Zuhause zwischen zwei Kulturen

„Salsa habe ich erst in Deutschland gelernt“

13.05.2015

Als ich endlich ankomme, strahlen mich zwei große dunkelbraune Augen an. Das erste Klischee, dass Südamerikaner unpünktlich seien, stimmt also nicht. Alicia Medina wartet schon seit acht Minuten. Sie ist eine von über 600 Ecuadorianern, die wegen des Studiums nach Deutschland kommen. Wir unterhalten uns über ihr Studentenleben als Latina im Schwabenland, das Schulsystem in Ecuador und wie sie sich ihre Zukunft vorstellt.

Alicia, wie lange bist Du schon in Deutschland?

Alicia: Seit drei Jahren. Ich studiere Werbung und Marktkommunikation im 4. Semester in Stuttgart. Aber ich spreche schon seit ungefähr sechs, sieben Jahren Deutsch, da ich in Ecuador ab der 5. Klasse auf die deutsche Schule in Quito, der Hauptstadt von Ecuador, gegangen bin. Mein Vater meinte damals zu mir, ich solle noch eine Sprache lernen und Deutsch ist bei uns sehr angesehen.

Wie war es für Dich damals auf die deutsche Schule zu wechseln?

Alicia: Es war schwer für mich. Alles war anders. Ich hatte noch keine Freunde. Es hat lange gedauert, ehe man sich nahe war. Das war anfangs ein Schock für mich. Irgendwie war es auch komisch, da ich deutsche Werte, wie Verantwortungsbewusstsein und Pünktlichkeit, erst gelernt habe. Auch der Unterricht war härter als zuvor. Von ursprünglich 100 Schülern haben nur um die 70 den Abschluss geschafft.

Das südamerikanische Schulsystem ist wahrscheinlich ganz anders als das Deutsche. Wie ist es denn aufgebaut?

Alicia: Bei uns geht man erst in die Kita, das ist sowas wie Kindergarten und Grundschule zusammen. Danach geht man auf die Schule. Da wechselt man nicht so oft, wie hier in Deutschland. Nach sechs Jahren auf dem „Colegio" kann man das „Bachillerato", also das Abitur, machen. Es gibt private und staatliche Schulen. Die staatlichen Schulen sind aber nicht gut. Wir müssen, anders als hier in Deutschland, Schuluniformen tragen.

Wie geht es Dir denn als Latina im Schwabenland?

Alicia: Sehr gut! Ich liebe das Essen hier. Bei uns in Ecuador gibt es viel Fisch, Reis und Steak. Das wünsche ich mir oft. Dafür gibt es dort aber nicht so leckere Spätzle! Lustig ist, dass viele hier davon ausgehen, dass ich Salsa tanzen kann. Ich bin ja schließlich aus Südamerika. Mir ist es auch ein bisschen peinlich, aber gut tanzen kann ich nicht. Salsa habe ich erst hier in Deutschland gelernt.

In Deutschland ist Integration ein großes Thema. Fühlst Du Dich akzeptiert oder integriert?

Alicia: Ich selbst sehe mich gar nicht mehr so sehr als Ausländerin. Ich lebe hier, studiere hier und habe Freunde hier. Persönlich ist mir auch noch nichts Ausländerfeindliches passiert. Aber wenn ich mitbekomme, wie sich manche Personen, zum Beispiel auch Professoren, gegenüber ausländischen Studenten verhalten, werde ich wütend.

Du warst auf einer deutschen Schule, hast die Werte gelernt und sprichst die Sprache fließend. Fühlst Du Dich eher als Deutsche oder Ecuadorianerin?

Alicia: Ecuador ist in erster Linie meine Heimat. Ich bin dort aufgewachsen. Meine Familie lebt in Südamerika, deswegen wird es immer ein Stück Heimat bleiben. Jedoch wird Deutschland immer mehr Heimat für mich. Meine beste Freundin aus Ecuador studiert zum Beispiel in Pforzheim und auch andere, die mit mir auf die deutsche Schule gegangen sind, wohnen in der Nähe. Dadurch ist ein Teil aus Südamerika immer hier bei mir in Deutschland. Ich habe aber auch viele deutsche Freunde gefunden und fühle mich selber manchmal ziemlich deutsch.

Wobei zum Beispiel?

Alicia: Ich merke, dass ich im Vergleich zu den meisten Lateinamerikanern sehr pünktlich bin. Meine deutschen Freunde sind da vielleicht nicht ganz meiner Meinung. Aber ich merke auch selbst, wie viel Wert ich mittlerweile auf Pünktlichkeit lege. Wenn ich in Ecuador Freunde um sechs Uhr einlade, rechne ich nicht vor zehn Uhr mit ihnen.

Das hört sich so an, als würdest Du die Pünktlichkeit der Deutschen schätzen. Gibt es denn etwas, das Du an der deutschen Kultur merkwürdig findest?

Alicia: Typisch deutsch ist es für mich zum Beispiel die Schuhe auszuziehen, wenn man jemanden Zuhause besucht. (lacht) Das verstehe ich überhaupt nicht…

Und was vermisst Du? Etwas typisch Südamerikanisches?

Alicia: Ich vermisse schon oft den Strand und die Wärme. Ich liebe es zwar auch, wenn es in Stuttgart schneit, aber nach einiger Zeit reicht es mir dann auch mit der Kälte und ich sehne mich wieder nach Hause, wo wir den Strand direkt vor unserer Türe haben. Außerdem finde ich, dass man in Ecuador schneller mit Leuten in Kontakt kommt. Wenn ich durch Stuttgart laufe und mich hört jemand am Telefon oder mit Freunden Spanisch sprechen, werde ich von fremden Leuten angequatscht: „Hey Du sprichst ja auch Spanisch, wo kommst Du her?"

Es klingt ganz so, als wärst Du gut in Deutschland angekommen. Wie siehst Du Deine Zukunft? Kannst Du Dir vorstellen nach dem Studium in Deutschland zu bleiben, oder zieht es Dich wieder zurück nach Ecuador?

Alicia: Ich kann mir schon vorstellen, einige Zeit in Deutschland zu leben und arbeiten. Aber ob es für immer sein wird, kann ich nicht sagen. Ich überlege momentan auch ein Auslandssemester zu machen. Da hätte ich Lust nach Asien zu gehen, um etwas ganz Neues zu sehen!

Bildungsausländer in Deutschland:

Um Zahlen zu sehen, fahre mit der Maus über die Diagramme! (Quelle: Julia Weise, Plattform: Piktochart)

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Über den Autor

Julia Weise

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015