Interview mit Unternehmerin Christel Utz

„Wenn man einen Willen hat, dann kommt auch ‘was heraus“

27.01.2016

Mit einem Jahresumsatz von rund 120 Millionen und mehr als 500 Mitarbeitern ist die Utz-Gruppe nach eigenen Angaben einer der größten Anbieter für Sondermaschinen Deutschlands. Angefangen haben Christel Utz und ihr Mann Karl 1959 in einer kleinen Werkstatt im Haus.

Gleich nach dem ersten Klingeln öffnet mir Christel Utz die Tür. Sie trägt legere Kleidung, rot getönte Haare, Lidstrich. Dazu schwäbischer Dialekt. „Soll ‘mer gleich los zur Firma?" Die Dynamik, mit der sie sich damals durchgebissen hat, bleibt ihr auch noch im Alter von 77 Jahren erhalten.

Wir steigen in ihren hellgrauen Sportwagen, der in der Garage neben dem Haus parkt. Mit dem Motor springt auch das Radio an. Die Fahrt in den Nachbarort dauert keine zwei Minuten. Rechts Weinberge, links Wiesen. Direkt hinter der Kurve am Ortseingang Korb steht das graue mehrstöckige Firmengebäude. Hier sind zwei Unternehmen der Utz-Gruppe untergebracht, der Hauptstandort ist in Limbach-Oberfrohna in Sachsen. Wir parken auf dem Parkplatz und gehen in die Firma, die das Leben von Christel Utz in eine andere Bahn gelenkt hat, als eigentlich geplant.

Firmengründerin Christel Utz (Foto: Isabell Hogh-Janovsky)

Frau Utz, andere legen im Rentenalter gemütlich die Beine hoch, Sie arbeiten noch zwei Tage wöchentlich in der Firma. Macht Ihnen diese Arbeit nach so vielen Jahren immer noch Spaß?

Jawohl, ich brauche das als Ausgleich. Ich gehe gern noch zur Arbeit, obwohl ich schon ziemlich im fortgeschrittenen Alter bin. Ich übernehme den Zahlungsverkehr, weil ich im Endeffekt wissen möchte, wie die Konten stehen. Aber ich mische mich nicht mehr ins operative Geschäft. Das ist das Ressort von meinem Sohn. Zwei Köche verderben den Brei.

Ihr Mann hatte von heute auf morgen die Idee, eine Firma zu gründen. Wieso gerade Sondermaschinen?

Mein Mann war im Sondermaschinenbau tätig und hat da gesehen, was man anders machen kann. Aus diesem Grund hat er sich entschlossen, mit zwei Kollegen zusammen eine Firma zu gründen. Mein Mann hatte alles in die Wege geleitet, aber als der Tag kam, haben die einen Rückzieher gemacht. Dann hat er gesagt: „Dann geht zum Teufel, dann mach ich‘s alleine!"

Wie war es, in etwas zu investieren ohne zu wissen, ob es klappt oder nicht?

Das war schwierig! Das war Risiko hoch drei. Wir mussten manchmal Tag und Nacht arbeiten, weil wir gucken mussten, dass wir mit den Schulden fertig werden. Das war eine sehr harte, sehr sehr harte Zeit, die wir dann danach hatten. Die war grausam.

War Geld das größte Problem?

Ja, ja das war das Finanzielle. Weil wir dann alleine auf eigenen Füßen mit einem Schuldenberg dastanden. Unser Risiko, das war phänomenal. Wir waren schon bankrott, als wir angefangen haben. Privat hatten wir schon 5000 D-Mark Schulden und das war in den 50ern wie zwei oder drei Millionen. Aber dann haben wir noch 300 000 D-Mark draufgebaut, weil wir ja Maschinen kaufen mussten. Deshalb mussten wir uns bis über den Ellenbogen in die Arbeit reinstürzen. Aber wir waren beide noch sehr jung und wir haben gesagt: „Nein, wir wollen und wir machen." Und dann ha‘mers durchg‘boxt mit allr‘ G‘walt wie ‘mer so auf gut schwäbisch sagt.

Sie lacht herzlich. Nicht nur der Dialekt – auch ihr Hang, die Dinge durchzuboxen: authentisch schwäbisch.

Die ersten Maschinen haben Sie in einer Werkstatt im Haus gebaut.

Im Haus war eine Scheuer, die wir zu einem Werkraum ausgebaut haben, also wo man dann die Fräsmaschine, zwei Drehbänke und Bohrmaschinen aufstellen konnte. Erst 1971 haben wir vis-à-vis eine Lieferhalle gebaut, die steht heute noch. Da haben wir angefangen, Sondermaschinen zu bauen.

Anfangs waren Sie aber erst einmal alleine mit Ihrem Mann, ohne Mitarbeiter.

So isch es. Ich habe alleine an der Drehbank gearbeitet, ich habe alleine gefräst, gebohrt, alles, was anfiel.

Dabei hatten Sie früher eigentlich einen ganz anderen Beruf im Kopf.

Ich hatte die höhere Handelsschule und war Sekretärin. Dann wollte ich eigentlich Fremdsprachenkorrespondentin werden, aber ich konnte das nicht ausüben, weil ich schon etwas früher geheiratet habe. Nachdem ich beruflich dann das Eine nicht machen konnte, hab‘ ich mich voll in die Firma hineingelehnt und gesagt: „Ich mach’s!"

Wie schwer war es für Sie, von heute auf morgen in einem komplett neuen Beruf zu arbeiten?

Das war ‘ne Herausforderung, für mich persönlich war‘s schon Stress. Ich hatte zwei Kinder, Haushalt, ich hatte die Buchhaltung, im Büro alles gemacht. Und dann auch noch in der Firma an den Maschinen mitgearbeitet, obwohl ich keine Ahnung davon hatte. Aber ich hab‘s mir angeeignet, weil ich den Mut und den Willen dazu hatte.

Trotz Ihrem Kämpfermut, gab es auch Momente, in denen Sie gezweifelt haben?

Nein! Nein, wir haben schöne Tiefs gehabt, sehr große Tiefs. Aber wir haben nie aufgegeben. Als wir die Firma gegründet haben, haben die im Ort Wetten abgeschlossen, dass wir das nie durchbringen. Aber ich hab‘ zu meinem Mann gesagt: „Denen zeigen wir‘s!" Wir wollten zeigen, dass wir das schaffen. Das war eigentlich unser großer Wille. Und wenn man so einen Willen hat, dann kommt auch was heraus dabei.

Sie betont die einzelnen Wörter deutlich. Als müsste sie sich heute immer noch gegen den Missmut der Nachbarn verteidigen. Ihr Standpunkt – so klar wie ihre Stimme.

Waren Sie die Mutigere in der Beziehung?

Wir waren beide mutig anfangs. Aber es gab Phasen, in denen mein Mann gesagt hat: „Es ist doch zu schwierig für uns." Ich hab‘ dann gesagt: „Nein, wir gönnen denen nicht die Freude!" Ich hab‘ meinen Mann immer angespornt und gesagt: „Das packen wir! Das geht und das muss gehen." Und somit hammer‘s auch durchgehauen.

Sie beide waren sozusagen Geschäftspartner und Eheleute zugleich. Kann man beides zusammen überhaupt gut managen?

Ka‘mer gut. Wir haben alles gemeinsam gemacht, gemeinsam entschieden. Wir waren praktisch ständig beieinander, in der Firma oder privat. Es hat gefunkt und funktioniert. Was will man eigentlich mehr? Das sieht man ja heute am Erfolg, dass das alles so wunderbar funktioniert hat.

Sie lächelt. Aber nicht überheblich, sondern vielmehr zufrieden, dass alles seinen Weg gefunden hat.

Aber dadurch war das Thema eigentlich immer Firma, immer! Egal, ob im Urlaub oder beim Spazieren oder abends beim Essen – ständig war die Firma im Mittelpunkt vom ganzen Geschehen. Weil es steht und fällt alles mit dem, was die Firma eigentlich ist oder wird oder nicht wird. Je größer die Firma wurde, desto mehr Schwierigkeiten kamen auf und die haben wir gemeinsam besprochen und durchgezogen. Anders ging‘s nicht.

Wie war das für Sie?

Ok, das war für mich ok. Das war eigentlich mein Leben, wenn man sich das so überlegt.

Gab es Dinge, die Sie für die Firma zurückstecken mussten?

Abstriche mussten wir ja viele machen. Ich habe unter der Woche in der Werkstatt gearbeitet und am Wochenende im Büro. Ich war also eigentlich von A bis Z nur für die Firma da. Familie war da bisschen im Hintergrund. Wobei ich sie so gut es ging nicht vernachlässigt hab‘.

Klingt nach keiner leichten Aufgabe für eine Mutter, das alles unter einen Hut zu kriegen.

Ha, des hab ich g‘schafft! Ich habe mich angestrengt, dass da keinerlei Probleme in irgendeiner Form auftreten, aber ich wusste, wir müssen aus dem Schuldenberg rauskommen. Ich war schwanger und habe bis zur Niederkunft an den Maschinen montiert und gleich danach wieder. Mein Sohn ist eigentlich kaum in der Wohnung, sondern mehr in der Werkstatt aufgewachsen.

Haben die Kinder damals verstanden, dass die Firma im Vordergrund steht?

Die haben nichts anderes gesehen. Die haben gesehen, dass es so sein muss und folglich haben sie‘s akzeptiert.

Ganz ohne Widersprüche?

Manchmal hat sich unsere Tochter schon aufgeregt: „Warum musst du jetzt in der Werkstatt arbeiten? Warum gehst du und warum bist du nicht da?" Ich war da, aber ich war halt immer nur kurz da und das war manchmal schon problematisch. Anfangs musste unsere Tochter zur Tante. Da ist sie aufgewachsen und hat sich ein bisschen von uns abgewöhnt. Aber das hat sich dann im Laufe der Zeit wieder eingerenkt. Im Großen und Ganzen ist das alles gut gegangen.

Wenn Sie heute auf alles zurückblicken: Würden Sie den Schritt noch einmal gehen und eine Firma gründen?

Ich bin eigentlich froh, dass alles so gut geklappt hat. Wir haben jetzt ‘ne größere Firma und aus dem Grund hat sich die ganze Anstrengung ausgezeichnet. Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich das Ultimatum gestellt kriegen würde, dann würde ich sagen: „Jawohl, ich mach‘s nochmal!"

Total votes: 362
 

Über den Autor

Isabell Hogh-Janovsky

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015