1 von 5

„Vom Zeitungsjungen zum Bauingenieur“

01.07.2015

Die Geschichte eines Flüchtlings, der es mit viel Schweiß und Ausdauer zum Diplom Bauingenieur geschafft hat. Heute strebt der 30-jährige Nakibulla Harunkhel nach beruflichem Aufstieg. Nicht nur für sich selbst, sondern für seine Familie, die er vor fast 20 Jahren in Afghanistan zurück ließ.

Naki. So nennt ihn seine Familie, seine Freunde, so darf auch ich ihn nennen. Seine afghanischen Wurzeln sind ihm heute kaum noch anzuhören. Der typisch afghanische Grüntee und die süßen Leckereien aus seiner Heimat, die mir bei unserem Treffen in seiner Wohnung angeboten werden, beweisen jedoch, dass er noch lange nicht vergessen hat, woher er kommt. Ganz nach afghanischem Brauch lässt man sich auf dem Boden in einer gemütlichen Sitzecke der Wohnung nieder. Tische und Stühle gebe es dort nicht, wo er herkommt.

Diya: Es wäre also nicht ratsam, ein Möbelgeschäft in Afghanistan zu eröffnen?

Naki: Lacht Auf keinen Fall, derjenige würde keinen geschäftlichen Erfolg haben und seinen Laden schnell wieder schließen.

Diya: Hast du dich mittlerweile an Tische gewöhnt?

Naki: Natürlich habe ich mich daran gewöhnt. Gerade wenn es ums Essen geht. Da sitze ich schon viel lieber an einem Tisch mit meinen Freunden als auf dem Boden. Aber schließlich bin ich auch schon seit ich zehn Jahre alt bin hier in Deutschland. Ich bin mit der deutschen Kultur groß geworden.

Diya: Du bist 1996 ohne deine Familie nach Deutschland eingereist. Wieso sind weder deine Eltern noch deine Geschwister mitgekommen?

Naki: Das ist eine gute Frage. Es ist schwer, die Einreiseerlaubnis zu bekommen. Wenn es einfach wäre, wäre vermutlich ganz Afghanistan hier. Man benötigt eine Art „Einladung" von einem bereits in Deutschland lebenden Verwandten. Mein Großonkel verschaffte mir damals eine solche Einladung. Leider erlaubt es das derzeitige Einwanderungsrecht nicht, dass ich meine Eltern nach Deutschland hole. Natürlich spielte auch die finanzielle Seite eine große Rolle. Man sparte dafür, dass der Sohn sich auf die Reise machen kann, um in Deutschland eventuell eine bessere Ausbildung zu erhalten und ein besseres Leben zu führen. Ich sehe es heute als Privileg, als einziger aus meiner Familie nach Deutschland einreisen zu dürfen.

Diya: Den eigenen Sohn loszulassen und ihn in ein rund 5.000 km entferntes Land zu schicken, ist sicher mehr als schwierig. Wie kam es dennoch zu der Entscheidung deiner Eltern dich fortzuschicken?

Naki: Zuerst muss ich betonen, dass ich von insgesamt sieben Kindern der älteste Sohn der Familie bin. Zwar habe ich eine ältere Schwester, jedoch ist es in Afghanistan so, dass die männlichen Familienmitglieder die Familie versorgen. Aufgrund des Krieges und des damals fehlenden Schulsystems hatte man kaum eine Zukunft. Daraufhin entschied mein Vater, es sei das Beste für mich zu gehen. Und nicht nur für mich, für die gesamte Familie. Im Ausland bekäme ich dann die Chance eine bessere Ausbildung zu genießen und könnte später eventuell den Rest der Familie vor allem in finanzieller Hinsicht unterstützen. Und genau das tue ich jetzt. Monatlich unterstütze ich meine Familie in Afghanistan.

Diya: Heute siehst du es als Privileg, hier leben und arbeiten zu können. Doch wie hast du es damals empfunden? Erinnerst du dich an den Tag deiner Abreise aus Afghanistan?

Naki: Ehrlich gesagt erinnere ich mich nur schleierhaft an den Tag der Abreise. Nur noch ein paar Bilder sind hängengeblieben. Die Umarmung meiner Eltern. Die mahnende Worte, ich solle auf mich aufpassen. Und meine Mutter, die weinte. Das tut sie nach wie vor, wenn es darum geht ihren Sohn wieder zu verabschieden. Mittlerweile versuche ich nämlich meine Familie alle ein bis zwei Jahre in Afghanistan zu besuchen. Eines weiß ich aber noch genau. Es war alles sehr aufregend für mich. Im positiven Sinne. Für mich fühlte sich das einfach nur an wie ein großes Abenteuer.

Diya: Also war dir überhaupt nicht bewusst, dass du deine Familie lange Zeit nicht sehen würdest?

Naki: Nein, so weit habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich war ein sehr aufgedrehtes und verspieltes Kind, das sich eher auf die große weite Welt freute. Es fühlte sich vielmehr so an, als ob man für eine längere Zeit in den Urlaub fährt. Erst nach und nach wurde mir bewusst, dass ich meine Familie zurückgelassen hatte und sie wohl vorerst nicht wiedersehen werde. Man sagte mir ich würde ins Ausland gehen und natürlich hörte man bis dahin nur, wie schön es dort sei.

Diya: Haben sich die positiven Geschichten über Deutschland bewahrheitet? Wie war der erste Eindruck, als du ankamst?

Naki: Wir kamen am Frankfurter Flughafen an und bereits der Flug war das erste Highlight. Man wusste ja nicht, was auf einen zukommt. Man hörte nur unbekannte Geräusche, das Brummen der Maschinen und im nächsten Moment warst du in der Luft. Als ich dann in Frankfurt den ersten Menschen begegnete, war das zuallererst mal ein kleiner Schock. Jeder war nett, keine Frage, aber alles erschien mir völlig fremd. Allein die Art und Weise, wie sich die Menschen kleideten war völlig neu für mich, denn bislang kannte ich nur arabische Kleider und Gewänder. Was mir sofort ins Auge stach, waren die unverhüllten Frauen. Noch nie hatte ich Frauen gesehen, die sich in der Öffentlichkeit ohne Kopftuch zeigten.

Diya: Wie gefiel dir das, was du gesehen hast?

Naki: Es war anders. Irgendwie schwierig zu beschreiben. Nicht nur auf die ungewohnte westliche Mode bezogen. Alles war irgendwie freier, moderner. Als wir den Flughafen verließen, staunte ich erst einmal über die hübschen Straßen. Kein Staub, keine Steine, keine Trümmerteile, die im Weg liegen. Ja, mir gefiel, was ich hier sah.

Diya: Vor einem Jahr konntest du dein Studium erfolgreich abschließen und bist nun diplomierter Bauingenieur. Doch wie startete deine schulische Ausbildung in Deutschland?

Naki: Nach einem halbjährigen Deutschkurs durfte ich in die vierte Klasse der Grundschule. Mit der deutschen Sprache hakte es noch ein wenig, allerdings konnte ich in Mathe punkten. Das mit den Zahlen ist zum Glück auf der ganzen Welt gleich. Nach und nach verbesserten sich dann auch meine Sprachkenntnisse. Deswegen verbrachte ich nach der vierten Klasse nur ein Jahr auf der Realschule und konnte dann auf das Gymnasium wechseln. Es folgte das Abitur, Studium, wie das eben so ist. Gleichzeitig versuchte ich mir mit verschiedenen Nebenjobs ein wenig Taschengeld dazu zu verdienen, und sofern es mir möglich war, sendete ich etwas von meinem Verdienst an meine Familie in Afghanistan.

Diya: Welche Art Nebenjobs waren das?

Naki: In der Zeit, in der ich zur Schule ging, trug ich zum Beispiel Zeitungen aus. Das hieß für mich jeden Morgen früh raus und vor Unterrichtsbeginn Haus für Haus ablaufen. Während meines Studiums machte ich dann erste Erfahrungen in der Gastronomie. Ich habe in verschiedenen Clubs und Bars gejobbt. Das war dann schon etwas gewinnbringender und weniger mühsam als die Austragerei der Zeitungen, sodass ich meine Familie regelmäßig finanziell unterstützen konnte. Mein heutiger Job als Bauingenieur gibt mir natürlich die Möglichkeit, meine Familie in ganz anderen Dimensionen zu unterstützen. Vom Zeitungsjungen zum Bauingenieur sozusagen.

Diya: Deine Ausbildung ist nun beendet. Spielst du mit dem Gedanken, für immer nach Afghanistan zurückzukehren?

Naki: Der Gedanke ist und war schon immer da. Der ursprüngliche Plan sah vor, das Studium erfolgreich zu beenden, einige Jahre Berufserfahrung zu sammeln und dann wieder zurück in die Heimat zu gehen. Dazu muss ich sagen, dass Deutschland in den letzten zwanzig Jahren zu einer zweiten Heimat für mich geworden ist. Ich würde das alles hier sehr vermissen. Zum einen ganz banale Dinge wie etwa fließendes Wasser und eine Dusche. Zum anderen hat man in Deutschland diese Sicherheit, die es in Afghanistan nach wie vor nicht gibt. Ich bin aber guter Dinge, dass sich das in den kommenden 15 Jahren ändern wird. Sollte ich dann die Möglichkeit bekommen dort als Bauingenieur zu arbeiten, würde ich das vermutlich tun. Aber das ist bisher alles Theorie. Ich bin aber davon überzeugt, dass es wichtig ist, mein Land zu unterstützen und wieder aufzubauen.

Total votes: 334
 

Über den Autor

Saskia Hörmann

Crossmedia Redaktion/Public Relation
Eingeschrieben seit: SoSe 14