Klett-Passage

„Kunst an einem hässlichen Ort“

01.06.2016

„Ich verstehe nicht, was damit dargestellt werden soll. Die Kunst in den Kästen, an diesem hässlichen Ort!“ Fatma, 21, spricht aus, was sich viele Passanten, die die Klett–Passage in Stuttgart durchqueren, denken. Seit 2007 hängen die Glaskästen über den U-Bahn-Aufgängen der Passage und werden halbjährlich von unterschiedlichen Künstlern bespielt. Nur warum irritiert uns das klar Sichtbare?

Transition - Die Weissenhoffer: Das Passagen-Werk | Bild: Rahel Weldemariam

Transition, der Name des Kunstprojekts, das englische Wort für „Übergang" und gleichzeitig das, was die Klett-Passage für viele Menschen ist. Ein Übergang, der zum Bahnhof oder auch zur U-Bahn Station führt. Seit 2007 werden wir in der Unterführung mit Kunst konfrontiert. Nur was hat es damit auf sich? Der Kurator Winfried Stürzl von Transition und der Künstler Uwe Schäfer der Künstlergruppe „die Weissenhofer" beantworten in einem Interview mit Redaktionzukunft Fragen zu Kunst im öffentlichen Raum. Dabei geben sie uns einen Einblick in den Wandel der Kunst und erklären, warum wir sie nicht immer verstehen müssen.

Unbemerkt von Passanten: die Glaskästen in der Klett-Passage

Wie findet Ihr persönlich die Passage?

Winfried: Ich finde es einen ganz schrecklichen Ort.
Uwe Schäfer: Ganz schlimm dort!

Soll die Kunst zur Verschönerung beitragen?

Winfried: Ich habe den Eindruck, dass es in den letzten zwei bis drei Jahren, seitdem ich das Kunstprojekt kuratiere, unangenehmer geworden ist. Daher ist es umso wichtiger, daran etwas zu ändern - und da kommen wir ins Spiel. Ob die Passage dabei „verschönert" wurde, ist eine andere Frage.

Woher kommt die Idee, Kunst in der Klett–Passage auszustellen?

Winfried Stürzl: Das Kunstprojekt ist eine Kooperation der Mietervereinigung Klett-Passage mit den Straßenbahnen, der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste und der Stadt Stuttgart. Mit der Idee den Ort dadurch aufzuwerten.

Was hatte es mit dem Kärcher, der vor Jahren in einem der Kästen stand, auf sich? Werden die Kästen auch als Werbefläche genutzt?

Winfried: Der Kärcher ist ein Werk vom Bildhauer Helmut Dietz. Dieser setzt den Hochdruckreiniger der Marke Kärcher gezielt in seiner Kunst als Mittel ein. Natürlich sah es in der Klett-Passage, in der sonst nur Werbevitrinen sind, nach Werbung aus. Es war irritierend, da es ein Ready-made war.

Ready-made, was ist das überhaupt?

Das Ready-made entsteht durch einen Alltagsgegenstand, den man in einen musealen Raum transportiert. Dadurch bekommt er eine neue Bedeutung. Das Pissoir von Duchamp wird dann zur Fontaine. Im Werk von Dietz war das Raffinierte, dass es ein doppeltes Ready-made war. Es wurde wieder zurück in den öffentlichen Raum transferiert und hatte dadurch beides.

Also das war sein Werk – ein Reinigungsgerät im Glaskasten auszustellen?

Winfried: Herr Sarkozy hatte vor, die Vorstädte von Paris „auszukärchern". Die Zeitungen schrieben, dass er sie sauber „kärchern" wollte.
Uwe: …mit dem Wort „kärchern"?
Winfried: Mit dem Wort „kärchern"! Ein Hochdruckreiniger spielt in der Unterführung eine große Rolle. Täglich wird damit gereinigt. Dietz spielt mit der Anspielung „jemanden auszukärchern" darauf an, den öffentlichen Raum von „unerwünschten" Besuchern wie Bettler zu „säubern".

Uwe, erhoffst du dir durch euer Werk „die Weissenhofer" eine Reaktion der Vorbeilaufenden?

Uwe: Natürlich gibt es die Hoffnung, dass wir einen „Stolperstein" geschaffen haben. Dass der Mensch – von Neugier geleitet – beim nächsten Mal einen Umweg läuft, um sich das Werk genauer anzuschauen und stehen bleibt, um sich die Beschreibung zum Werk durchzulesen. Vereinzelt erhalte ich Rückmeldung zu meiner Kunst, gerade von meinen Studenten. Es ist selten, aber es passiert tatsächlich.

LIEGT IM WALLISTAL Die Weissenhofer: Das Passagen-Werk | Bild: Rahel Weldemariam

Und wie ist es für dich, Winfried, bekommst du Feedback für das Projekt?

Winfried: Mir geht es wie Uwe, ich bekomme auch immer mal wieder Rückmeldung. Viele wissen nicht, von wem das Werk und das Projekt ausgeht. Sie sagen, dass sie den Text nicht finden würden, dabei steht er am Geländer – vermutlich zu verborgen. (lachend)

Uwe, könnte euer Werk auch ohne Beschreibung verstanden werden?

Uwe: Nicht wirklich, man ist bestenfalls kurz abgelenkt. Aber Kunst bewegt sich nicht auf der Ebene, dass ich etwas „Hübsches" über mein Sofa hängen kann. Es muss nicht etwas sein, das toll aussieht und sich direkt vermitteln lässt.
Kunst hat sich erweitert. Wenn du kurz irritiert bist und ganz kurz inne hältst, dann hat sie schon etwas bewirkt.
Unter Umständen hat es schon bewirkt, dass du das, was neben den Vitrinen ist anders wahrnimmst – dass einfach sekundär gedacht wird. Persönlich finde ich es spannend, wenn es sich nicht direkt vermitteln lässt.

Winfried, warum gehen Künstler gerade mit inhaltlich komplexen Werken in den öffentlichen Raum?

Winfried: Gerade deshalb ist es so spannend, damit in den öffentlichem Raum zu gehen. Es wäre ja uninteressant, wenn man im öffentlichem Raum etwas machen würde, was die Leute erwarten. Ansonsten passiert keine Reaktion.
Vor 30 Jahren waren Skulpturen im öffentlichen Raum auch irritierend und heute sind sie für uns schön und ästhetisch. Das ist uns aber zu langweilig. Heute sind es andere künstlerische Konzepte. Sie sind virulent und dementsprechend geht man damit auch anders in den öffentlichen Raum.

DIE RUHE AUF DER FLUCHT Die Weissenhoffer: Das Passagen-Werk |Bild: Rahel Weldemariam

Haben die Werke in den Kästen auch mal Probleme gemacht?

Winfried: Ja, das war noch vor meiner Zeit als Kurator. Ein ganzer Kubus war mit Heu befüllt worden. Das musste wieder rausgenommen werden, da es sich selbst hätte entzünden können. Ein anderes Werk eines Künstlers beinhaltete Fuchsfell, daraufhin meldete sich der Tierschutzverein. In einem weiterem Werk war ein winziges Bild einer nackten Frau eingearbeitet, welches der Künstler dann entfernen musste.

Hätte man sich deswegen nicht streiten können?

Winfried: Ja, aber das muss ja nicht sein. Bei der Arbeit, in der die Obszönität beanstandet wurde, war es für den Künstler kein Problem, das Bild zu entfernen.

Warum überhaupt Kunst im öffentlichem Raum?

Winfried: Das Interessante daran ist, dass ich in meinem Alltag mit etwas konfrontiert werde, mit dem ich sonst nicht rechne. Dass da eine innere Bewegung passiert, im Sinne von Irritation. Aber es können auch soziale Prozesse entstehen. Man kann durch die Kunst ins Gespräch kommen und sich Gedanken machen, warum die Kunst da ist.
Uwe: Ein amerikanischer Bildhauer sagte, es gehe nicht um Stolperfallen. Es geht im Prinzip darum, etwas zu beleben und zu bereichern. Ich denke, so ein Kunstwerk muss sowohl im öffentlichem Raum als auch auf unterschiedlichen Ebenen funktionieren. Es darf auch was Dekoratives dabei sein, aber es muss in jedem Fall auf einer intellektuellen Ebene funktionieren. Das ist eben Kunstgeschichte, startet mit Duchamp und eben auch …
Beide: …Beuys!
Uwe: Gerade diese beiden.

Beuys?

Winfried: Josefph Beuys. Da bewegen wir uns dann eben auf einem anderem Level der Kunst; er spricht von der sozialen Plastik. Letztlich geht es dann um Gestaltung von Gesellschaft als Kunstwerk.
Uwe: Das was du gerade machst, ist eine soziale Skulptur!

Das Interview?

Winfried: Ja, das gehört alles letztendlich zum Kunstwerk.

Zum Kurator:
Winfried Stürzl studierte Kunstgeschichte in Tübingen, arbeitete anschließend in zeitgenössischen Kunstbetrieben in Köln und Karlsruhe und entdeckte dort schließlich sein Interesse im Umgang mit künstlerischen Projekten. Zurück in Stuttgart, absolvierte er ein Volontariat und arbeitete seither als Lektor und Redakteur. Seit etwa zehn Jahren ist er nun selbstständig. Er arbeitet ehrenamtlich an diversen Kunstprojekten, wie z. B das „AK2" oder „Tresor- Raum für flüchtige Kunst". Zudem beschäftigt sich Stürzl derzeit mit dem nächsten Zyklus für „Transition". Ab Juli können sich die Passanten von einem neuen Kunstprojekt „irritieren" lassen. Obendrein doziert er an der freien Kunstakademie in Nürtingen.
Wer ist:
- Joseph Beuys
- Marcel Duchamp
- Uwe Schäfer

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Über den Autor

Rahel Weldemariam

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016