Islam in Deutschland

„Wir und die Anderen? – Gelebte Vielfalt gegen Islamophobie“

21.07.2015

„57 Prozent der Einwohner in Deutschland sehen den Islam als Bedrohung“, so das Ergebnis der neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung. Warum ist das so? Was denkt die Jugend in Deutschland darüber? Dr. Türkan Kanbicak gibt darauf Antworten. Sie ist, wie sie selbst sagt „eine Frau aus Frankfurt und mit vielen weiteren Zugehörigkeiten“.

Türkan Kanbicak vom Pädagogischen Zentrum des Fritz-Bauer-Instituts vor der Alten Oper in Frankfurt (Quelle: Claudia Articek)

redaktionzukunft: Frau Kanbicak, am Montag haben in Dresden fast 10.000 Menschen gegen die sogenannte „Islamisierung des Abendlandes" protestiert. Darunter auch viele Jugendliche. Was treibt aus Ihrer Sicht junge Menschen dazu, sich diesen Protesten anzuschließen?

Kanbicak: Dort wurden vor allem Jugendliche mobilisiert, die keinen Kontakt zu Muslimen haben. Kontakt mit den „Anderen", also zum Beispiel Muslimen, verringert die Diskriminierung und Stereotypisierung und verhindert, dass Jugendliche sich solchen Bewegungen anschließen.

redaktionzukunft: Gibt es noch weitere Gründe dafür, dass die Bedrohung durch den Islam in Deutschland so stark wahrgenommen wird?

Kanbicak: Ja, gibt es. Wird ein autoritäres Verhalten in der Familie vorgelebt, neigen Jugendliche dazu, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten. Dabei sind Minderheiten leider eine beliebte Zielgruppe, um Aggressionen auszulassen. Außerdem spielt es eine wichtige Rolle, welche Normen und Werte in der Familie elementar sind und welche Macht der Mann im Hause hat. Das bestimmt, welchen sozialen Gruppen sich Jugendliche anschließen.

redaktionzukunft: Wen sehen Sie in der Pflicht, sich um das Problem der „Islamophobie" zu kümmern, um der Spaltung der Gesellschaft trotz geladener Situation entgegenzuwirken?

Kanbicak: Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Zum einem muss die internationale Politik sich darum kümmern, den Islamischen Staat (IS) aufzulösen und weltweit für Sicherheit zu sorgen. Dadurch wird der Islam in den Medien ein weniger schlechtes Image bekommen. Gleichzeitig muss der Islam durch die Politik im Alltag eine gewöhnliche Präsenz haben und entdämonisiert werden. Zum anderen muss eine Inklusionspolitik des Islams erfolgen. Ja richtig: Inklusion statt Integration.

redaktionzukunft: Religionsunterricht in der Schule ist ihrer Meinung nach ein wichtiger Schritt zur Inklusion der Muslime. Wieso?

Kanbicak: Die meisten Jugendlichen haben keine Ahnung vom Islam. Das gilt auch für junge Muslime. Das liegt unter anderem daran, dass der Koran schwer zu verstehen ist. Anstatt den Koran zu lesen, verlassen sie sich dann darauf, was sie hören. Dadurch treffen propagandistische Predigten der „bösen westlichen Welt" auf einen guten Nährboden. Staatlich ausgebildete Imame und LehrerInnen müssen dagegenwirken.

redaktionzukunft: Nachfragen bei einigen Jugendlichen haben uns gezeigt, dass Islamophobie teilweise aus der Angst um die eigene Zukunft resultiert. Wie kommt es aus Ihrer Sicht dazu?

Kanbicak: Wir leben in einer kritischen Phase, was unsere Gesellschaft betrifft. Einzelne Nationen organisieren sich globaler. Gleichzeitig stehen wir aber auch vor einem intensiver voranschreitenden Individualisierungsprozess. Die Zeiten der Umbrüche machen Jugendlichen, egal welcher Religion, Angst. Es ist nicht Mehmet, Ali oder Murat, der einem den Arbeits- oder Ausbildungsplatz wegnimmt, sondern wirtschaftliche Umbrüche wie Digitalisierung und Auslagerungen der Industrie. Das muss klar gestellt werden.

redaktionzukunft: Die anderen sind also nicht schuld, sondern man selbst?

Kanbicak: Naja, wie viel Schuld hat ein Kind aus einer bildungsfernen Familie? Man muss den Jugendlichen zeigen, dass es viele Möglichkeiten gibt. Es sollte kein festes Schema mehr geben, sondern die Vielfalt der Karrierewege deutlich gemacht werden.

redaktionzukunft: Wie können die Medien mit dem Thema Islam sensibel umgehen, ohne gleichzeitig Probleme zu verschweigen?

Kanbicak: Über die wirklich schrecklichen Terroranschläge muss berichtet werden – gar keine Frage. 98 Prozent der Muslime sehen das genauso und distanzieren sich vehement von den Anschlägen. Damit man diese Terroranschläge aber nicht mit allen Muslimen in Verbindung bringt, sollte gleichzeitig auch Aufklärung mit neutralen Dokumentationen über den Islam betrieben werden. Außerdem sollten Muslime im Rundfunkrat vertreten sein und die Medien aktiv mitgestalten.

redaktionzukunft: Ein klarer Aufruf an die Muslime also. Ist es nicht auch Aufgabe von muslimischen Organisationen aktiv auf die Menschen zuzugehen, um die Vielschichtigkeit des Islams aufzuzeigen und somit Ängste abzubauen?

Kanbicak: In Deutschland sind mehr als drei Viertel aller Muslime säkularisiert, also verweltlicht, und nicht organisiert. Die Religion spielt bei diesen Muslimen eine untergeordnete Rolle. Sie werden von den Journalisten nicht befragt, weil diese auf den Zentralrat der Muslime zugehen, der nicht die Mehrheit der Muslime in Deutschland vertritt.

redaktionzukunft: Eine letzte Frage zum Abschluss. Was kann jeder Einzelne dafür tun, dass Islamfeindlichkeit in Deutschland kein Thema mehr ist?

Kanbicak: Das kommt ganz darauf an, wo die Menschen leben. Der Kontakt mit Nachbarn, egal welcher Religionszugehörigkeit, ist dabei essentiell. Jeder sollte offen sein, neue Menschen kennenzulernen. Die Religion sollte dabei eine untergeordnete Rolle spielen. Gelebte Vielfalt bricht Differenzierungen auf.

redaktionzukunft: Vielen Dank, Frau Kanbicak.

Wie viele Muslime es in Deutschland gibt, wo sie leben und weitere Informationen zeigt die Infografik. (Quelle: Claudia Articek in Anlehnung an den Religionsmonitor 2015 der Bertelsmann-Stiftung; Plattform: Piktochart.com)

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Über den Autor

Claudia Articek

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015