Kulturwechsel Heute

„Ich muss meinen Platz hier erst noch finden“

20.01.2017

Wie ist das, wenn aus Abenteuer Alltag wird und wie schafft man sich ein Leben in einer völlig anderen Kultur? Eine junge Deutsche berichtet von den ersten Wochen in ihrer neuen Heimat Togo.

In Togo zu leben heißt mit anzupacken. Ramona muss ihren Platz in dieser Kultur jedoch erst noch finden. | Bild: Ramona Attisso

Die Sonne brennt vom strahlend blauen Himmel herunter, die Kleidung klebt wegen der extrem hohen Luftfeuchtigkeit an der Haut und unterschiedlichste Eindrücke prasseln gleichzeitig auf Ramona ein: Der Geruch nach frischem Holz von der Schreinerei direkt gegenüber, der Duft nach Obst und Gemüse, das die Straße entlang von Frauen an kleinen Tischen verkauft wird. Kinder, die auf der Straße vor Ramonas Wohnung spielen und ihr immerzu „Jowo. Jowo. Bonjour!" (übersetzt: „Weiße. Weiße. Guten Tag!") entgegenrufen. Ramona muss lachen, während sie davon erzählt: „Die Kinder meinen das nicht böse. Sie lernen bereits in der Schule, dass man Erwachsene mit meiner Hautfarbe so grüßt. Da ist es egal wie oft sie mich sehen und wie lange ich schon hier bin, daran ändert sich nichts."

Ramona Attisso (23) lebt jetzt seit zwei Monaten mit ihrem Mann in Agoè Est, einem Stadtviertel von Lomé, der Hauptstadt des kleinen westafrikanischen Landes Togo. Zuvor hatte sie noch ihr Studium in Tourismusmanagement in ihrer Heimat Deutschland abgeschlossen, um anschließend für einen vorerst unbestimmten Zeitraum die Kultur und den Alltag ihres Ehemannes besser kennenzulernen. Sie liebt das bunte Treiben vor ihrer Tür, doch sind nicht alle Eindrücke immer positiv: „Überall liegt Müll herum, der einfach fallen gelassen und vom Wind herumgetragen wird. Da vermisst man schon Deutschland und seine Müllabfuhr, die es hier nicht gibt."

Nach Togo kam Ramona zum ersten Mal 2012, als sie nach ihrem Abitur im Rahmen einer Hilfsorganisation Soziale Arbeit vor Ort leistete. Da lernte sie auch Aristide kennen, den sie nach vier Jahren Fernbeziehung im Sommer 2016 schließlich heiratete. Trotz mehreren Besuchen vor ihrer Heirat mit Aristide erlebt sie einige Aspekte und Traditionen nach wie vor als etwas Fremdes. „Der größte Unterschied ist zum einen das extrem starke Gemeinschaftsgefühl, das hier einen sehr viel höheren Stellenwert hat als in Deutschland, genauso wie Religion und Tradition", erklärt Ramona. Gott spielt in Togo auch im Alltag eine wichtige Rolle, dabei treffen ganz unterschiedliche Religionen und Sekten aufeinander. Voodoo sei auch weit verbreitet. Zum anderen hat aber auch Familie und für Frauen vor allem Kinder zu bekommen einen sehr viel höheren Stellenwert als in Deutschland, findet Ramona.

„Es ist am Ende eben trotzdem ein Wechsel von der einen in die andere Kultur. Auch mein Tagesablauf ist ein ganz anderer. Da erlebe ich schon Dinge, die ich nicht gewohnt bin oder bei denen es mir schwerer fällt, mich dran zu gewöhnen."

Wie Ramona Togo im Alltag neu erlebt:

Sieben Bilder die zeigen, wie Ramona das Land und seine Kultur erlebt. | Bilder: Ramona Attisso

Traditionen, die in Togo alltäglich sind, sieht sie teils mit gemischten Gefühlen: Wo sie das Gemeinschaftsgefühl als etwas Schönes empfindet, sind für Ramona fehlende Gesetzesregelungen, Vetternwirtschaft und Bestechung in vielen Bereichen des Alltags nach wie vor ein Novum. Das bekommt sie auch aktuell bei der eigenen Jobsuche zu spüren: Weil es in Togo keinen offiziellen Arbeitsmarkt wie in Deutschland gibt, läuft das Meiste über die richtigen Kontakte, Mundpropaganda und auch Bestechung. „Ich bin natürlich nicht völlig blauäugig auf Jobsuche gegangen, aber solche Schwierigkeiten habe ich nicht erwartet", sagt Ramona. Solchen Problemen müssen sich die meisten jungen deutschen Studienabsolventen oder Abiturienten, die es ins Ausland zieht, nicht stellen. Für sie steht nicht der Alltag, sondern die Entdeckung der neuen Kultur im Vordergrund.

Die Zeit der Weltentdecker

So wie es auch Ramona nach ihrem Abitur in ein neues Land fernab der Heimat zog, erleben viele junge Deutsche jährlich den Wechsel von der einen zur anderen Kultur, sei es in Form von Freiwilligenarbeit im Ausland oder dem beliebten „Backpacken" auf eigene Faust. Eine im Sommer 2016 erschienene Studie von Allianz Worldwide Partners (AWP) über das Reiseverhalten junger Menschen ergab, dass für 97 Prozent der befragten Deutschen Reisen selbstverständlich mit zum Leben gehören. Für 53 Prozent steht dabei das Entdecken von neuen Ländern und Kulturen im Vordergrund. Doch nicht nur zum Reisen zieht es junge Menschen in ferne Kontinente, auch die Freiwilligenarbeit, häufig in Form eines sozialen Auslandsjahres nach dem Abitur, gehört für viele heute dazu. So zeigt eine 2016 durchgeführte Umfrage der INITIATIVE auslandszeit, dass für 76,2 Prozent der rund 1600 Befragten, das Entdecken fremder Kulturen im Vordergrund des Auslandsaufenthaltes steht.

Eine weitere Form von Auslandsaufenthalten ist das Auswandern. Gerade zu diesem Thema werden jährlich aus verschiedenen Studien Zahlen veröffentlicht, die zeigen: die Weltbevölkerung wandert.

Infografik zum Thema Auswanderung | Grafik: Svenja Holbeck via Piktochart

Digitale Revolution und Informationsgesellschaft
Für sich allein genommen bedeutet Digitale Revolution, deren Anfang irgendwo zwischen dem Bau der ersten Computer in den siebziger Jahren der Verbreitung des Internets Anfang des Jahrtausends gesehen wird, lediglich eine technische Entwicklung. Erst mit der Formierung einer Informationsgesellschaft, also dem stetigen Austausch von Informationen über z.B Social Media, bekommt sie für die Globalisierung eine maßgebliche Bedeutung: Informationsbeschaffung und Informationsaustausch waren niemals zuvor so einfach und Kommunikation bildet dabei den Schlüssel zu dieser neuen Form der Globalisierung, in der sich die Welt aktuell befindet.

Digitale Welt: Immer in Kontakt

Wie einfach dieser Wechsel sich gestaltet, hängt auch von den technischen und digitalen Möglichkeiten jeder Nation ab. Die Digitale Revolution war dabei nur der erste Schritt in ein Zeitalter, das uns als Informationsgesellschaft geformt hat. Man kann sogar von einer neuen Form der Globalisierung sprechen – der digitalen Globalisierung. Social Media ist nicht mehr wegzudenken und die Möglichkeit trotz weiter Entfernungen den Kontakt in die „Heimat" jederzeit über Whatsapp Facebook und Co. ohne horrende Kosten von Auslandstelefonaten halten zu können, ist sicher ein mitentscheidender Faktor für viele, diesen Schritt weg vom Bekannten zu wagen.

Trotzdem bleibt der Wechsel von der einen Kultur zur anderen immer noch eine extrem große Veränderung, bei der man seinen Platz in der Gesellschaft häufig erst nach einer Weile findet. Auch Ramona hatte anfangs einige Schwierigkeiten damit sich in dem neuen Alltag zurecht zu finden: „Die Eingewöhnung war natürlich nicht einfach, da ist man schon mal deprimiert, wenn etwas nicht so ist, wie man es sich vorgestellt hat. Dass ich aber trotzdem den Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden halten, mir Rat und Trost durch Whatsapp-Telefonate und Sprachnachrichten holen konnte, hat mir sehr geholfen. Meiner Zukunft hier sehe ich aktuell schon sehr viel positiver entgegen. Wo es uns aber langfristig hin verschlägt, ob wir gemeinsam ein Leben in Deutschland oder Afrika aufbauen werden, das wissen wir noch nicht."

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Über den Autor

Svenja Holbeck

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016