und sich nicht wieder Arbeit suchen, nur um sagen zu können: „Ich hatte einen harten Tag."

Total votes: 579
 

Über den Autor

Robin Müller

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: SS 2014