22 Fragen an einen zukünftigen Lehrer

„Herr Becker, ich hätte da mal eine Frage.“

02.02.2017

Mit 25 Jahren die Welt entdecken, ein neues Studium anfangen oder vor einer Klasse aus 30 Schülern stehen und unterrichten. Steven hat sich für letzteres entschieden. In ein paar Monaten, wenn er alle Prüfungen bestanden hat, wird der Referendar als Lehrer unterrichten. Grinsend sitzt er vor mir. Fast schon schelmisch. Er entspricht so gar nicht dem Bild, wie ich mir einen Lehrer vorstelle. Er ist groß, schlank, trägt ausgewaschene Jeans und ein lässiges T-Shirt. Ein Sunnyboy mit wuscheligen Haaren. Im Interview spricht er über Emotionen, Klischees und den besten Beruf der Welt.

„Nach Unterrichtsende ist man auch als Lehrer ein ganz normaler Mensch, das vergessen die Schüler manchmal." Quelle: privat

Als Mittzwanziger vor einer Klasse aus 30 Schülern zu stehen: Gibt es da nicht manchmal Probleme mit der Autorität?

Steven: Die Frage wird mir tatsächlich ziemlich häufig gestellt. Bisher hatte ich allerdings keine Probleme damit.

Wirklich nicht?

Steven: Autorität hat für mich nichts mit dem Alter zu tun. Autorität ist was Natürliches. Das kennt doch jeder: In einer Clique gibt´s immer einen, der wie selbstverständlich die Führung übernimmt. Diese Person muss nicht immer die älteste sein, sondern die, die am meisten Autorität ausstrahlt. Wenn man das als Lehrer nicht vorweisen kann, wird man ganz schnell zur Zielscheibe.

Hattest du zu Beginn deines Studiums bestimmte Lehrer als Vorbilder?

Steven: Vorbilder nicht, eher Antibilder. Gerade im Bereich Religion gab´s Lehrer, bei denen man dann gedacht hat: So will ich´s nicht machen. Meine Sportlehrer fand ich eigentlich immer ganz cool. Aber die haben es natürlich auch einfacher als andere.

Bist du deswegen Sportlehrer geworden?

Steven: Unter anderem, ja. Als Sportlehrer kann man die Kids auf einer anderen Ebene erreichen und ihnen durch Sport das ermöglichen, was ihnen im Privaten oft fehlt.

Wie sieht es mit den anderen Fächern aus, die du unterrichtest?

Steven: Für Englisch habe ich mich entschieden, weil ich zur Hälfte Amerikaner bin und mir das Fach sehr leicht fällt. Für katholische Religion, weil ich gemerkt habe, dass die Kids was brauchen, woran sie sich orientieren können. Das merke ich in letzter Zeit immer häufiger. Klar, gibt es dann trotzdem einige, die damit nichts anfangen können, aber das ist dann eben so.

Was geht dir bei deinem Beruf an die Substanz?

Steven: Wenn Kinder zuhause Probleme haben und für die Eltern sorgen müssen, da frag ich mich oft: Wo bleibt eigentlich das Kindsein?

Stimmt es, dass die Schüler immer schlimmer werden?

Steven: So verallgemeinern kann man das nicht. Ich glaube, dass die Schüler in der heutigen Zeit einfach einen anderen Anspruch haben. Ein Lehrer vermittelt nicht mehr nur Wissen, es bleibt auch viel Erziehungsarbeit an ihm hängen, da das ganz oft nicht mehr von zuhause kommt. Viele Eltern sind sehr beschäftigt, beziehungsweise müssen es auch sein. Oft wird vergessen, dass der Lehrer im Fokus von 30 Kindern steht, ob bewusst oder unbewusst, da hat man einfach eine große Vorbildfunktion.

Die äußert sich wie?

Steven: Das fängt bei der Pünktlichkeit an. Wenn der Lehrer nicht pünktlich ist, kann er das auch von seinen Schülern nicht erwarten. Das wird dann später im Beruf um einiges schlimmer sein, als in der Schule. Es geht dann weiter über Disziplin, Höflichkeit und ein gepflegtes Äußeres.

Wie sieht der typische Lehrer aus?

Steven: Der Stereotyp trägt Hemd, Lackschuhe und ist sehr ordentlich.

Trägst du auch Hemd und Lackschuhe?

Steven: Manchmal auf jeden Fall, man bedient sich da gern mal des Klischees und merkt dann auch, dass es wirkt.

Und mit welchem Klischee würdest du gerne aufräumen?

Steven: Ein Lehrer hat morgens Recht und mittags frei. Das ist einfach nicht so! Morgens Recht stimmt meistens, aber mittags frei haut nur selten hin.

Wie stehst du zu solchen Vorurteilen?

Steven: Ich denke, da muss man als Lehrer drüberstehen und ein dickes Fell haben. Die dummen Sprüche kommen mit Sicherheit, ob auf der Familienfeier oder wenn man Eltern von Schülern beim Einkaufen trifft. Da hilft nur eine gute Portion Humor und Selbstironie.

Man sagt ja, soweit ich weiß, nicht Ferien, sondern unterrichtsfreie Zeit. Hast du wirklich keine Ferien?

Steven: Naja, die unterrichtsfreie Zeit ist schon wie Ferien. Man braucht einfach die Zeit, um sich zu erholen und den Kopf frei zu bekommen. Natürlich liege ich keine sechs Wochen am Stück in der Sonne, es muss ja auch der Unterricht vorbereitet werden.

Hast du viel Stress?

Steven: Ja! Sehr viel. Neben dem wirklichen Unterrichten ist noch viel drum herum: Unterrichtsvorbereitung, Elternabende, Konferenzen. Bei mir kommt dazu, dass ich ja noch im Referendariat bin und dadurch Hausarbeiten und Prüfungen ablegen muss. Der Stress ist einfach geballter, wenn man sechs oder sieben Stunden am Stück unterrichtet. Aber mit der Routine gibt sich das bestimmt. Außerdem macht´s trotz allem so viel Spaß, dass man den Stress gerne in Kauf nimmt.

Verdienen Lehrer genug?

Steven: Ja.

Skurrilstes Erlebnis in deinem bisherigen Lehrerdasein?

Steven: Mich hat mal ein Schüler buchstäblich angekotzt. Das war in dem Moment natürlich nicht so cool, aber im Nachhinein sehr lustig. Ich bin dann den ganzen restlichen Schultag in meinen Sportklamotten herumgelaufen.

Gibt es den perfekten Lehrer?

Steven: Nein. Es gibt so viele verschiedene Schüler, von denen jeder einen anderen Anspruch hat. Den Perfekten in dem Sinne gibt es daher nicht, es gibt nur einen, der sehr angenehm für einen Großteil der Schüler sein kann.

Welche Eigenschaften sollte dieser haben?

Steven: Er muss sich für die Schüler einsetzen, sich Zeit nehmen, drum herum Sachen zu machen und trotzdem auch auf den Putz hauen können, wenn´s sein muss.

Hast du all diese Eigenschaften?

Steven: Ich glaube nicht, dass ich alle schon perfekt beherrsche. Aber das ist ja auch normal am Anfang des Berufswegs. Ich denke, ich könnte mir in meiner Hektik manchmal noch mehr Zeit für die Schüler nehmen.

Gibt es Lieblingsschüler?

Steven: Gibt es. Jeder, der das leugnet, lügt sich selbst an. Die Kunst liegt allerdings darin, das nicht mit einfließen zu lassen.

Wie möchtest du deinen Schülern in Erinnerung bleiben?

Steven: Als sehr fürsorglicher Lehrer, der sich um die Kids bemüht hat. Man darf aber auch nicht vergessen, dass man als Lehrer immer einer von vielen ist.

Ist Lehrer der beste Beruf der Welt?

Steven: Ja! Es ist ein wunderschöner Beruf, der zwar manchmal an den Nerven zerrt, einem letztendlich aber so viel mehr gibt.

Total votes: 58
 

Über den Autor

Malin Zeuchner

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016