Darknet − das verborgene Internet

„Ich bin dann mal Web“

05.02.2015

Einfach mal für sich sein. Einfach mal seine Ruhe haben. Einfach mal tun und lassen, was man will – ohne die nervige NSA, ohne das mächtige Google, ohne Datenspeicherung: Willkommen im Darknet, dem unsichtbaren Teil des Internets. Hier ist alles im Angebot: Meinungsfreiheit, Privatsphäre − und nebenbei auch Unmengen an Drogen, Waffen und Kinderpornographie.

Anonymität im Internet und Darknet

Michael Knödler von der Piratenpartei Stuttgart spricht im Interview mit HUIZ über die Wichtigkeit von Anonymität im Netz.

Der erste Eindruck zählt. Im Darknet sah dieser wiefolgt aus: „Einzige Regel: Keine Kinder unter 16 und keine Top-Zehn-Politiker.» Diese Bedingung stellen die vermeintlichen Auftragskiller, die auf Hitman Net ihre Dienste anbieten. Auf den Kopf von Top-Zehn-Politiker kann man dafür ein paar Klicks weiter «wetten». Wer sich auf The Assassination Market registriert, kann anonym nach dem Crowdfunding-Prinzip Kopfgeld auf einen Todestag setzen. Auf der Abschussliste steht neben Barack Obama und Francois Hollande auch Keith Alexander, der Ex-Chef der NSA. Seiten wie diese können wohl getrost als Satire verstanden werden. Doch mit dem Angeboten von Drogen, Waffen und Kinderpornographie ist nicht zu Spaßen. Andreas Deuschle, netzpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, sieht das anonyme Darknet gespalten: «Die dunklen Netze sind nicht per se kriminell, die Technik ist neutral. Jedoch ist ein klarer Zuwachs krimineller Handlungen zu verzeichnen.»

Erst vergangenes Jahr schaltete das FBI den größten Drogenumschlagplatz Silk Road nach über zwei Jahren Ermittlungen ab. 2015 ist das «Amazon für Drogen» wieder da: Silk Road Reloaded. So einfach geht’s. In den letzten drei Jahren soll die Seite nach Schätzungen des FBI etwa 1,2 Milliarden US-Dollar umgesetzt haben − und dafür über Leichen gegangen sein. In der Anderswelt des World Wide Web ist der Teufel los.

Ich sehe was, was du nicht siehst

Wieso ist das Darknet solch ein Paradies für illegale Aktivitäten? Weil es das ist, was vom sichtbaren Internet nur behauptet wird: dezentral. Seiten des Darknets können nicht über Suchmaschinen erreicht werden, weil sie Teil des sogenannten Deepwebs sind. Das Deepweb besteht aus verschiedenen anonymen Netzwerken ohne zentralen Server zum Datenabruf. Wer eintauchen möchte, braucht beispielsweise die Verschlüsselungssoftware Tor − das Tor zum unsichtbaren Netz. Tor ist ein kostenloser Browser, der auf Firefox basiert, und für «The Onion Router» steht. Die Zwiebel steht für das Schalenprinzip: Will jemand die Aktivitäten im Tor-Netzwerk verfolgen, kommt er immer nur bis zur nächsten Schale, nicht aber bis zum Kern, dem User. Tor ist deshalb ein beliebtes Territorium für Cyberkriminalität: «Im Jahr 2012 wurden laut Löschbericht Kinderpornographie insgesamt 6.209 Hinweise zu kinderpornographischen Inhalten im BKA bearbeitet. Hiervon konnte in 545 Fällen keine Löschaufforderung weitergeleitet werden, da es sich um eine URL handelte, deren Standort über das TOR-Netzwerk verborgen war», so Deuschle.

Über den Tor-Browser surfen täglich über eine halbe Millionen Menschen im Internet. Deutschland belegt mit 32.000 Nutzern nach den USA den zweiten Rang, diese Zahlen sind dem Jahresbericht des Tor-Projekts für 2012 zu entnehmen. Nach der NSA-Affäre dürfte diese Zahl deutlich gestiegen sein.

Der Rubel rollt im Darknet

Im Darknet kriegt man alles, was man über das normale Netz nicht bekommt – aber wie bezahlt man Waffen, Raubkopien und Drogen? Mit der Kreditkarte? Mit PayPal? Mitnichten!

Ein dezentrales Netzwerk nutzt natürlich auch ein dezentrales Zahlungssystem: Bitcoins. Die virtuelle Geldeinheit, auch Kryptowährung genannt, funktioniert nur mit einer entsprechenden Transaktions-Software. Gekauft werden Bitcoins bei Internettauschbörsen (auch im sichtbaren Internet). Dem Nutzer wird nach dem nach der Installation eine einmalige Kontonummer zugewiesen. Die Überweisung verläuft völlig anonym. Bitcoin-Gläubige müssen nur die Kontonummer angeben, nicht aber den Namen. Eine Zentralbank gibt es für die anonyme Währung nicht und die Transaktionen sind für Behörden schwer zu verfolgen. Der Versand der Drogen oder Waffen erfolgt dann meist wieder klassisch mit DHL oder FedEx.

Grams ist die Suchmaschine für Drogen im Darknet. Das Design und Suchvorgang gleichen Google. Screenshot: Grams

Auch für Google gibt es ein Deepweb-Pendant: Grams. Die Drogen-Suchmaschine gleicht Google nicht nur optischen, sondern funktioniert auch so − vertrauenswürdige und beliebte Anbieter landen oben im Ranking.

Test-Einkäufe wurden bereits vielfach erfolgreich durchgeführt und dokumentiert. Die Schweizer Mediengruppe Bitnik in St. Gallen hat mit dem Random Darknet Shopper einen Roboter entwickelt, der im Darknet auf wilde Shoppingtour ging. Seine Errungenschaften: Drogen, gefälschte Jeans und der Scan eines ungarischen Passes. Nach Beendigung der Ausstellung wurden die Waren von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt.

Viel Schatten, aber auch Licht

Im syrischen Bürgerkrieg spielt das Darknet für Gegner des Regimes um Diktator Baschar al-Assad eine essentielle Rolle. Über das Tor-Netzwerk informieren sie über Angriffe des Regimes, koordinieren humanitäre Hilfe und äußern ihre Meinung. So wird das Versteckspiel im Netz zum überlebenswichtigen Kommunikationsmittel um sich frei zu äußern und zu vernetzen. Vor allem Tor möchte dies ermöglichen: «Unser Ziel ist es, die Infrastruktur für Kommunikation abzusichern», heißt es auf der Homepage. Eine Zensur soll dauerhaft verhindert werden.

Terroristen nutzen das Netzwerk aber ebenso um verschleiert zu kommunizieren, weshalb die NSA gegen Tor spioniert. In den von Edward Snowden veröffentlichten Dokumenten der NSA zeigt sich allerdings Ernüchterung über die Spionage: «Tor stinkt» und «Wir werden niemals in der Lage dazu sein, alle Tor-Nutzer zu demaskieren», heißt es in der Präsentation der NSA, die der britische Guardian veröffentlichte. Beispiele wie Silk-Road zeigen allerdings, dass Sicherheitsdienste durchaus in der Lage sind Seiten abzuschalten. «Erst am 6. November vergangenen Jahres hatten deutsche Ermittler in einer internationalen Aktion gegen den illegalen Drogenhandel im Internet bundesweit vier verdeckte Handelsplattformen im Darknet geschlossen. Es zeigt, dass hier nur durch eine internationale Kooperation der Ermittlungsbehörden Erfolge erzielt werden können», verweist CDU-Sprecher Deuschle.

Tor selbst verweist auch darauf, dass mächtige Gegner wie das FBI viel Geld in die Hand nehmen, um an die richtigen Adressen eines Servers zu kommen. Und da die Daten im Tor-Netzwerk über private hundertprozentige Sicherheit bieten verschlüsselte Netzwerke wie Tor letztendlich nicht.

Über das Tor-Netzwerk kommt man leicht ins Darknet. Die Bildergalerie zeigt einige Eindrücke aus dem versteckten Netz.

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