Beruf Schuhmacher

„Leben könnte ich heute nicht mehr davon ...“

21.06.2016

Früher Leder und Holz, heute meist Kunststoff – Schuhe haben in den vergangenen Jahrzehnten einen extremen Wandel durchlaufen. Auf der Strecke bleibt hierbei der Beruf des Schuhmachers.

Die unterschiedlichsten Schuhmodelle werden in Willi Beisswangers Reparaturwerkstatt abgegeben – um davon zu leben, reicht die Auftragslage aber nicht mehr aus. | Bild: Florian Winter

Die rund dreizehn Quadratmeter große Werkstatt ist hell erleuchtet. Es liegt Ledergeruch in der Luft. Durch ein monotones, maschinelles Summen klingen in unregelmäßigen Abständen dumpfe Schläge. Neben einem hohen, mit unterschiedlichsten Schuhmodellen gefüllten Regal und einem kleinen Empfangstisch stehen zwei Nähmaschinen, zwei Rollregale, eine Werkbank und zahlreiche weitere Gerätschaften. Vor der mit Werkzeugen übersäten Werkbank schwingt ein in eine grüne Schürze gekleideter Mann mit einer dickglasigen Brille und weißem Haar immer wieder seinen Hammer auf und ab. Willi Beisswanger ist Schuhmacher – und das bereits seit 66 Jahren. Noch heute betreibt der inzwischen 80-Jährige eine kleine Werkstatt in seinem Heimatort Heubach nahe Schwäbisch Gmünd.

Willi Beisswanger bei der Arbeit an seiner alten mechanischen Nähmaschine – von den „neumodischen elektrischen" hält er nicht viel. | Bild: Florian Winter

Die Familientradition fortgeführt

Bereits sein Vater und sein Großvater waren dem Handwerk des Schumachers nachgegangen – und so gab es für Willi Beisswanger „keine Alternative": Mit 14 Jahren trat er eine Lehre im Familienbetrieb an. Im Anschluss arbeitete der Schuhmacher-Geselle zunächst einige Zeit in einer Werkstatt in Stuttgart-Vaihingen, bevor er im Alter von 22 Jahren und im Anschluss an seine Meisterprüfung den Familienbetrieb übernahm. Dieser umfasste neben einer Werkstatt auch einen kleinen Schuhladen.

Die dumpfen Aufschläge verstummen. Willi Beisswanger legt seinen Hammer beiseite. Den Hammer, den bereits sein Großvater benutzt hat. Er nimmt das Paar Wanderschuhe von der Werkbank und geht zur monoton summenden Ausputzmaschine. Filigran und akribisch lässt er die neu angebrachte Sohle über die unterschiedlichen Drehscheiben gleiten. Zuerst den einen Schuh. Dann den anderen.

Über die vergangenen Jahrzehnte ist die Auftragslage in den Werkstätten immer schlechter geworden, heute greift nur noch ein verschwindend geringer Teil der Bevölkerung auf die Dienste der Schuhmacher zurück. Willi Beisswanger sieht seinen Berufstand „am Rande des Aussterbens." Auch, weil viele Schuhmacher, wie auch er, „nur" Schuhe reparieren. Mit der Fertigung von Maßschuhen „verdienen nur eine Hand voll das große Geld."

Schuhmacher Willi Beisswanger schildert die Entwicklung seines Berufstands am Beispiel seines Heimatorts Schwäbisch Gmünd.

„Nie unter 150 Paar pro Woche"

Industrielle Massenproduktion und die Umstellung von Leder- auf Gummisohlen haben Schuhe schon in den Fünfzigerjahren deutlich erschwinglicher gemacht. Zudem trieb die zunehmende Verlagerung der Produktionen in Billiglohnländer die Preise weiter in den Keller. Die Folge: Die Menschen konnten sich mehr Schuhe leisten, der Verschleiß ging zurück – und somit auch die Nachfrage nach Reparaturen. Neue Ledersohlen anzubringen war früher eine Haupttätigkeit der Schuhmacher gewesen: Willi Beisswanger und seine Kollegen besohlten in der Werkstatt „in Stuttgart-Vaihingen nie unter 150 Paar Schuhe pro Woche."

Parallel zum Produktionsverfahren hat sich durch die immer größer werdende Auswahl an verschiedenen Modellen auch die Bedeutung von Schuhen verändert: weg vom reinen Nutzobjekt, hin zum Mode-Accessoire. „Als ich angefangen habe, war es noch wichtig, dass Schuhe bequem und qualitativ hochwertig sind. Heute zählt bei vielen praktisch nur noch das Optische – und vor allen Dingen auch die Abwechslung", sagt Willi Beisswanger. In diesem Konsumverhalten sieht der Fachmann den Hauptgrund für die extrem rückläufigen Auftragszahlen und das daraus resultierende Aussterben der Reparaturwerkstätten: „Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Bei den verhältnismäßig niedrigen Preisen kaufen die Leute lieber neue Schuhe, anstatt ihre alten zur Reparatur zu bringen."

Einen maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung habe die Schuhindustrie, die die Schuhe absichtlich qualitativ minderwertiger produziere: „Die wollen Schuhe verkaufen. Deshalb haben die auch kein Interesse daran, dass der Schuh ewig hält. Oder daran, dass der Kunde seinen Schuh zu mir zur Reparatur bringt."

„Es kamen einfach zu wenige Aufträge rein"

Auch in Willi Beisswangers Heimatort Heubach nahm die Zahl der Schuhmacher in Folge dieser Entwicklung rapide ab: Innerhalb kürzester Zeit mussten sechs der ursprünglich acht Werkstätten ihre Pforten schließen. Willi Beisswanger war „einer der zwei Überlebenden." In den darauffolgenden Jahren ging die Nachfrage aber immer weiter zurück – und so wurde auch bei Willi Beisswanger finanziell „die Luft immer dünner." Letztlich nahm ihm das Schicksal die Entscheidung über den Verbleib seines Gewerbes ab: Gesundheitliche Probleme zwangen ihn Anfang der Neunzigerjahre dazu, seine Selbstständigkeit aufzugeben. Bis zur Rente fand er eine neue Tätigkeit im Heubacher Landratsamt. In Bezug auf die damalige Lage seines Betriebs sagt Willi Beisswanger heute: „Lange wäre es nicht mehr gut gegangen. Es kamen einfach zu wenige Aufträge rein."

Den Rücken kehren konnte der leidenschaftliche Handwerker der Schuhmacherei aber nicht: Kurze Zeit später fand er in Heubach einen Raum für eine neue Reparatur-Werkstatt. Hier nimmt er nun seit wiederum 25 Jahren regelmäßig die unterschiedlichsten Aufträge entgegen: von Stilettos über Sportschuhe bis hin zu Sandalen. Zunächst neben seiner beruflichen Tätigkeit im Landratsamt, nach Renteneintritt wieder in Vollzeit.

Willi Beisswanger spricht über den heutigen Verdienst als Schuhmacher und die Zukunftsaussichten seines Berufstands.

Es klingelt. Willi Beisswanger legt den Wanderschuh mit der fast fertig ausgeputzten neuen Sohle auf eines seiner Rollregale und öffnet die Tür. Eine ältere Dame mit grauem Haar, Brille und Gehstock tritt ein: „Guten Morgen Willi – hat alles geklappt?" „Aber sicher", gibt Willi Beisswanger lächelnd zurück und überreicht seiner Kundin die frisch besohlten Sandalen.

„Jeder Auftrag ist für mich ein Projekt, das ich zu Ende bringen muss." Von der Schuhmacherei leben könnte er heute nicht mehr, da ist sich der leidenschaftliche Handwerker sicher. Willi Beisswanger betreibt seinen Betrieb nur noch als Hobby – und das hält ihn auch im fortgeschrittenen Alter noch aktiv. Auf die Einnahmen ist er glücklicherweise nicht mehr angewiesen.

Willi Beisswangers Reparaturwerkstatt

Von Maschinen über Werkzeug bis hin zu den Materialien – ein Einblick in eine Schuhmacher-Werkstatt.

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Über den Autor

Florian Winter

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015