„Jeder Mensch hat einen Zauber“

29.01.2016

Wir setzen uns ins Wohnzimmer an eine riesige Designerwurzel. Trotz gedämmtem Licht: Christoph Sonntags Lachen ist genauso weiß, wie auf den Plakatwänden der Stadt. Seine Haare stehen frisch geföhnt vom Hinterkopf. Seit 25 Jahren steht er nun auf der Bühne.

Ein alter Hase: Kabarettist Christoph Sonntag (53). Man kennt ihn hauptsächlich durch Radio-Shows auf SWR3. Der Durchbruch gelang ihm vor fünf Jahren, mit dem Programm ’AZNZ Alte Zeiten Neue Zeiten’. Wie selbstverständlich greift er nach dem Mikrofon, fragt, ob er es halten soll. Ich entgegne, dass das nicht nötig sei. Beinahe enttäuscht legt er es zurück. Nun liegt es wieder genau zwischen uns, auf der übergroßen Wurzel. Er bietet mir das „Du" an, lacht und sagt: „Später können wir immer noch „Sie" sagen."

Was bedeutet Erfolg für dich?

Sonntag: Ich hatte Erfolg vom ersten Tag an: Die Leute haben mir zugehört! Andere Leute zahlen fürs Zuhören 80 € für die Therapiestunde! Wenn mehr Leute hören wollen, was ich zu sagen habe, ist der kaufmännische Erfolg größer, das ist schön, aber für die Künstler-Seele zweitrangig.

Wie gehst du mit Erfolg um?

Sonntag: Witzigerweise hatte ich vorgestern ein Gespräch mit meinem Regisseur und hab ihm gesagt: „Ich fühle mich, als wäre ich am Beginn der Götterdämmerung. Als würde alles zusammenbrechen. Ich war so präsent, die Leute denken jetzt: „Ach der Sonntag schon wieder." Aber mein Regisseur sagte zu mir: „Es ist gerade andersrum! Die Leute wollen dich sehen. Du bist gerade im bisherigen Zenit deines Schaffens!" Also meine Wahrnehmung ist offensichtlich unterschiedlich zu der des Regisseurs, der von außen drauf guckt. Bei mir ist es so, dass Erfolg mich skeptisch, misstrauisch und ängstlich macht. Der ausbleibende Erfolg macht mich depressiv und aggressiv. Und der mutmaßlich kommende Erfolg macht mich am glücklichsten.

Christoph Sonntag beim SWR Fernsehen Familienfest 2015 im Blühenden Barock in Ludwigsburg. (Quelle: Markus Palmer)

Neben politischer Satire punktet er vor allem mit aberwitzigen Alltagssituationen: Wenn seine Familie ihm wieder ein neues Haustier unterjubelt. Oder der Senior an der Kasse vor ihm in aller Seelenruhe in seinem Geldsäckchen „gruschdeld". Diese Momente, die jeder kennt, gibt er mit schwäbischer Manier detailgetreu wieder.

Was war die größte Herausforderung in deiner beruflichen Laufbahn?

Sonntag: Ich würde sagen, die liegt zehn Tage zurück. Das war der Fernseh-Mitschnitt in der Porsche Arena vor 5.000 Menschen. Die große Herausforderung war, dass ich die Texte aus meinem Programm neu strukturieren musste. Zudem musste ich mir Bühnengänge und Kamerablicke einprägen. Das war so viel für meinen Kopf. Ich bin danach für wenige Tage in die Diaspora mit zwei Freunden. Dort musste ich dann für das neue Programm 2016 schreiben und erstaunlicherweise hat das meine Synapsen in einen so hocherregten und dramatischen Zustand gebracht, dass ich die Arbeit für das neue Programm 2016 an fünf Tagen statt in zwei Wochen erledigte.

Bist du denn bei dem Fernseh-Mitschnitt aus dem Text gefallen?

Sonntag: Ja.

Wie fühlt sich das an?

Sonntag: Das fühlt sich ziemlich – intellektuell gesagt – scheiße an. Ich hatte das Publikum vorher gebrieft und gesagt: „Leute, wir machen einen Fernseh-Mitschnitt, ich muss mich auf ganz viel konzentrieren, außer auf euch. Es kann sein, dass ich rausfalle und das muss keiner merken da draußen, wenn ihr normal weiter reagiert." Das fanden sie in der Vorbereitung ganz toll, aber als es dann passiert ist und ich sagte, „moment, ich muss mal kurz gucken", da war ein Schweigen im Saal. Alle dachten: „Oh Gott, der arme Christoph, jetzt weiß er nicht mehr weiter". Und dann brauchte es sehr lange, bis die Stimmung wieder in diesem lockeren, „wir können uns auf ihn verlassen-Duktus", war.

Auf der Bühne als Winfried Kretschmann, 2015. (Quelle: Markus Palmer)

Nach dem Abitur studierte Christoph Sonntag Landschaftsplanung. Nebenbei schrieb er für die Süddeutsche Zeitung und das Magazin „natur". Seine autodidaktische Journalistenausbildung prädestinierte ihn als Autor. Stolze zwölf Bücher sind es inzwischen. Heute beginnt sein Tag mit dem Lesen zweier Zeitungen, die ihm Inspiration für seine Programme liefern.

Wie kamst du überhaupt zum Kabarett?

Sonntag: Das war ganz einfach. Ich war im Zivildienst und da gab es eine Kabarettgruppe und die hatten einen Auftritt ausgemacht, aber die Combo stand noch nicht fest. Dann sagten sie: „Mensch Sonntag, du hast doch eine freche Klappe, willst du nicht mitspielen?" Ich sagte: „Klar mach ich, aber ihr müsst mir den Text schreiben." Der Text kam erst am Abend vorher, ich konnte den gar nicht mehr lernen und bin dann auf die Bühne mit dem Gefühl, eine Blamage kann‘s nicht werden, aber gut kann‘s auch nicht werden. Als ich auf der Bühne stand, war da plötzlich ein Zauber in der Luft! Der war aber nur bei mir und nicht bei den anderen da. Das Publikum hat mir besonders gut zugehört und es kam besonders gut an. Seither vertrete ich die Philosophie: Jeder Mensch hat einen Zauber, und gesegnet ist, wer ihn entdeckt. Ich hab ihn da entdeckt. Das Gefühl hab ich heute noch. Wenn ich auf die Bühne geh, denk ich: „Was für ein Geschenk, dass ihr Lust habt mir zuzuhören, wahnsinn!"

Was kann man tun, um den eigenen Zauber zu entdecken?

Sonntag: Offen sein, auf sich hören, in sich hören, es wahrnehmen und dann kultivieren.

Wie ging es dann mit dem Kabarett weiter?

Sonntag: Nach dem Auftritt hab ich erst mal bei denen weiter mitgespielt. Damals war’s halt so: Der Zivildienstsold betrug 650 D-Mark. Davon hab ich 300 D-Mark auf Anraten oder Befehl meines Vaters fürs Studium wegsparen müssen. Er hat mir gleich gesagt: „Er finanziert mich nicht." Ich war relativ schlank unterwegs mit Geld. Und dann machst du einen Auftritt und sie drücken dir 300 D-Mark in die Hand! Dann denkst du dir: „Wie kann denn das sein, dass ich den Abend den Spaß meines Lebens hatte und auch noch so viel Geld wie sonst für den ganzen Monat!"

Gibt es Menschen, die dich unterstützt haben?

Sonntag: Ja, es gab eben den Impulsgeber in der Kabarettgruppe. Ein Mensch, der heute völlig unter die Räder gekommen ist. Er hat mich quasi aufs Gleis gelupft. Wir haben lange zusammen Kabarett gemacht. Er war aber charakterlich nicht ganz so stark. Da war oft Unwahrheit im Spiel und die Veranstalter wurden angelogen. Das hat mir keinen Spaß gemacht und dann hab ich mich irgendwann von ihm getrennt. Das war ein langer Prozess. Ich dachte: „Ohne ihn kann ich es nicht." Er war quasi meine Führungsfigur, das war wie in einer Sekte. Und plötzlich steh ich da und kann‘s allein sogar besser!

2007 gründete Christoph Sonntag die STIPHTUNG CHRISTOPH SONNTAG – ja, mit ph! Eigentlich entstand sie aus einer spontanen Idee des Künstlers, als er sich das Ziel setzte „Der Max-Eyth-See Stuttgart soll sauber werden". Weitere Projekte sind das „Klassenzimmer am See". Hier können Schulklassen am Max-Eyth-See das Thema Wasser in all seinen Facetten erforschen. Dann gibt es noch das Hilfsprojekt für sozial benachteiligte Kinder „Sternchenfänger" oder „StreetCamp", eine Hilfsaktion für jugendliche Ausreißer und obdachlose Kinder.

Du hast eine „Stiphtung" gegründet, mit der du soziale und ökologische Projekte umsetzt und förderst. Was war deine Motivation?

Sonntag: Der tiefenpsychologische Hintergrund ist sicher der, dass ein Mensch nicht nur Kabarettist wird, weil es ihm Spaß macht oder weil er davon leben kann, sondern weil er auch den Anspruch hat, die Welt im Kleinen verbessern zu wollen. Und irgendwann merkst du dann, dass es nicht funktioniert. Ein Beispiel: Ich arbeite gerade an meinem neuen Programm für 2016. Da hab ich eine Nummer drin, die ich vor zwanzig Jahren geschrieben habe. Es geht um das Thema Hungerhilfe. Erbärmlicherweise ist die Nummer noch Wort für Wort stimmig! Da musste ich kein einziges Wort verändern, die Lage ist immer noch genauso beschissen! Der Kontinent wird immer noch ausgebeutet, nicht nur von uns, den Industrienationen, sondern auch von den korrupten Herrschern. Und dann denkst du, du gehst auf die Bühne und danach wird die Welt besser. Zwanzig, dreißig Jahre später merkst du: Kannst knicken! Es gibt ein paar Leute, die drehen die Welt und das werden sie auch weiter tun, ob du dich darüber aufregst oder nicht. Die „Stiphtung" kann die Welt im Kleinen verändern.

Das Klassenzimmer am Fluss in Waiblingen (Quelle: Markus Palmer)

Hat die „Stiphtung" auch einen positiven Einfluss auf dein künstlerisches Schaffen?

Sonntag: Ja, denn die „Stiphtung" hat den wunderbaren Effekt, dass ich mich viel mehr traue und viel mehr Rechtfertigung habe, auf der Bühne zu unterhalten und auch mal zu sagen: „Die Nummer ist einfach nur witzig, na und?!" Ist halt so, die hat jetzt mal keinen tieferen Sinn, die macht einfach mal nur Spaß!"

Was sind deine noch unerfüllten Träume?

Sonntag: Einen Feiertag in der Woche, den keiner kennt. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag. Dann kommt mein Feiertag, dann Samstag, Sonntag. Das wäre ein Tag, an dem die Welt still steht. Keiner bewegt sich, außer mir. Da schlafe ich aus, habe kein schlechtes Gewissen, weil ich mich mal nicht um die Kinder kümmere. Einfach mal vor mich hin träumen und trielen. Dann beginnt der nächste Morgen. Alles bewegt sich wieder und keiner weiß, dass ich diesen Tag hatte. Das wäre mein allergrößter Wunsch. Ansonsten möge es bitte so weiter gehen wie bisher. Das Einzige, was der Mensch ja nie beeinflussen kann, ist die Gesundheit. Wenn die bleiben möge, wär‘s mir recht. Den Rest krieg ich selber hin.

Homepage Christoph Sonntag

sonntag.tv

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Über den Autor

Stephanie Schlagenhauf

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/15