Interkultureller Pflegedienst

„Hilfe anzunehmen ist nie leicht“

21.07.2015

Die Zahl der älteren Migranten mit Pflegebedarf in Deutschland wächst, doch viele scheuen sich fremde Hilfe anzunehmen. Das bestätigt ein Forschungsbericht des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Betül Celik möchte mit ihrem interkulturellen Pflegedienst „Ikra“ in Stuttgart helfen, die Hemmschwelle für ältere Migranten abzubauen. Im Interview spricht sie über kultursensible Pflege und Patienten ohne Deutschkenntnisse.

Diya: Frau Celik, Sie leiten den einzigen Pflegedienst in Stuttgart, der sich auf die Pflege von Migranten spezialisiert hat. Wie kam es dazu?

Betül Celik: Als deutsch-türkisches Migrantenkind sehe ich in diesem Bereich ganz klar einen wachsenden Bedarf. Ich habe bereits als Angestellte bei einem interkulturellen Pflegedienst gearbeitet, der leider aus wirtschaftlichen Gründen schließen musste. Da ich aber von der Idee überzeugt war, habe ich mich entschieden, selbst einen interkulturellen Pflegedienst zu gründen. So konnte ich viele der Patienten übernehmen, zu denen ich bereits einen persönlichen Bezug hatte.

Diya: Worin liegt die Besonderheit eines interkulturellen Pflegedienstes?

Celik: Pflegebedürftige Migranten wissen oft nicht, an wen sie sich wenden können. Das liegt zum einen an der sprachlichen Barriere, zum anderen an kulturellen Hintergründen. Mit dem Alter ziehen sich viele Menschen zunehmend in ihre Ursprungskultur und -sprache zurück. Ich als Deutsch-Türkin bin mit beiden Kulturen aufgewachsen und kann mich in beide hineinversetzten. Für deutsche Pflegekräfte ist das oft schwieriger.

Diya: Können Sie diese kulturellen Unterschiede genauer erläutern?

Celik: Das fängt meistens schon bei der Begrüßung an. Für Muslime ist der Handkuss sehr wichtig und die Schuhe müssen an der Wohnungstür ausgezogen werden. Dann müssen die verschiedenen Feiertage beachtet werden. Also an welchem Feiertag man sich wie verhalten muss. Im Fastenmonat Ramadan zum Beispiel versucht unser kultursensibler Pflegedienst mehr auf die Wünsche der Patienten einzugehen als ein normaler Pflegedienst.

Diya: Ist es dann nicht ausreichend, wenn deutsche Pflegekräfte einige der kulturellen Gebräuche erlernen?

Celik: Natürlich können einige kulturelle und religiöse Gebräuche erlernt werden, aber die Sprache ist und bleibt ein Problem. Fast 90 Prozent unserer türkischen Patienten sprechen kein Deutsch. Es ist nur möglich einen persönlichen Bezug herzustellen, wenn die Pflegekraft selbst türkisch spricht. Bei uns arbeiten allerdings auch deutsche Pflegekräfte, die dann andere Aufgaben, wie beispielsweise die Rezeptvergabe übernehmen. Das wissen die Patienten dann schon.

Der interkulturelle Pflegedienst „Ikra"

Seit März bietet der interkulturelle Pflegedienst Hilfe für ältere Menschen mit und ohne Migrationshintergrund an.

Diya: Kommt für die älteren Migranten eine Rückkehr in die Heimat nicht in Frage? Sprache und Kultur wären dort ja vertrauter?

Celik: Die Menschen, die einen interkulturellen Pflegedienst benötigen, sind oft bereits in der dritten Generation in Deutschland. Ihre Kinder und Enkelkinder leben hier, wohingegen in der Heimat meist nur noch wenige Verwandte wohnen. Früher war es üblicher in die Heimat zurückzukehren, heute ist das anders.

Diya: Untersuchungen belegen, dass bisher nur sehr wenige ältere Migranten ambulante oder stationäre Pflegedienste nutzen. Wie kommt es dazu?

Celik: Ja, denn in der türkischen Kultur und auch in vielen anderen Kulturen ist es üblich, dass sich die Kinder und Enkel um die älteren Familienmitglieder kümmern. Innerhalb der Familie besteht ein sehr großer Zusammenhalt. Viele sind aber berufstätig und können die Pflege gar nicht alleine schaffen. Es hilft den Angehörigen dann oft, wenn wir der gleichen Kultur angehören und die Älteren so versorgen, wie sie es selbst machen würden. Natürlich versucht das jeder Pflegedienst. Aber ich denke ein kultursensibler Pflegedienst nimmt sich dafür mehr Zeit.

Diya: Für viele ältere Menschen ist es nicht leicht einen Pflegedienst in Anspruch zu nehmen und sich von Fremden helfen zu lassen. Ist die Hürde bei Menschen mit Migrationshintergrund noch höher?

Celik: Ich denke, für ältere Menschen ist das nie leicht. Das Schamgefühl und auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, wenn eine sprachliche oder kulturelle Barriere vorhanden ist, ist aber oftmals noch größer. Zum Beispiel möchten viele Frauen nicht von Männern gewaschen werden.

Diya: Wieso gibt es dann nur so wenige interkulturelle Pflegedienste in Deutschland?

Celik: Das ist ein schwieriges Thema. Vorsichtig gesagt, liegt es am mangelnden Engagement. Denn es gibt oft Personalmangel. Aber wir hoffen, dass es besser wird und sich in den nächsten Jahren etwas tut.

Diya: Durch den demografischen Wandel werden zunehmend Altenpflegekräfte benötigt. Woher bekommen Sie geeignetes Personal?

Celik: Personal in diesem Beruf zu finden, egal ob ambulant oder stationär, ist wirklich katastrophal. Pflegekräfte zu finden, die mit einer anderen Kultur vertraut sind, ist natürlich umso schwieriger. Ich habe das Glück, dass es in meinem Bekanntenkreis viele Altenpflegerinnen und Krankenschwestern gibt. Außerdem macht mein Ehemann eine Ausbildung zum Altenpfleger. Wir haben aber auch zwei deutsche Pflegedienstleitungen und möchten in Zukunft für unsere italienischen und griechischen Patienten ebenfalls Altenpfleger einstellen. Wir sind also richtig interkulturell.

Diya: Entstehen durch diese speziellen Voraussetzungen ein größerer Organisationsaufwand und höhere Kosten?

Celik: Ja, beides. Dadurch, dass wir ein interkulturelles Konzept haben, sind wir in der ganzen Region Stuttgart unterwegs. Oft decken ambulante Pflegedienste nur einen Umkreis von zehn bis 15 Kilometern ab. Bei uns ist das anders. Wir haben zum Beispiel einen Patienten in Esslingen zu dem wir jeden Tag fahren. Das kostet natürlich viel mehr Zeit und Fahrtgeld. Bezahlt werden wir aber wie alle anderen Pfleger auch.

Diya: Lohnt sich das dann überhaupt für Sie in finanzieller Hinsicht?

Celik: Wirtschaftlich gesehen ist das natürlich nicht so gut. Denn wenn ich die Benzinkosten und die Zeit abziehe, bleibt nicht mehr viel übrig. Denn mehr abrechnen können wir nicht. Aber die Patienten sind auf uns angewiesen und wir machen unsere Arbeit ja auch von Herzen.

Diya: Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft?

Celik: Stuttgart hat sehr viele ältere Migranten, deshalb muss hier noch mehr im interkulturellen Bereich gefördert werden. Ein interkulturelles Alten- und Pflegeheim mit mehrsprachigem Personal wäre toll. Wir bieten selbst ja nur einen ambulanten Pflegedienst an. Aber ich glaube, dass sich da in der nächsten Zeit etwas tut. Zumindest hoffe ich das.

Informationen über die ältere Migrantengeneration in Deutschland. (Quellen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Ältere Migrantinnen und Migranten,18. Forschungsbericht; Zentrum für Qualität in der Pflege, Migration und die Pflege; Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Migration und Gesundheit; Erstellt von Lara Peterke)

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Über den Autor

Lara Peterke

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015