Plansprache Esperanto

„Ohne Esperanto gäb’s mich gar nicht!“

22.06.2016

Eine einfach zu erlernende, neutrale Sprache, die hilft Grenzen zu überwinden und zur Völkerverständigung beiträgt – diese Ideale verfolgte der polnische Augenarzt Ludwik Zamenhof, als er 1887 seine Grundlagen von Esperanto veröffentlichte. Daniela Hölzle aus dem Unterallgäu spricht diese sogenannte Plansprache. Ihr hat sie zu verdanken, dass ihre Eltern sich kennenlernten. Für sie gehört die Sprache zum Alltag dazu. Doch ist die Plansprache auch anderen Menschen ein Begriff?

Daniela Hölzle im heimischen Wohnzimmer. | Bild: Matthias Leuker

Wir haben uns auf Stuttgarts Straßen umgehört: Wem ist die Sprache Esperanto ein Begriff?

Gerade die jüngeren Generationen können mit dem Begriff Esperanto, der wörtlich übersetzt so viel wie „ein Hoffender" bedeutet, nichts mehr anfangen. Kaum einem ist bewusst, dass es tatsächlich eine Esperanto sprechende Gemeinschaft gibt, die wächst.

Teil dieser Gemeinschaft ist Familie Hölzle aus Bad Wörishofen im Unterallgäu. Die fünfköpfige Familie spricht untereinander zwar deutsch, beherrscht aber auch Esperanto fließend.

Daniela stellt sich und ihre drei Kinder vor – auf Esperanto.

Ihre Mehrsprachigkeit ist nicht nur ihr Hobby, sondern hat auch einen familiengeschichtlichen Hintergrund. Schon vor zwei Generationen machte sich ihr Großonkel Gabriel die einfache Erlernbarkeit der Plansprache zu Nutze. Aus Langeweile während einer Verletzung wollte er sich die Zeit mit dem Erlernen einer Sprache vertreiben. Er schrieb an den Langenscheidt-Verlag mit der Bitte um ein Englisch-Wörterbuch. Dieser riet ihm jedoch davon ab, da die Aussprache, ohne gesprochenes Englisch gehört zu haben, nur schwierig zu erlernen sei. Stattdessen empfahl ein Mitarbeiter ihm die Plansprache Esperanto, das aufgrund seiner eindeutigen Aussprache und regelmäßigen Grammatik auch im Selbststudium einfacher zu erlernen sei.

Mithilfe seiner Sprachkenntnisse knüpfte Gabriel über Zeitungsinserate Kontakte in alle Welt. So konnte er seine Nichte und seine beiden Neffen, darunter Danielas Vater Stephan, vom Lernen der Sprache überzeugen.

Ebenfalls über ein Zeitungsinserat lernte Stephan Miller eine junge Esperanto sprechende Polin kennen, Danielas Mutter Irene. Es entstand eine intensive Brieffreundschaft. Getrennt durch den eisernen Vorhang traf man sich jedoch nur wenige Male auf Esperanto-Weltkongressen. Einige Jahre später folgte die Hochzeit in Deutschland.

Esperanto-Weltkongress
Seit 1905 treffen sich jedes Jahr rund ein- bis zweitausend Sprachbegeisterte aus aller Welt auf den Esperanto-Kongressen und besuchen ein breit gefächertes Kulturprogramm. Die Kongresse finden an verschiedenen Orten der Welt statt. Der nächste Kongress wird in Nitra, in der Slowakei stattfinden. Meist umfasst der eigentliche Kongress ein langes Wochenende, zusätzlich werden Aktivitäten und Ausflüge im Gastland angeboten.

Ein Esperanto-Paar: Danielas Eltern Irene und Stephan Miller bei ihrer Hochzeit im Jahr 1965. | Bild: Privat

Angekommen in Deutschland, bemühte sich Irene Miller schnell Deutsch zu lernen. Esperanto, die Sprache, die sie und ihren Mann zusammengebracht hatte, verlor im Alltag der Familie zunehmend an Bedeutung. Zusammen reisten sie jedoch regelmäßig zu Esperanto-Veranstaltungen und -Kongressen und knüpften dort viele Kontakte zu Sprechern aus aller Welt. Die Freundschaften wurden dann in gegenseitigen Besuchen vertieft. Die Tatsache, dass Daniela die Freunde zwar verstand, aber nicht mitreden konnte, brachte sie schließlich im Alter von 16 Jahren dazu, die Sprache zu lernen. Dabei halfen ihr ihre bereits vorhandenen Sprachkenntnisse in Englisch, Latein und Französisch – jenen Sprachen, aus denen Esperanto unter anderem entstanden ist.

Die Tradition der Kongressbesuche hält bei Daniela Hölzle bis heute an. Auch ihr Mann und ihre Kinder begleiten sie und treffen auf den Veranstaltungen Esperanto-Sprecher aus aller Welt. Milena, die jüngste Tochter lernte die Plansprache sogar als Muttersprache.

Daniela erzählt davon, wie es ist, ihre Tochter in einer Plansprache großzuziehen.

Nachdem sie im Alter von drei Jahren das Interesse verloren hatte, weil niemand außerhalb ihrer Familie die Sprache beherrschte, wurde es wieder geweckt, als sie auf den Kongressen andere Esperanto sprechende Kinder kennenlernte. Auch Lioba, die ältere Tochter, hat großen Gefallen an den Treffen und der Sprache gefunden. Im Juli wird sie zum ersten Mal alleine den Esperanto-Weltjugendkongress besuchen, der dieses Jahr in Breslau, Polen stattfindet. Danielas ältestes Kind, Raimund, hat sich bewusst dagegen entschieden, neben Englisch zusätzlich Esperanto zu lernen. „Eine moderne Fremdsprache reicht", erklärte er in der siebten Klasse bei der Wahl einer zweiten Fremdsprache und entschied sich für Altgriechisch.

SONY DSCSechs von zwölf Leuten in der Familie Hölzle sprechen Esperanto. | Bild: Privat

Dass sich Esperanto nicht als Weltsprache durchgesetzt hat, bedauert Daniela Hölzle. Gerade in der aktuellen Flüchtlingskrise wäre eine universelle Sprache zur Verständigung wichtig, betont sie. Heutzutage übernimmt diese Funktion normalerweise das Englische. Da jedoch einige Flüchtlinge kein oder nur sehr wenig Englisch sprechen, würde es sich anbieten, ihnen Esperanto beizubringen. Zudem ließe sich mit der Plansprache deutlich schneller ein höheres Sprachniveau erreichen, das für die alltägliche Kommunikation ausreicht.

Ein verbreitetes Vorurteil steht dem im Wege: Die Plansprache habe keine Kultur. Daniela Hölzle sieht das anders. Trotz ihres mit nur hundert Jahren recht jungen Alters hat die Sprache neben eigenen Sprichwörtern und Redensarten eigene Literatur aber auch Musik, Theater und vereinzelt Filme mit Texten in Esperanto. Darüber hinaus hat Esperanto eigene Aktions- und Gedenktage sowie internationale Museen und Bibliotheken.

Auch Klassiker wie Asterix oder den Koran gibt es auf Esperanto. | Bild: Matthias Leuker

Wie viele Menschen Esperanto tatsächlich beherrschen, lässt sich nur schwer feststellen. Anhaltspunkte bieten die Mitgliederzahlen des Esperanto-Weltbundes (Stand 2011: 5321), die Anzahl an Absolventen von Sprachkursen und die Teilnehmerzahlen der Kongresse (2015 in Lille, Frankreich: 2698) – wobei diese je nach Ausrichtungsort stark schwanken.

Dank des Internets ist es deutlich einfacher geworden, Esperanto zu lernen. Mittlerweile ist es möglich, sich über Webseiten wie 101languages, memrise oder speaky Sprachkenntnisse eigenständig anzueignen. Auf einer der bekannteren Plattformen, duolingo, wurde das Angebot bisher von mehr als 419 Tausend Lernenden angenommen.

Eine kleine Einführung in die Logik der Sprache.

In Daniela Hölzles Augen verhindert eine paradoxe Haltung der meisten Menschen die Ausbreitung der Sprache: „Jeder sagt: ‚Wenn sich’s durchsetzt, dann lerne ich’s auch.‘ Aber es setzt sich natürlich nur durch, wenn es auch jemand lernt."

Wie viel weißt du über Esperanto? Teste dich! | Jasmin Hauer und Matthias Leuker via ZEIT ONLINE
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Über die Autoren

Jasmin Hauer

Crossmedia Redaktion/Public Relations
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Matthias Leuker

Crossmedia Redaktion/Public Relations
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