Grüne Damen und Herren

„Sind Sie von der Partei?“

04.07.2017

Grüne Kleidung, Markenzeichen Zeit. Wenn man in Deutschlands Krankenhäusern zwischen all dem Weiß Personen in Grün sieht, machen sie wahrscheinlich keine Wahlwerbung. Die ehrenamtlichen Grünen Damen und Herren besuchen Patienten und haben Zeit für sie. Zeit zum Reden, Zeit zum Zuhören, Zeit zum Schweigen. Sonja Zimmermann ist eine von ihnen.

Seit eineinhalb Jahren engagiert sich Sonja Zimmermann (55) ehrenamtlich als Grüne Dame im Katharinenhospital in Stuttgart. | Foto: Lea Weinmann

Es ist schwül an diesem Donnerstagmorgen. Die Fenster in den Krankenzimmern des Katharinenhospitals in Stuttgart stehen weit offen. Der Lärm der Baustelle gegenüber bricht sich seinen Weg ins Innere der Zimmer. Vor einem Krankenbett steht Sonja Zimmermann im grünen Kittel. „Wie geht es Ihnen?", ruft sie über das Donnern der Schlagbohrer hinweg.

Sonja Zimmermann ist eine von rund 100 Grünen Damen und Herren in Stuttgart. Die meisten von ihnen sind Rentner. Ehrenamtlich schenken sie den Patienten, was die Pflegekräfte oft nicht leisten können: Ein offenes Ohr. Brigitte Schröder, die gesellschaftlich engagierte Ehefrau des Politikers Gerhard Schröder, gründete 1969 die erste Gruppe der Grünen Damen. Mittlerweile engagieren sich 11.000 Ehrenamtliche in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeeinrichtungen Deutschlands. Nur 8,3 Prozent davon sind Männer. Warum der Frauenüberhang so groß ist, können sich die Grünen Damen nicht erklären. Viele Männer hielten das Kümmern wohl noch für Frauensache. Dabei seien die acht Grünen Herren in Stuttgart eine Bereicherung.

Viele Patienten haben Angst

Der Besuchsdienst läuft immer gleich ab. Und ist doch jedes Mal anders. Im ersten Zimmer stellt Sonja Zimmermann sich vor.

- Zimmermann, mein Name. Ich bin von den Grünen Damen. Wissen Sie, was das ist?

- Sind Sie von der Partei? Mit Politik möchte ich nichts zu tun haben!

Nicht immer können die Ehrenamtlichen helfen. Manche Patienten möchten nicht mit Fremden reden, andere haben Angehörige zum Austausch. „Viele Patienten hier haben aber einfach Angst vorm Alleinsein. Diese Angst wollen wir lindern", sagt Sonja. Im Zimmer nebenan steht eine alte Dame. Adrett zurechtgemacht, den Stock fest in der Hand. Ihr Koffer steht gepackt neben dem Bett.

- Ich darf nach Hause. Gleich kommt mein Mann und holt mich ab. Ich bin Zeugin Jehovas, wissen Sie? Mein Hals ist so trocken.

- Möchten Sie etwas trinken?

- Das ist nicht mein Glas. Nicht mein Zimmer. Ich weiß nicht, warum ich hier bin.

Vom Pflegepersonal erfährt Sonja Zimmermann, dass die Dame erst übermorgen entlassen wird. Ihren Koffer packt sie schon seit drei Tagen. Ihr Mann ist vor langer Zeit gestorben. Im nächsten Moment beginnt die alte Dame zu weinen. Sonja tröstet sie. Sie spricht nicht viel. Sie hört zu. „Unser Markenzeichen ist Zeit", sagt sie. „Wenn jemand reden oder nur seinen Frust loswerden will. Es kann auch sein, dass wir eine halbe Stunde bei einem Patienten sitzen."

Bewege den Cursor über das Bild, um Dir anzuhören, wie die Grünen Damen und Herren den Patienten helfen können. |Grafik: Lea Weinmann

Man braucht keine Vorkenntnisse, um Grüne Dame zu werden. Verpflichtend ist ein Einführungsseminar, in dem die Ehrenamtlichen den Umgang mit Patienten erlernen. Weil sie keine fachliche Ausbildung haben, dürfen Grüne Damen und Herren eigenständig keine Patienten pflegen. Selbst das Verstellen von Betten muss abgeklärt werden.

Sonja war selbst Pflegekraft, bevor sie für die Familie beruflich kürzergetreten ist. Seit eineinhalb Jahren schlüpft sie nun in den grünen anstatt in den weißen Kittel. Auf der Kardiologie hat sie heute viel zu tun. Die Station geht über in die Onkologie. Die meisten Menschen hier sind schwer krank. Krebs. Teilweise im Endstadium. Der Patientin auf der Kardiologie geht es schon wieder besser.

- Wenn ich das Drama auf dem Flur erlebe, denk‘ ich mir, mir geht’s ja noch gut. Aber die Untersuchungen waren schlimm.

- Kriegen Sie Besuch?

- Meine Kinder kommen. Und meine Enkelkinder. Die Jungen immer mit ihren Handys.

- Wie viele Enkelkinder haben Sie denn?

- Meine Tochter hatte eine Totgeburt.

- Das tut mir leid.

- Jetzt sind die bei Rock am Ring. Soll wieder gewittern.

- Ich wünsche Ihnen, dass Sie bald nach Hause dürfen.

- Ja. Das Krankenhaus ist nur noch eine Fabrik. Die Pfleger können nichts dafür. Die leiden ja auch darunter.

In einer eigenen Erhebung ermittelte die Gewerkschaft Ver.di, dass bundesweit 162.000 Stellen in Krankenhäusern fehlen, davon allein 70.000 in der Pflege. Zeit Online berichtete im Februar über eine Befragung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Das Ergebnis: 93,4 Prozent der befragten Pfleger fühlten sich gehetzt. Als Ursache nennen fast 92 Prozent zu wenig Personal. Zeitmangel an allen Ecken.

Beim Mittagessen wird alles verdaut

Dabei ist gerade die Zeit wichtig, meint Sonja Zimmermann. „Ich habe das Gefühl, ich kann wirklich helfen. Ich bekomme hier viel mehr zurück, als ich gebe", sagt sie. Im Katharinenhospital fühlt sich die 55-Jährige mittlerweile ein bisschen zuhause. Dazu trage auch die Gemeinschaft bei, die sie erlebt. Nach dem Besuchsdienst geht Sonja Zimmermann mit den anderen Ehrenamtlichen zum Mittagessen. Hier tauschen alle ihre Erlebnisse aus. Ohne Namen zu nennen. „Wir könnten auch eine psychologische Betreuung in Anspruch nehmen. Aber wir verdauen alles mit dem Essen", sagt die Grüne Dame und lacht.

All das Engagement kostet viel Kraft. „Mehr dürfte es nicht werden", sagt Claudia Krause beim Mittagessen. Sie ist die Sprecherin der Grünen Damen und Herren des Klinikum Stuttgart und war heute auch im Dienst. Dabei sind die Ehrenamtlichen überzeugt, dass ihr Einsatz immer mehr gebraucht wird. Mit dieser Meinung sind sie nicht allein. Eine Umfrage des Zentrums für Zivilgesellschaftliche Entwicklung (zze) von 2014 zeigt: 85 Prozent der befragten Einrichtungen, in denen Grüne Damen und Herren aktiv sind, wünschen sich noch mehr Unterstützung durch Ehrenamtliche.

Schau Dir an, in welchen Einrichtungen Baden-Württembergs die Grünen Damen und Herren aktiv sind. Die blauen Markierungen zeigen Krankenhäuser, die grünen Alten- und Pflegeeinrichtungen. | Quelle: Lea Weinmann

Für Weiterbildungen fehlt das Geld

Gerne wären die Engagierten besser ausgebildet, um mehr zu leisten. Doch dafür fehlt das Geld. Die Evangelische Krankenhaus-Hilfe e.V. (eKH) finanziert die Arbeitsgemeinschaft der Grünen Damen und Herren. Mangelt es an Spenden, kann sie keine Fortbildungen anbieten. Ein Missstand, den man beheben könnte, meint Claudia Krause: „Die Sozialkassen sollten die eKH mit Geldern unterstützen. Schließlich helfen wir den Menschen, gesund zu werden."

Nach dem Mittagessen zieht Sonja Zimmermann ihren grünen Kittel aus. Er ist jetzt schwer beladen mit Sorgen, Ängsten und Trauer. „Mit dem Kittel streife ich auch all die Last ab", sagt sie. Die Grüne Dame hängt den Kittel in den Spint. Schließt ab und lässt ihn dort. Bis zum nächsten Donnerstagmorgen.

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Über den Autor

Lea Weinmann

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 16/17