Kinesiologin Sophie Demmler

„Ja, ich mache dieses mystische Ding da“

08.02.2017

Stell dir vor: Deine Schwester denkt, du wärst in einer Sekte. Leute grüßen dich nicht, wenn sie dich auf der Straße treffen. Männer verbieten ihren Frauen zu dir zu kommen. Für Kinesiologin Sophie Demmler nichts Ungewöhnliches. Wieso ihre Arbeit trotzdem die „wunderbarste auf der ganzen Welt“ ist, erklärt sie uns im Interview.

Seit 15 Jahren gibt Sophie Demmler Sitzungen in ihrer eigenen Praxis. |Bild: Katrin Nöbauer

Sophie, dein Beruf ist nicht gerade alltäglich. Was sagen die Leute dazu?

Es gibt Leute die sagen, ich sei eine Hexe.

Und, bist du es?

Natürlich nicht. Kinesiologie hat nichts mit Zauberei oder Esoterik zu tun.

Die angewandte Kinesiologie ist eine alternativmedizinische Methode, die naturwissenschaftlich nicht begründet ist und vor allem zur Behandlung von Stress eingesetzt wird – richtig?

Für mich ist Kinesiologie die Kommunikation mit dem Unterbewusstsein.

Und wie funktioniert das?

Unser Handwerkszeug ist der Muskeltest – und das kann man nicht erklären, das muss man fühlen. Deshalb zeige ich den Leuten, die zum ersten Mal bei mir sind, immer erst den Muskeltest.

Sophie hat auch mir den Muskeltest gezeigt: Ich stehe vor ihr, die Beine hüftbreit. Sie zwickt mich leicht in den Oberarm und fragt, ob wir zusammen arbeiten dürfen. Dann versucht sie, meinen Arm nach hinten zu drücken, doch er lässt sich nicht bewegen. Sie erklärt mir, dass mein Körper ihre Frage mit diesem Widerstand bejaht. Dann stellt sie die Gegenfrage: „Spricht etwas gegen die Zusammenarbeit?" Komischerweise kann sie meinen Arm diesmal ohne Probleme nach hinten drücken, obwohl ich nichts anders mache, als zuvor.

Was passiert beim Muskeltest?

Man kann einen Muskel ein- und ausschalten, indem man ihn in den Muskelbauch zwickt, oder den Muskelbauch streckt. Dadurch reagiert der Muskel unbewusst und wir bekommen ein ‚Ja‘ oder ‚Nein‘, das nicht vom Gehirn gesteuert ist.

Was ist für dich das Besondere an der Kinesiologie?

Mich fasziniert immer wieder, dass uns jedes Symptom eigentlich nur etwas sagen will. Wenn jemand bei mir anruft und sagt: „Ich habe Zahnschmerzen", dann sage ich: „Geh bittschön zum Zahnarzt." Wenn der dann aber sagt: „Ich war schon fünf Mal beim Zahnarzt und die finden nix", dann kann ich mit Hilfe der Kinesiologie schauen: Was will denn der Zahn sagen? Und wenn ich verstehe, was dieser Zahn zu sagen hat, dann kann er plötzlich heilen.

Was kann denn zum Beispiel dahinter stecken?

Das kann tausend Gründe haben, zum Beispiel eine ungelebte Traurigkeit. Wenn das Unterbewusstsein entschieden hat: „Über diesen Zahn lass ich dem Bewusstsein eine Info zukommen", dann wird er erst heilen, wenn man sich diese Information anschaut.

Bevor du die Kinesiologie für dich entdeckt hast, warst du Einzelhandelskauffrau.

Genau, ich habe den Einkauf für einen Modeladen gemacht, war auf Messen und so weiter. Das war eine völlig andere Welt! Man hat immer den neuesten Trend getragen, war immer aufgestylt. Heute schaue ich viel mehr nach innen und das Äußere ist mir nicht mehr so wichtig. Die Kinesiologie hat mich als Menschen um 360 Grad verändert.

Hast du damals schon gemerkt, dass der Beruf nicht das Richtige für dich ist?

Nein, es hat mir Spaß gemacht. Ich habe ja nichts anderes gekannt.

Wieso hast du dann damit aufgehört?

Ich bin schwanger geworden und hatte niemanden, der nach meinen Kindern geschaut hätte. Aber ich wollte meinen Job schon irgendwann wieder machen, wenn die Kinder größer sind.

Und dann hast du die Kinesiologie für dich entdeckt. Wie genau?

Ich bin durch meine Tochter darauf gekommen. Die hat wunderbar geschlafen, bis sie zweieinhalb Jahre alt war, dann ist sie jede Nacht aufgewacht. Schreiend. Am Anfang dachten wir noch, das wäre nur eine Phase, aber dann ist es immer schlimmer geworden. Ich bin zehn bis 15 Mal jede Nacht aufgestanden. Irgendwann habe ich dann Rat bei der Schulmedizin gesucht. Die haben meine Tochter von Kopf bis Fuß untersucht und mir gesagt: „Das wird schon wieder, die versucht nur, ihre Grenzen auszutesten." Mein Mann und ich haben alles probiert: Uns zu ihr ins Bett legen, sie zu uns ins Bett holen, streicheln, schimpfen. Irgendwann habe ich geschrien, weil ich nicht mehr konnte. Aber es hat sich nichts verändert, es war jede Nacht das Gleiche. Irgendwann hat mir dann eine Freundin geraten, zum Kinesiologen zu gehen. Ich habe nur gesagt: „Keine Ahnung was das ist, aber gib mir die Nummer." Dann wollte ich einen Termin ausmachen und der Kinesiologe hat gesagt: „Ja, aber ich brauche nicht Ihre Tochter, sondern Sie." Ich habe gedacht: Der hat ja total einen an der Klatsche, aber ist mir wurscht. Ich war verzweifelt genug und habe eine Sitzung gemacht. Als ich heimgekommen bin, konnte meine Tochter schlafen.

Weil du eine Sitzung gemacht hast?

Heute weiß ich, dass man Eltern immer stellvertretend für die Kinder behandeln kann, weil sie sehr eng miteinander verbunden sind. Damals dachte ich, dass es wahrscheinlich Zufall sei. Ich bin ja eher ein kritischer Mensch. Aber dann bin ich immer mit unerklärbaren Symptomen zum Kinesiologen gegangen und die Symptome sind weggegangen. Und dann habe ich mir gedacht: Ich habe seit meinem 15. Lebensjahr allergisches Asthma. Jetzt probiere ich das auch noch aus und wenn das Asthma weggeht, dann möchte ich genauer wissen wie das funktioniert. Ich bin das Asthma nicht in einer Sitzung losgeworden, aber ich habe erkannt warum ich es hab‘ und warum ich es nicht mehr brauche. Und nach ein paar Sitzungen hatte ich dann wirklich kein Asthma mehr. Und dann habe ich angefangen, Kinesiologie zu lernen.

Wie genau wird man denn zum Kinesiologen?

Man macht verschiedene Seminare. Wenn man genügend Ausbildungsstunden hat, kann man eine Prüfung machen und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für angewandte Kinesiologie (DGAK) werden. Nach der ersten Prüfung hat man Level eins und darf damit offiziell Sitzungen geben.

Wusstest du von Anfang an, dass du mal Sitzungen geben willst?

Ich habe niemals die Ausbildung mit der Absicht gemacht, dass ich hinterher als Kinesiologin arbeite. Ich dachte mir, das ist etwas, das mir selbst sehr gut tut und das ich auch gerne bei meiner Familie anwende und dann hat sich’s. Aber dann habe ich mein neues Wissen aus der Begeisterung heraus schon bei vielen Bekannten getestet und Feedback bekommen und dann dachte ich mir: Okay, ich mach‘ das jetzt offiziell. Und dann ist das wirklich nur über die Mundwerbung gegangen und ich habe Sitzungen bei mir im Wohnzimmer gegeben.

Inzwischen hast du eine eigene Praxis bei euch im Haus eingerichtet und bietest Sitzungen für 100 Euro die Stunde an – nicht gerade billig.

Niemand wird zu mir geprügelt. Jeder kommt freiwillig und weiß, dass er das selbst bezahlen muss, weil wir von den Kassen nicht anerkannt werden. Aber es wird schon einen Grund haben, dass mein Terminkalender voll ist.

Gab es Leute, die deinen neuen Weg nicht nachvollziehen konnten?

Eine meiner Schwestern hat immer gesagt „Sophie, das ist eine Sekte. Da musst du aufpassen, das ist ganz gefährlich!" Inzwischen ist sie aber ein großer Fan der Kinesiologie. Meine Arbeit und auch der Erfolg haben sie letztendlich überzeugt. Es gibt natürlich auch heute noch Menschen, die sagen: „Ah, du mit deinem Schmarrn!" Aber das ist auch völlig okay. Also ich finde, kein Mensch muss daran glauben. Es ist auch nicht meine Art, da etwas nach außen zu tragen oder jemanden belehren zu wollen.

Wie reagierst du auf Anschuldigungen, wie etwa, du seist eine Hexe?

Am Anfang war es ungewohnt, aber mittlerweile ist das für mich kein Problem mehr. Manche Männer verbieten ihren Frauen, zu mir zu kommen und es gibt auch Leute, die von sich aus nach außen hin nicht mit Kinesiologie in Verbindung gebracht werden wollen. Die kommen dann mit dem Fahrrad zu mir, damit niemand ihr Auto sieht und grüßen mich nicht in der Öffentlichkeit. Erst hab ich das nicht verstanden, aber mittlerweile ich find das schon eher lustig. Und mutig, immerhin kann ich nicht dafür garantieren, dass diese Leute wirklich nicht bei mir gesehen werden. Ich kann nur versichern, dass ich mich zu 100 Prozent an meine Schweigepflicht halte

Gibt es auch etwas, das nicht so gut läuft?

Letzten Sommer hab ich zu viel gearbeitet. Von in der Früh um acht Uhr bis abends um acht Uhr mit einer Stunde Mittagspause, und dann hab ich noch meine E-Mails und Anrufe beantwortet. Das will ich jetzt besser machen, weil meine Klienten ja nichts davon haben, wenn ich erschöpft bin. Bei mir soll die erste Sitzung genauso gut sein, wie die letzte. Und, obwohl mich meine Arbeit nie auspowert, war das dann doch anstrengend, und des mog i ned.

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Über den Autor

Katrin Nöbauer

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16