Prager Frühling in der Tschechoslowakei

„Und hinter uns war der Käfig zu“

06.07.2015

Honza Svoboda* ist in den späten 60er-Jahren mit seiner Familie nach Deutschland geflohen. Er wurde in seiner Heimat, der Tschechoslowakei, politisch verfolgt. Heute ist er 80 Jahre alt und erzählt von seinem Leben in einem totalitären Staat.

Es fällt Honza Svoboda schwer, über seine Kindheit zu erzählen, denn „da gab‘s ja nix". Svoboda ist schlank, sein Gesicht ist von vielen Falten gezeichnet und auf seiner Nase sitzt eine große Hornbrille. Er überkreuzt seine Beine, umfasst sein Knie und beginnt von seiner Kindheit in der damaligen Tschechoslowakei zu erzählen.

Svoboda wurde 1934 in der Stadt Königinhof an der Elbe geboren. Durch das Münchener Abkommen unterlag das Gebiet, Böhmen genannt, dem Deutschen Reich. Die wirtschaftliche Situation zwischen erstem und zweiten Weltkrieg war angespannt. Svoboda erzählt, dass seine Kindheit von Knappheit geprägt war: „Die Versorgungssituation war katastrophal. Meine Mutter war eine Künstlerin, was das Kochen betrifft. Sie hat aus Wasser und Nichts ein Mittagessen gemacht." Lange kannte er viele Lebensmittel nicht:

Weihnachten 1943: die ersten Erdnüsse

„Den werden wir umerziehen"

In der Schule war es für ihn meistens langweilig, erzählt Svoboda. Vor der Einschulung habe er bereits lesen und schreiben können und sprach Deutsch und Tschechisch, da er zweisprachig aufgewachsen ist. Während dieser Zeit übernahm die Sowjetunion die Führung des Landes und reformierte das komplette System. Die im Land herrschende Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KSČ), konnte entscheiden, ob ein Abiturient für ein Studium zugelassen wurde. Svoboda wurde wegen seiner Verhaltensnote und einigen unentschuldigten Fehlzeiten nicht für die normale Universität zugelassen. „Eines Tages kamen Soldaten einer Militärakademie in meine Schule", erinnert er sich. Sie warben für eine Akademie, bei dem man innerhalb von zwei Jahren Ingenieur werden konnte. „ ,Den werden wir umerziehen’ haben sie über mich gesagt", beschreibt Svoboda. „Und so landete ich in der Militärakademie." Er hält einen Moment inne, steht auf und geht in das angrenzende Esszimmer. Er kramt in einer Holzkommode und setzt sich wieder hin. In der Hand hält er ein Foto von sich, als Student an der Militärakademie. Das Bild zeigt einen jungen Mann in Uniform. Svoboda fährt mit seiner Geschichte fort und erzählt, dass er sich für ein Chemiestudium entschied. Er weiß noch genau, wie streng der Tagesplan war:

Tagesablauf an der Militärakademie

Auf die Frage, ob die Umerziehung des kommunistischen Regimes bei ihm geglückt sei, antwortet Svoboda: „Wir haben versucht, die Hochschule zu beenden, wir haben versucht zu überleben. Aber gleichzeitig sich dem System nicht anzupassen, der Partei nicht zu glauben, sondern selber zu denken." So sei er einmal unerlaubterweise übers Wochenende seine Eltern besuchen gegangen. Als er zurück in die Akademie kam, wurde er für einige Tage ins Gefängnis gebracht. Da er am Tag nur einen Scheitel Holz bekam, um sich ein Feuer zu machen, war es ihm sehr kalt. Deshalb zerlegte er kurzerhand den Holzstuhl der Zelle. „So haben wir uns an Verbote gehalten", meint er und lächelt.

Kurz unterbricht er seine Erzählung, schaut mich an und fragt: „Hast du das Buch ‚Der brave Soldat Schwejik‘ gelesen? Das solltest du lesen. Dann würdest du die böhmische Mentalität verstehen. Wir nehmen nichts ernst und versuchen immer die Obrigkeit auszutricksen. So schlagen wir uns durch."

Politischer Umbruch

Dann kam der Prager Frühling. Svoboda hatte zu diesem Zeitpunkt bereits promoviert, hatte geheiratet und einen Sohn bekommen. Er war Chef-Chemiker in einem Kraftwerk, als einige Mitglieder der KSČ Bestrebungen begannen, um eine Demokratisierung und Liberalisierung im Land herbeizuführen. Es erschien zum Beispiel das von zahlreichen Intellektuellen unterschriebene „Manifest der 2000 Worte", das viele Tschechen und Slowaken in Aufbruchsstimmung versetzte. Große Teile der Bevölkerung begannen sich für mehr Meinungsfreiheit und Pluralismus einzusetzen. Auch Svoboda spürte diese Aufbruchsstimmung an seiner Arbeitsstelle. Dort wurde der Direktor des Kraftwerks, der Mitglied des Zentralkomitees der KSČ war, von der Belegschaft gestürzt. „Ich konnte schon immer gut Vorträge halten, aber das wurde mir dann zum Verhängnis", erklärt Svoboda. Er wurde dazu bestimmt, mit der KSČ über den Vorfall zu verhandeln. Zunächst einigten sie sich auf einen Kompromiss.

„Aber dann kamen die Brüder aus Ungarn, Polen und der DDR und haben uns befreit", sagt Svoboda spöttisch. In der Nacht zum 21. August 1968 marschierten Soldaten der Sowjetunion in die Tschechoslowakei ein und zerschlugen die Konterrevolution. „Der Prager Frühling war vorbei und ich musste mit den Konsequenzen des Vorfalls im Kraftwerk zurechtkommen", erklärt Svoboda. Eines Tages erfuhr er von einem Bekannten, dem Bezirkschef der KSČ, dass bei ihm eine Anzeige gegen ihn vorliegt. Der Bekannte riet ihm das Land zu verlassen, da er sonst wegen Führung der Konterrevolution in der Energietechnik vor Gericht gebracht würde. „Da haben wir gesagt: wir machen die Fliege!", sagt Svoboda.

Sich schämen, aus der Tschechei zu sein

Er erzählt, dass die Flucht sehr knapp war und nur durch einen Zufall überhaupt ermöglicht wurde. Er war im Jahr zuvor wegen beruflichen Gründen in Deutschland gewesen. Damals hatte er geplant nach Deutschland zu ziehen und die nötigen Papiere, auch für seine Frau und seinen Sohn, besorgt. Diese Papiere ermöglichten ihm im Jahr 1969, kurz bevor die Grenzen der Tschechoslowakei wieder geschlossen wurden, das Land zu verlassen. „Und hinter uns war der Käfig zu", sagt Svoboda.

In Deutschland kam die Familie in einem Flüchtlingslager unter. Die Zeit im Lager war zwar kurz, aber einprägsam:

Aufenthalt im Flüchtlingslager

Svoboda bewarb sich bei vielen Firmen und nahm die erste Zusage, einer Firma in Steinenbronn, bei Stuttgart, an. Dort hatte er erste Probleme, sich zu verständigen. „Ich spreche deutsch ja schon mein ganzes Leben, aber in Steinenbronn hatte ich anfangs trotzdem Probleme. Da schwätzt man nämlich nur schwäbisch", erklärt er lachend. Plötzlich wird er wieder ernst und sagt, dass schon zu diesem Zeitpunkt an Rückkehr nicht mehr zu denken war:

Kein Zurück mehr

Nach seiner Tätigkeit in Steinenbronn machte er seinen zweiten Doktor in Stuttgart und arbeitete in einem großen Kraftwerksunternehmen in Mannheim. Später, als Rentner, gründete eine Fachzeitschrift für Kraftwerkschemie und arbeitete daran noch 15 Jahre als Herausgeber. Erst nach vielen Jahren wurde Svoboda von seinem Heimatland begnadigt, so dass er heute wieder nach Tschechien reisen darf. Heute, im Alter von 80 Jahren, hält er weltweit immer noch Vorträge über die Kraftwerkschemie.

Abschließend frage ich ihn, wie er sich heute fühlt:

Gedanken heute

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Total votes: 386
 

Über den Autor

Jacqueline Bader

Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015