Polyamory

„Ich habe mehrere Partner“

21.12.2016

Für viele ist sexuelle Treue in einer Beziehung nach wie vor wichtig. Doch immer mehr Menschen entscheiden sich für alternative Beziehungsmodelle. Ist es möglich, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben? Natalia berichtet von ihrem Leben mit ihren Partnern.

Geheimhalten? Fehlanzeige! Manchmal ist sie auch mit mehreren Partnern gemeinsam unterwegs. | Quelle: Oliver Kube

Natalia saß mit ihrer Mutter im Flugzeug. „Jetzt mal raus mit der Sprache, was genau läuft da bei dir?", fragte die Mutter. Natalia zögerte kurz. „Ich werde dich nicht anlügen. Also überleg dir gut, was du fragst." Ihre Mutter verlangte eine Antwort. „Ich habe mehrere Partner", sagte Natalia. Ihre Mutter entgegnete: „Ich glaube, ich muss mich übergeben!"

„Ich bin glücklich mit dieser Lebensweise."

Natalia lebt polyamor: Sie führt mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig und auch ihre Partner können weitere Beziehungen haben. Alle Beteiligten wissen davon und sind einverstanden. Im Sommer 2013, etwa ein Jahr vor der Szene im Flugzeug, lernte Natalia jemanden kennen, der „nur poly zu haben war". Zuvor hatte Natalia monogame Beziehungen geführt, in denen Eifersucht und Verlustängste sie plagten. Daher habe sie sich zuerst viele Gedanken gemacht, ob polyamore Beziehungen für sie funktionieren. Doch die Angst sei schnell verflogen. „Ich merkte bald, dass nichts schlimmes daran ist, wenn mein Freund zum Beispiel eine andere Frau küsst", erzählt sie. Sie ist nicht mehr mit ihm zusammen, an Polyamory hält sie jedoch weiterhin fest: „Es passt einfach zu mir, ich bin glücklich damit." Vor ihrer Familie hat sie das Thema gemieden, da sie negative Reaktionen befürchtete wie die von ihrer Mutter. Diese weiß bis heute nicht alles: Weder dass Natalia bisexuell ist, noch dass ihr Sadomasochismus gefällt. Ihre Freunde und Kollegen haben überwiegend positiv und neugierig auf ihren alternativen Lebensstil reagiert.

Ehrlichkeit, Freiheit und Verbindlichkeit

Natalia ist nicht die Einzige, die sich gegen die klassische monogame Zweierbeziehung entschieden hat: Die Berliner Zeitung schrieb 2011 von sechshundert bis sechstausend Personen. Die Seite polyamorie.de schätzt, dass in Deutschland zirka zehntausend Menschen polyamor leben. Volkmar Sigusch, der als einer der bedeutendsten Sexualforscher gilt, prophezeit sogar: „Polyamory ist die Zukunft." Genaue Statistiken gibt es nicht - die Schätzungen sind sehr spekulativ. Doch dass die monogame Zweierbeziehung für viele Menschen nicht funktioniert, ist ein offenes Geheimnis: Jede zweite bis dritte Ehe wird geschieden. Die Zahl derer, die ihrem Partner heimlich fremdgehen, geht in die Millionen. Polyamory setzt auf Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber allen Beteiligten. Weitere Werte bzw. Ideale sind Respekt vor den Bedürfnissen der anderen, die Bereitschaft viel zu kommunizieren und Probleme gemeinsam zu lösen. Als polyamores Pendant zur traditionellen „Treue" gelten Hingabe und Verbindlichkeit (engl. „Commitment"). Eine einheitliche Norm, wie Mehrfachbeziehungen im Detail auszusehen haben, gibt es jedoch nicht: Viele unterscheiden klar zwischen Haupt- und Nebenbeziehungen. Andere leben in offenen oder geschlossenen gleichrangigen Mehrfachbeziehungen. Wieder andere lehnen die Unterscheidung „in einer Beziehung sein" und „nicht in einer Beziehung sein" grundsätzlich ab. Dazwischen gibt es noch die „Freundschaft plus" und monoamore, aber sexuell offene Beziehungen. Natalia lehnt starre Hierarchien ab: Jede Liebe sei ein bisschen anders, doch sie könne nicht sagen, dass die eine „mehr Wert" sei als die andere. Auch könnten sich im Laufe der Zeit Bedürfnisse, Prioritäten und äußere Umstände ändern.

Die Infotabelle dient nur der groben Einordnung. Die Übergänge zwischen den einzelnen Beziehungsformen sind meist fließend - und jede Beziehung individuell. | Quelle: Oliver Kube

Wie umgehen mit Eifersucht?

Herausforderungen und Probleme gibt es natürlich auch in polyamoren Beziehungen. „Für uns hat der Tag auch nur 24 Stunden, da passiert es schnell, dass jemand zu kurz kommt", berichtet Natalia. Schwierig werde es vor allem dann, wenn man sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe schiebe, statt gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Natalia betont immer wieder, dass Selbstreflektion und eine offene und solidarische Kommunikation enorm wichtig sind. „Manchmal muss ich mich aber auch damit abfinden, dass ich es nicht allen Recht machen kann." Auch wenn einer der Partner eifersüchtig ist, rät Natalia, offen darüber zu sprechen. „Eifersucht ist oft ein Hinweis darauf, dass mit der Beziehung oder mit einem selbst irgendwas nicht in Ordnung ist", findet sie. Sie selbst ist mittlerweile nicht mehr eifersüchtig: „Wenn ich mich vernachlässigt fühle, dann hat das nichts mit Dritten zu tun, sondern immer nur direkt mit dem Partner auf den sich das Gefühl bezieht. Mich stört dann zum Beispiel, dass er oder sie kaum mehr Zeit für mich hat. Was genau die Person in der Zeit macht, spielt dabei keine Rolle." Doch nicht immer lassen sich alle Probleme lösen: „Für manche ist Polyamory einfach nichts. Dann ist es besser, die Beziehung zu beenden, auch wenn es weh tut."

Stammtisch für junge alternative Liebe

Jungen Menschen, die sich für Polyamory interessieren, empfiehlt Natalia, einfach mal zu einem „Poly-Treffen" zu gehen. Kay Plößer hat 2013 die Leitung des Stammtischs in Stuttgart übernommen. Ihm geht es auch darum, die Akzeptanz alternativer Liebesformen zu stärken und Vorurteile abzubauen. „Oft werde ich gefragt, wie ich denn meine Partnerinnen voreinander geheim halte", erzählt er. „Dabei ist das doch schon ein Widerspruch in sich: Wenn ich geheim halten würde, wie ich lebe, würde ich doch keinen offenen Stammtisch organisieren." Die Motive derjenigen, die zu den Treffen kommen, sind unterschiedlich: Manche leben polyamor und haben ein konkretes Anliegen. Andere möchten sich allgemein austauschen. Manchmal kommen auch monogame Paare, von denen ein Partner die Beziehung gerne öffnen möchte, sich aber unsicher ist, wie er es dem anderen beibringen soll. Indem sie sich mit erfahrenen „Polys" austauschen, falle es ihnen oft leichter, sich auf Polyamory einzulassen.

Stammtisch für junge alternative Liebe in Stuttgart
Wann: Einmal im Monat an einem Samstagabend
Wo: Meist im Forum 3, Stuttgart-Mitte
Ansprechpartner: Kay Plößer (kay.ploesser@gmail.com)

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Über den Autor

Oliver Kube

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016