Kunst

„Ich male die Bilder für jemanden, der es wirklich braucht.“

26.01.2016

Jasmin Mollo ist Künstlerin. Früher kopierte sie die großen Meisterwerke anderer Künstler. Ein Hobby nebenbei. Mittlerweile hat sie durch einen Schicksalsschlag ihren eigenen Stil gefunden und sich das Malen zur Hauptaufgabe gemacht. All ihre Gefühle schließt sie in ihre Bilder ein: Immer Portraits von Frauen. Immer Sabine?

Die Künstlerin - Jasmin Mollo (Foto: privat)

Bevor du mit dem Malen angefangen hast, hast du Autos bei der US Army repariert. Was genau war das für ein Job?

Ich war KfZ-Mechanikerin, aber eben für Panzer und Militärfahrzeuge.

Wie kommt man als junge Frau darauf, einen eher männlich geprägten Job zu erlernen?

Meine beste Freundin ist Amerikanerin und ihr Vater war ein hoher Offizier bei der US Army hier in Deutschland. Er war für mich eine Art „mein zweiter Vater". Und sein Hobby war es eben, alte Autos wieder aufzumotzen. Er hat uns dann öfter auf den Schrottplatz mitgenommen und wir haben beim Schrauben geholfen. Ich fand das einfach total faszinierend. Das hat mir Spaß gemacht.

In der Army warst du dann trotzdem eher unter Männern. Wie war das für dich?

Gut, ja, wenn man die einzige Frau ist, hat man immer irgendwie Vorteile. (lacht) Ab und zu mal der Hundeblick und dann wurde einem immer geholfen. Es war wirklich eine tolle Zeit.

Der Sturm – Wild. Unbändig. Wüst. Die langen blauen Haare scheinen vom Wind zerzaust. Tiefblau, Cyanblau. Ein schräg geneigter Kopf. Große blaue Augen. Blau wie die Haare. Gegen den Wind gestemmt? „Ich habe eine Sehnsucht nach Schottland. Nach einem Haus am Meer. Der rauhen Natur, dem Blick auf die Gischt des Meeres."

Wann hast du angefangen, die Frauen-Bilder zu malen?

Einen Tag nachdem meine Schwester Sabine verstorben ist. Ich wollte wieder einen Künstler kopieren. Und dann stand ich vor der Leinwand und ich weiß auch nicht, was passiert ist. Normalerweise hab ich immer vorskizziert. Und da hab ich einfach den Pinsel in die schwarze Farbe und fing an zu malen. Mein Mann kam nach Hause: „Oh, toll, wen hast du denn diesmal kopiert?" Und ich: „Niemanden." Ich hab zuerst gedacht, das wäre einmalig. Aber jedes Mal, wenn es mir dann ganz schlecht ging, bin ich in den Keller, habe mir eine Leinwand geholt und dann ging es weiter.

Was ist damals genau passiert mit deiner Schwester?

Sie ist an Krebs verstorben. Ziemlich schnell. Und ja, das war ein Schock.

Standest du deiner Schwester nahe?

Ja sehr.

Was war das für eine Beziehung?

Nachdem meine Schwester mit 18 ausgezogen ist, hab ich öfter bei ihr übernachtet. Später haben wir auch ab und zu zusammen gewohnt. Bis ich dann nach Heidelberg gezogen bin, dann war das nicht mehr so. Dann hat sie ihr Leben gelebt und ich meins. Kurz bevor die Diagnose raus kam, gab’s wieder so eine Zeit, wo wir wieder so eng waren. Und zum Schluss sowieso ganz arg.

Welches war dein erstes Bild nach dem Tod deiner Schwester?

Das war die Sensible.

La femme pensive, die Sensible – Dicke schwarze Augenbrauen, die eine geht in die Nase über. Schwarz umrandete Augen. Plötzlich über das Schwarz: Ein türkisener Lidstrich. Türkis sind auch die Haare. Eine feuerrote Wange. Feuerrot und gelb, der Hals. Der Blick etwas leer. Irgendwie hilflos? „Dieses erste Bild ist für mich, mein Meisterwerk."

Die „Mollo-Mädels"

Jasmin Mollo malt ausschließlich Frauen-Portraits. Alle sind sich irgendwie ähnlich und doch sind sie ganz verschieden.

Gibt es einen bestimmten Grund, wieso du dich auf Acryl beschränkst?

Ich hab zwei Kinder. Acryl trocknet schnell.

Ich hab im Mannheimer Morgen gelesen, dass du mit beiden Händen malst. Also mit links und mit rechts. Wie muss ich mir das vorstellen? Gleichzeitig?

Nein, nicht gleichzeitig. Ich weiß es gar nicht. Einmal hab ich den Pinsel in der rechten Hand, dann wieder in der linken Hand. Ich krieg‘s so gar nicht mit.

Wann hast du beschlossen, mit deinen Bildern an die Öffentlichkeit zu gehen?

Ich selber hab das gar nicht beschlossen, das haben meine Freunde beschlossen. Die sind einfach nach Ilvesheim zu der Künstlerorganisation „InselArt" und haben denen Fotos meiner Bilder vorgelegt. Die waren begeistert. Ich hab dann dort vier Bilder ausgestellt und ja, die Resonanz, die war richtig groß.

Mona Lisa – schwarz. Trotzdem nicht dunkel. Der typische Mona-Lisa-Blick. Die Augenbrauen zweifarbig. Purpurlila und dunkelrot. Pfirsich-orange und blau. Wie ein ungewöhnliches Hautpigment: Grelles Türkis am Kinn, mitten durch die hellrosa Lippe. „Auf einer Ausstellung sagte ein älterer Mann zu mir: «Die Künstler, die die Farbe auf der Leinwand so zum Leuchten bringen, die kann man auf der ganzen Welt an zehn Fingern abzählen.» Da war ich fertig."

Dein erster Kunde, wie war das?

Mein erster Kunde hat mir erzählt, er hat die Zeitung aufgeschlagen und hat dieses erste Bild, die Sensible, gesehen und da war für ihn klar: Das muss er haben. Ich weiß nicht, wie viele Mails er geschrieben hat. Ich hab ihn dann eingeladen, sich das Bild live anzuschauen. Er stand eine lange Zeit vor dem Bild. Er hatte Tränen in den Augen. Ich fragte ihn, ob alles okay sei? Und dann hat er mir erzählt, dass seine Frau vor zwei Jahren an Krebs verstorben ist und dass er bis jetzt nicht darüber reden konnte und als er das Bild in der Zeitung gesehen hat, kam alles raus. Wie ein Wasserfall. Erst jetzt hat er wirklich die Trauer zulassen können. Ich hab dann gesagt: „Das Bild gehört Ihnen."

Was ist das für ein Gefühl, wenn Menschen so emotional auf deine Bilder reagieren?

Für mich ist das ein sehr gutes Gefühl, weil ich einfach sehe, dass ich etwas geschaffen habe, das Leute ganz tief innen berührt. Das ist ein tolles Gefühl. Dann kann ich mich auch leichter von den Bildern trennen.

Seit Sabines Tod glaub ich an Gott. Ja, seitdem glaub ich an den Kerl. Es ist einfach so viel Unerklärliches passiert – kurz vor und auch nach Sabines Tod. Dinge, die ich mir nicht erklären kann. Das hat mich dazu bewegt, zu akzeptieren, dass es eine höhere Macht zu geben scheint. Manchmal denk ich, wenn die Leute so emotional reagieren, wenn sie weinen, male ich die Bilder vielleicht für die Person, die es wirklich braucht? Es hört sich wirklich abgehoben an, aber im Namen von Gott? Vielleicht ist es so, vielleicht auch nicht.

Ist das nicht sehr schwierig, nach dem Tod eines geliebten Menschen an Gott zu glauben? Ist man nicht eher wütend, dass ausgerechnet die Schwester aus dem Leben gerissen wurde?

Am Anfang vielleicht schon. Aber nein, ich bin nicht sauer auf Gott.

Die Muse – nachdenklich. Es scheint, als wäre die Farbe noch nicht trocken, sie läuft über das Bild. Aus den blauen Augen laufen Tränen? Orange, grün, blau, rot. „Ich glaube ich male die Bilder für Menschen, die das gleiche fühlen oder das gleiche erlebt haben."

Fällt dir das denn schwer, deine Bilder herzugeben?

Sehr schwer. Es gibt Bilder, da fällt mir das weniger schwer, aber dann gibt es wieder Bilder, da fällt es mir ganz arg schwer. Und da brauch ich auch meine Zeit, um mich zu verabschieden.

Verabschiedest du dich immer von den Frauen?

Ja, das ist mir wichtig. Sie sind ein Teil von mir.

Inwiefern?

Ich weiß ja nicht, da steckt eben ein Teil von mir mit drin. Alles, was ich gefühlt habe, in dem Moment, als ich das Bild gemalt habe. Zuerst dachte ich, ich male immer nur Sabine. Aber mittlerweile habe ich das Gefühl, eher mich zu malen. Und alle meine Gefühle in den Bildern einzuschließen.

Homage for the suffering, Herzblut – rot. Sehr rot. Viel rot. Große Kulleraugen. Die eine Seite des Kopfes: Kurze meeresblaue Haare, die andere Seite: Lange Haare. Die Farbe? Irgendwo zwischen Grün, Türkis und Gelb. Augenbrauen und Nase geschwungen. Die Lippen in Herzform. Herzblut scheint von innen zu leuchten. „Ich hab die Farben hier auf dem Tisch liegen und greife einfach instinktiv zu."

Du beschreibst deine Kunst als eine Reise. Was würdest du sagen, an welchem Punkt der Reise bist du grade?

Also am Anfang steh ich jetzt nicht mehr. Ich würde sagen, ich bin schon ein ganzes Stück weiter. Ich bin noch nicht mitten drin, aber ich bin auch schon lang nicht mehr am Anfang. Und ich hoffe natürlich, die Reise geht noch weiter, weil: Ich will nur noch das machen.

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Über den Autor

Lena-Mara Pfaffl

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015