Kelly Insel e.V.

„Ich helfe dir!“

30.06.2017

Der Verein Kelly-Insel schafft sichere Anlaufstellen für Kinder. An diese können sich Kinder mit kleinen Problemen wie einem aufgeschürften Knie, aber auch mit ernsteren Anliegen wie gewalttätigen Übergriffen wenden.

Egal ob Bank, Polizeidienststelle oder Bäcker – bei den Kelly-Inseln bekommen Kinder Hilfe. | Foto: Anna von Teuffel

„Oh Mist”, denkt Maya. Normalerweise nimmt die Siebenjährige den Bus nach Hause, doch heute hat sie ihren Fahrschein daheim liegen gelassen. Geld oder ein Handy hat sie dummerweise auch nicht dabei. Was nun? Maya erinnert sich, dass sie in der Schule einen Film über die Kelly-Inseln gesehen hat. Darin wurde gesagt, dass sie sich, wenn sie ein Problem hat, an Geschäfte wenden kann, die das Kellysymbol im Fenster haben. Zum Glück ist neben der Bushaltestelle ein Bäcker und bei dem hängt auch eine Kelly-Insel im Schaufenster. Zielsicher steuert Maya darauf zu.

Was ist die Aufgabe der Kelly-Inseln? Wie kann ein Geschäft überhaupt Kelly-Insel werden?
Das erfahrt ihr in diesem Clip. |Video: Anna von Teuffel

Hilfe bei kleinen und großen Problemen

Die Kelly-Inseln sind das Erkennungszeichen der Geschäfte und Einrichtungen, die vom Verein Kelly-Insel mit einem Zertifikat als Anlaufstelle für Kinder in Not ausgezeichnet wurden. Das Zertifikat zeigt eine Insel mit einer Polizeikelle, grüne Blätter rahmen den Smiley auf der Kelle wie bei einer Palme ein. An diese so gekennzeichneten Geschäfte und Einrichtungen können sich Kinder mit alltäglichen Problemen wie dem verlorenen Geldbeutel oder kleinen Verletzungen wenden, aber eben auch, wenn es um ernste Anliegen wie etwa einen gewalttätigen Übergriff geht.

Die Vorgeschichte: Im Jahr 2000 verschwand die damals sechsjährige Alexandra-Sophia aus Filderstadt. 100 Tage später wurde sie tot aufgefunden. Sie war Opfer eines Sexualverbrechens geworden. „Die Menschen hatten danach ein Bedrohtheitsgefühl. Niemand wollte sein Kind mehr alleine draußen spielen lassen oder alleine auf den Schulweg schicken”, berichtet Paul Mejzlik, Kriminalhauptkommissar in Reutlingen und Gründungsmitglied des Vereins Kelly-Insel.

Kriminalhauptkommissar Paul Mejzlik mit einem der Kellyzertifikate (hier das von Deizisau). | Foto: Anna von Teuffel

Einsatz an 3.000 Stellen

Der Verein Kelly-Insel gehört zur kommunalen Kriminalprävention. Das bedeutet, dass Präventionsprojekte auf lokaler Ebene mit der Polizei zusammenarbeiten, um für mehr Sicherheit in ihrer Stadt zu sorgen. Das Gefühl von Geborgenheit wieder herzustellen – das war es, was zur Gründung des Vereins führte. In anderen Städten gab es bereits ähnliche Projekte, wie etwa die Notinsel in Karlsruhe. „Wir hätten uns anschließen können, aber uns wurde dabei nicht genügend Lokales berücksichtigt. Wir wollten ein Projekt, bei dem auch die Polizei vor Ort durch Überprüfungen mitwirkt”, sagt Mejzlik. Ein Wandel der Wegschau-Gesellschaft zur Hinschau-Gesellschaft sei das Ziel.

Inzwischen umfasst das Netzwerk für Kinderschutz, das unter der Schirmherrschaft des verstorbenen Ministerpräsidenten Lothar Späth entstanden ist, bundesweit circa 3.000 Kelly-Inseln, davon etwa 2.000 im Landkreis Esslingen. Für sein vielfältiges Engagement – zum Beispiel produzierte der Verein einen Präventionsfilm, der kostenlos an Schulen verteilt wurde – wurde Kelly-Insel schon mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem mit dem Deutschen Förderpreis Kriminalprävention im Jahr 2005.

Kelly-Insel werden

Um eine Kelly-Insel zu werden, müssen die potenziellen Anlaufstellen einige Kriterien erfüllen: Der Betrieb sollte gut sichtbar und ohne Hindernisse, wie einem Wachhund oder Treppenhaus, erreichbar sein. Auch darf es sich nicht um Privathaushalte oder sogenannte Kinder gefährdende Orte, wie etwa Bordelle, handeln. Zu den Öffnungszeiten sollte immer mindestens ein verantwortlicher Ansprechpartner für die Kinder vor Ort sein. Sowohl diese Ansprechpartner als auch der Inhaber des Geschäfts müssen einer polizeilichen Überprüfung zustimmen. Nur wenn beide Personen für unbedenklich befunden werden, sie also nicht einschlägig vorbestraft oder auffällig geworden sind, wird das Zertifikat verliehen.

So genannte „Kelly-Berater" kümmern sich jeweils um einige Kelly-Inseln. Sie halten den Kontakt zu den Inhabern der Geschäfte und überwachen den Umgang mit dem Zertifikat. Außerdem evaluieren sie die Arbeit der Kelly-Inseln, also ob und welche Hilfe Kinder benötigt haben.

Wie an dieser Bankfiliale hängen an vielen Geschäften und Einrichtungen im Kreis Esslingen und darüber hinaus die Kelly-Inseln. | Foto: Anna von Teuffel

Kelly-Insel e.V.
Im Jahr 2000 entwickelten Polizei, Bürger, Stadtverwaltung und die Alexandra-Sophia-Stiftung das Konzept „Kelly-Insel". Kinder sollen dadurch sichere Anlaufstelle im Ort bekommen und die Bürger für Hilfsbereitschaft und Zivilcourage sensibilisiert werden. Inzwischen gibt es circa 3.000 dieser Inseln. Sie alle operieren ehrenamtlich und unter dem Motto „Kelly-Insel – Ich helfe dir!". Mehr Informationen unter kelly-insel.de

Dass das Engagement heute, zwölf Jahre nach der Gründung, gut angenommen wird, bestätigt auch eine Studie, die vom Verein in Auftrag gegeben wurde. Fast jede fünfte Filderstädter Anlaufstelle für Kinder in Not wurde bereits einmal oder sogar mehrfach von Mädchen und Jungen in Anspruch genommen. Die Gründe sind vielfältig: Kinder wollten ihre Eltern anrufen oder auf die Toilette gehen. Ein Mädchen fühlte sich von Jungs verfolgt und flüchtete in eine der Kelly-Inseln; ein weiteres war vom Fahrrad gestürzt und bekam erste Hilfe. Andreas Koch, der Vorsitzende des Vereins freut sich, dass es keine spektakulären Fälle gab: „Schlimm wäre es, wenn sich massive Bedrohungssituationen häufen würden."

Maya kommt dank der Kelly-Insel sicher Heim

Maya betritt den Bäcker und erklärt der Verkäuferin ihr Problem. Die Verkäuferin holt ihr ein Telefon, mit dem Maya ihren Papa anrufen kann. Jetzt muss sie zwar noch kurz warten, aber auch dafür weiß die Bäckerin eine Lösung. Eine Brezel später wird Maya von ihrem Papa abgeholt und kann endlich nach Hause zum Spielen.

Total votes: 39
 

Über den Autor

Anna von Teuffel

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: WS 2016/17