Flüchtlingshilfe

„Wir versuchen Brückenbauer zu sein“

21.07.2015

Wenn Asylbewerber in Deutschland ankommen, ist nur der erste Schritt geschafft: Im Alltag gilt es große Hürden zu überwinden – Integration gestaltet sich oft schwierig. Der Arbeitskreis Asyl Benningen unterstützt Flüchtlinge bei der Einbindung in die neue Gesellschaft ehrenamtlich.

 

Am Ortsrand der Gemeinde Benningen am Neckar leben 48 Männer aus verschiedenen Nationen in Wohncontainern des Asylbewerberheims.

Der Arbeitskreis Asyl Benningen begleitet die Asylbewerber bei Behördengängen, unterstützt sie bei der Wohnungssuche und sammelt außerdem Sach- und Geldspenden. Derzeit hat der Verein vierzehn Mitglieder im Alter von 22 bis 70 Jahren.

Zwei Mal pro Woche gibt Heike Schmitt, Vorsitzende des Arbeitskreises Asyl Benningen, ehrenamtlich Deutschkurse im Rathaus. Damit hilft sie denjenigen, die noch keinen Volkshochschulkurs bezuschusst bekommen oder Probleme im Unterricht haben. Während des Interviews, übt sie mit Baba, einem jungen Afrikaner, Buchstaben zu schreiben.

Deutschstunde im Rathaus Benningen

Quelle: Ronja Dominica Quast

Frau Schmitt, was sind die größten Herausforderungen, die Asylbewerber zu bewältigen haben, wenn sie in Deutschland ankommen?

Heike Schmitt: Die größte Hürde ist die Sprache – sie ist der Schlüssel für jede Gesellschaft. Im Moment ist es so, dass ein Asylbewerber nur dann Deutschunterricht vom Staat bezahlt bekommt, wenn er eine Aufenthaltserlaubnis hat. In der Regel sind es Syrer oder Afghanen, die diese Erlaubnis am schnellsten bekommen. Für alle Männer im Asylverfahren, die sich noch in der Aufenthaltsgestattung befinden, bekommen keinen Deutschunterricht bezahlt. Deshalb machen wir das ehrenamtlich. Es gibt im Landkreis viele Arbeitskreise und Asylhilfen, die die Möglichkeiten bieten, in die Sprache reinzukommen. Aber auch Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnung sind etwas, das die Asylbewerber aus ihren Herkunftsländern zum Teil so nicht kennen und deshalb auch nicht mitbringen.

 

Wie werden die Asylbewerber vom Staat gefördert? Gibt es finanzielle Unterstützung für Deutschkurse und Unterrichtsmaterialien?

Schmitt: Der Landkreis bekommt eine Pauschale von ungefähr 13.000 Euro, in der alle Kosten für die Asylbewerber enthalten sind. Die Summe, die den Männern aktuell ausbezahlt wird, beträgt 352 Euro. Darin enthalten sind alle Kosten, auch die zur medizinischen Versorgung.

Diese Pauschale beinhaltet 91 Euro, die fürs Deutschlernen zur Verfügung gestellt werden. Diese können einmalig abgerufen werden, um einen Deutschkurs an der Volkshochschule zu besuchen. Wir, die Ehrenamtlichen, könnten die Gelder auch beanspruchen. Das tun wir aber natürlich nicht – für uns ist Ehrenamt Ehrenamt, dafür wollen wir kein Geld. Letztes Jahr haben wir eine Apfelernte- Aktion veranstaltet und so auf dem Weihnachtsmarkt Gewinn gemacht. Damit können jetzt Integrationswillige gesponsert werden, Volkshochschulkurse bezuschusst, Kursbücher und S-Bahntickets bezahlt werden.

 

Was schätzen Sie: Wie hoch ist die Bereitschaft der Mitbürger zu helfen?

Schmitt: Hier in Benningen läuft das gut. Es rufen oft Mitbürger an, die Möbel oder Kleider abzugeben haben und fragen, ob etwas gebraucht wird. Auch bei der Wohnungssuche bekommen wir vereinzelt Hilfe. Dadurch, dass wir viel Öffentlichkeitsarbeit geleistet haben und leisten, ist die Akzeptanz relativ groß. Natürlich können wir immer noch mehr Unterstützung gebrauchen.

 

Wie können sich die Asylbewerber selbst einbringen und integrieren?

Schmitt: Wir haben Kontakt zu den Vereinen hier – wenn irgendwelche Aktionen sind bekommen wir darüber Bescheid. Zum Beispiel gab es eine „Büscheles-Aktion" von der Backhausgemeinschaft in Benningen: Es ging darum, Baumschnitte auf Streuobstwiesen einzusammeln.

Wir versuchen Brückenbauer zu den regionalen Vereinen zu sein und Vorurteile abzubauen. Wir wollen, dass die Benninger Bürger sehen: Das sind Menschen wie du und ich. Zum anderen natürlich auch, dass die Männer mithelfen dürfen – sie wollen ja etwas tun und sich dadurch in die Sprache einfinden und unsere Kultur kennenlernen. Wir vermitteln, dass es für sie wichtig ist, sich hier zu integrieren und sich auch ehrenamtlich zu engagieren. Aber wir sind nur Steigbügelhalter – reiten müssen sie alleine.

 

Haben Sie hier in Benningen schon fremdenfeindliche Aktionen erleben müssen?

Schmitt: Nein, in Benningen bisher nicht.

 

Was geht Ihnen durch den Kopf, wen Sie von Gewalt gegen Flüchtlinge oder rassistischen Gruppierungen hören?

Schmitt: Wenn man sich beispielsweise Pegida anschaut, ist diese Aktion ja in einem der Bundesländer gestartet, indem es am wenigsten Ausländer gibt. Die Frage stellt sich: Warum ausgerechnet dort? Es gibt dort Ängste und man muss sich fragen, wovor die Menschen Angst haben. Sie haben Angst, dass da jemand herkommt, der ihnen die wenigen Arbeitsplätze, die es gibt, wegnimmt. Die große Angst ist: Die nehmen uns vielleicht hier irgendetwas weg. Da ist es ganz wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten, auf die Menschen zu zugehen – die Politik muss da noch einiges tun.

 

Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie konkret mit solchen Ansichten konfrontiert waren?

Schmitt: Bei einer Diskussionsrunde, wo es um die Planung einer Asylbewerberunterkunft in einem anderen Ort ging, kam ein Mann auf mich zu. Er war der Meinung, die Asylbewerber bekämen hier alles und lebten im Luxus. Da habe ich gesagt: „Stopp. Was bekommen sie alles? Ich erzähle Ihnen mal, was sie bekommen: Im Monat 352 Euro. Der Luxus besteht aus einem Wohncontainer, mit einem Bett, einem Stuhl, einem Tisch, für drei Männer. Einem Teller, einer Tasse, einmal Besteck, einer Gemeinschaftsdusche, einem Gemeinschafts-WC, einer einen Meter breiten Kochnische und einem Kühlschrank." Das Problem ist, dass viele einfach irgendwo etwas hören oder aufschnappen ohne zu recherchieren, ob diese Aussage wahr ist.

 

Wie sehen Sie die deutsche Flüchtlingspolitik an sich und was ärgert Sie vielleicht daran?

Schmitt: Deutschland gehört neben Schweden, den USA, der Türkei und Frankreich zu den Ländern, die die meisten Asylbewerber im Jahr 2014 aufgenommen haben. Absolut gesehen hat Deutschland 2014 sogar die meisten Asylanträge angenommen. Wenn man sich dann aber anschaut, dass beispielsweise die Türkei, ein Land mit einer Bevölkerung von 77 Millionen, 1.5 Millionen syrische Flüchtlinge aufnimmt, dann können wir mal ganz, ganz ruhig sein.

Es läuft schon vieles gut, aber zu einer großgeschriebenen Willkommenskultur gehört auch, dass von Seiten der Politik einiges verbessert wird. Beispielsweise die Tatsache, dass Briefe von den Behörden nur in feinstem Amtsdeutsch an die Asylbewerber verschickt wird. Wie soll das jemand verstehen? So funktioniert das leider nicht. Auf Landratsebene wird noch an Notfallplänen gearbeitet, um mit der steigenden Anzahl von Asylbewerbern umzugehen, leider fehlt es auch an Personal. Außerdem dauert es immer noch viel zu lange, bis die Menschen Zugang zu Sprache und Arbeit bekommen. Es gibt hier Menschen, die nur darauf warten, arbeiten zu dürfen – man müsste viel mehr Möglichkeiten schaffen, um dieses Potenzial zu nutzen und sie auszubilden.

 

Was bringt Sie dazu, sich ehrenamtlich zu engagieren und zu helfen?

Schmitt: Meine Motivation ist die christliche Nächstenliebe. Mein Chef ist der da oben (deutet nach oben). Ich stelle mir immer vor: Wie würde es mir gehen? Wir haben zwei Kinder, unsere Tochter ist 19 – ein paar Männer hier sind nur zwei Jahre älter. Wie froh wäre ich als Mutter, wenn mein Kind flüchten müsste und es gäbe da jemanden, der sich kümmert und dafür sorgt, dass es meinen Kindern besser geht dort. Das ist meine Motivation.

 

Von Januar bis November 2014 wurden in Deutschland über 180 000 Asylanträge gestellt, laut einer Prognose des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, wird die Zahl der Asylbewerber 2015 weiter steigen. 13 Prozent dieser Asylsuchenden werden in Baden-Württemberg untergebracht.

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Über den Autor

Ronja Dominica Quast

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/15