Willkommenskultur

„Stuttgart ist eine sehr weltoffene Stadt“

23.06.2015

Die Zahl der Neuankömmlinge in Stuttgart steigt – somit auch der Bedarf an Beratung und Betreuung. Seit Ende 2014 bietet das Welcome-Center der Landeshauptstadt und die Wirtschaftsförderung der Region Stuttgart eine zentrale Erstanlaufstelle für Neubürger aus der ganzen Welt. Fast 2000 Anfragen hat das Center bereits bearbeitet.

„Willkommen" steht in großen weißen Lettern an der Glastür des Welcome-Centers am Charlottenplatz in der Stuttgarter Innenstadt. Von außen wirkt das Center in einem alten Waisenhaus unscheinbar. Innen ist die Einrichtung freundlich gestaltet: Eine farbig gemusterte Decke, moderne Möbel und verglaste Wände. „Bei uns gibt es normalerweise keine geschlossenen Türen", erklärt die Leiterin des Welcome-Centers Suzana Hofmann. Viel mehr hätte man von Anfang an Wert auf eine offene und angenehme Atmosphäre gelegt.

Seit Oktober 2014 erhalten Menschen, die von überall auf der Welt nach Stuttgart kommen hier Unterstützung. Als Erstanlaufstelle bietet das Center Hilfe zu Themen wie Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen, Sprache, Arbeits- und Wohnungssuche. Neuankömmlinge sollen hier durch die oft beschwerliche Anfangszeit begleitet werden. Diese Hilfe wird dringend benötigt, weiß Hofmann. Denn schon ein Umzug innerhalb Deutschlands stelle die Betroffenen vor Herausforderungen, wie beispielsweise die Wohnungssuche oder ein anderes Schulsystem. Für Neubürger aus dem Ausland würden oftmals die fremde Sprache und die unbekannte Kultur ein Problem darstellen. Wichtige Fragen stellen sich: Wie finde ich Arbeit? Wo lerne ich Deutsch? Welche Regeln muss ich beachten? Wohin kann ich mich bei welchem Problem wenden? „Das Center entstand aus der Idee heraus, Wege zu ersparen", so Hofmann.

Anlaufstelle für Neubürger

Zur gleichen Zeit zeigten sowohl die Stadt Stuttgart als auch die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart Interesse an einem Welcome-Center. Der Stadt sei vor allem eine zentrale Anlaufstelle für Neubürger wichtig gewesen, wohingegen die Wirtschaftsförderung internationalen Fachkräften Unterstützung bieten wollte, sagt Hofmann. Durch das neue Zuwanderungsgesetz sind in den letzten Jahren immer mehr EU-Bürger nach Stuttgart gekommen. Doch eine politische Lösung reiche nicht aus, es müsse auch Unterstützung für die Neuanfänger gewährleistet werden. „Für Stuttgart sei es an der Zeit gewesen etwas zu tun", so Hofmann. Auch für Mergime Mahmutaj von der Städtischen Abteilung für Integration gehört ein Welcome-Center zu einer gelungenen Willkommens-Kultur dazu: „Das Center bündelt viele verschiedene Einrichtungen und Informationen für Neubürger."

Mehr Vertrauen in Sprachkenntnisse

Diese Idee ist ein voller Erfolg. Seit der Eröffnung im Oktober haben sich fast 2000 Menschen an das Welcome-Center gewandt. Telefonisch, per Mail oder vor Ort fragten Flüchtlinge, Studenten, Fachkräfte und Familien um Rat. Um die unterschiedlichen Anfragen kümmert sich das neunköpfige Team des Centers, das aus den verschiedensten Fachgebieten besteht: Wirtschaftsförderung, Migrationsdienste und Jobcenter. Das Team arbeitet dabei in einem Tandem-Modell. „Ist ein Kollege besonders fit in einem Bereich, wird er dazu geholt. Der eigentliche Ansprechpartner bleibt aber erhalten", erklärt Hofmann. So sei eine ideale Betreuung möglich. Auch die Verständigung spielt eine wichtige Rolle. Zusammen spricht das Team zwölf Sprachen. Oft hätten die Hilfesuchenden aber bereits Deutschkenntnisse. Das Problem sei nur, dass viele zwar ein Sprachzertifikat besitzen, die Sprache aber selten sprechen. „Die Menschen müssen sich mehr trauen, die Deutschkenntnisse auch anzuwenden" rät Hofmann.

Das Welcome-Center Stuttgart

Im Welcome-Center erhalten Neuankömmlinge aus der ganzen Welt Unterstützung.

Die neue Generation

Wer nach der Ankunft viel mit anderen aus dem Ausland Zugezogenen unterwegs ist, hat Probleme Deutsch zu sprechen. Das Welcome-Center gibt ausländischen Studenten deshalb den Tipp, früh deutsch zu lernen, um später bessere Chancen im Job zu haben. Auffällig sei jedoch die „neue Generation der Zuziehenden", so Hofmann. Viele der Neubürger würden sich inzwischen weniger an eigenen kulturellen Vereinen orientieren, sondern wären offener. „Sie wollen Teil dieser Gesellschaft sein und sich wohlfühlen", sagt Hofmann. Diese neue Generation sei auch sehr gut organisiert. Der Umzug nach Stuttgart werde im Voraus genau geplant, bevor die Familie nachkommt. Das sei auch der Grund, weshalb die Beratung so zeitintensiv ist. Oft dauert ein Gespräch fast eine Stunde.

Einsamkeit in Stuttgart

Pauschalisieren lassen sich die Anfragen der Zuziehenden jedoch nicht. Im Gegenteil, meint Hofmann: „Unsere Kunden sind sehr unterschiedlich". Viele würden sich natürlich nach Arbeit und Wohnungen erkundigen. Doch auch das sei nicht immer der Fall. Ein jüngerer Neuankömmling aus dem Ausland hätte als erstes nach einer Volleyballmannschaft gefragt, ohne zu wissen wo er in Zukunft wohnen sollte. Diese Situationen sieht Hofmann als Paradebeispiel für Integration: Wer sich offen zeigt, wird leichter integriert und fühlt sich nicht einsam. Denn Einsamkeit sei ein großes Problem vieler Neuankömmlinge, meint Suzana Hofmann.

Nach der Eröffnung des Welcome-Center wurde auch das Interesse der Bevölkerung deutlich. „Stuttgart ist eine sehr weltoffene Stadt", weiß Mergime Mahmutaj. Zahlreiche Hilfsangebote gingen bei der Stadt ein. Das wollte man nutzen und für einen Austausch sorgen: Die Abteilung Integration der Stadt ernannte 75 so genannte Willkommenspaten. Mahmutaj erklärt: „Die Willkommenspaten dienen als Begleiter und Unterstützer. Jeder, der möchte, kann dabei helfen." Die Paten können sich auf ganz unterschiedliche Weise einbringen. Eine ehemalige Musiklehrerin wurde etwa Patin einer Pianistin aus Kroatien und unterstütze sie bei der Jobsuche. Ein Medien-Student half einem jungen Filmemacher Kontakte zu knüpfen. Doch sie helfen gleichzeitig auch gegen die Einsamkeit.

Der ganz normale Alltag

Diese Alltagsgeschichten sind es, die Suzana Hofmann glücklich machen. „Wir sehen, dass wir gebraucht werden und das Richtige tun", sagt sie und lächelt. Obwohl die Eröffnung erst im Oktober war, wird klar, dass dieses Center dringend gebraucht wird. Für die Zukunft wünscht sie sich Hoffman längere und vor allem regelmäßigere Öffnungszeiten. Damit es bald für viele weitere Menschen heißt: Herzlich Willkommen in Stuttgart.

Daten über das Welcome-Center in Stuttgart. (Quelle: Suzana Hofmann, Welcome-Center Stuttgart, 2015. Erstellt von Lara Peterke)

3 Fragen an Suzana Hofmann:

Integration bedeutet für mich...

..dass Neuankömmlinge am Leben teilnehmen, Freunde finden und sich wohl fühlen. Die Bevölkerung muss offen auf die Neubürger zu gehen, wie die Willkommenspaten das bereits tun.

Stuttgart ist lebenswert weil...

..die Stadt einfach toll ist. Die Region ist wirtschaftlich stark und gilt in Deutschland als wichtiger strategischer Standort. Außerdem ist Stuttgart familienfreundlich und im Bildungsbereich sehr fortgeschritten. Ich persönlich finde auch die Wilhelma super.

Mich freut besonders, dass...

..die Neubürger das Welcome-Center vielseitig nutzen und die Stuttgarter daran interessiert sind zu helfen. Seit Oktober sind die Anfragen an uns stark angestiegen.

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Über den Autor

Lara Peterke

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015