Einsatz für Gleichberechtigung

„Wir wollen bereichern“

03.05.2017

Homosexuelle in Deutschland haben einiges erreicht. Bis vor 23 Jahren durften sich Schwule und Lesben nicht einmal öffentlich küssen. Heute ist das kein Thema mehr. Doch Menschen wie Philine Pastenaci reicht das nicht. Sie sind noch lange nicht am Ziel.

Philine fasste den Mut, sich zu outen, erst mit 23 Jahren. |Foto: Maximilian Ehrenfeld

Das Theater präsentiert unverblümt die soziale Realität und hält unserer Gesellschaft provokant den Spiegel vor die Nase. So machte Philine Pastenaci, Bereichsleiterin in der Initiative Homosexualität Stuttgart e.V. (ihs), ihre Leidenschaft kurzerhand zum Beruf und studierte Regie an der Akademie für darstellende Kunst Baden-Württemberg. Theaterstücke sind oft schwer aufzunehmen. Doch man kann versuchen, „die Menschen zu erreichen und nicht abzuschrecken". Selbst die Leute, die an der „Demo für Alle" teilnehmen, sind zum Teil Theatergänger. Das ist nicht selbstverständlich, dass Menschen mit rechtskonservativen Ansichten sich in Produktionen setzen, die ihr Weltbild erschüttern können. Diese Leute lehnen sich gegen den Bildungsplan der Landesregierung auf. Er sieht vor, Grundschulkinder über verschiedene sexuelle Orientierungen aufzuklären und Verständnis zu entwickeln. Gegenstimmen behaupten, ihre Kinder würden indoktriniert und selbst schwul oder lesbisch werden. „Denen das Gefühl zu geben, dass ihre Ängste nicht so begründet sind, wie sie es glauben", erklärt Philine einen Aspekt der Theaterarbeit. Das kann passend als Beschreibung dessen verwendet werden, für was sich Philine brennend einsetzt: die Initiative Homosexualität Stuttgart. Der Weg für sie dorthin war kein leichter.

Dein Bruder kommt zu dir und erklärt, dass er schwul ist. Wie würdest du darauf reagieren: verdutzt? Erfreut? Wir haben für euch in der Stuttgarter Innenstadt nachgefragt. |Quelle: Maximilian Ehrenfeld

Outing und Neubeginn

Bis zum Outing war es für Philine kein leichter Weg. Erst nach dem Auszug aus dem Elternhaus machte sie den entscheidenden Schritt. Während ihres Studiums verliebte sie sich in eine Kommilitonin und konnte ihre sexuelle Neigung zum eigenen Geschlecht nicht mehr leugnen. Sie sprach ihre Kommilitonin darauf an, „aber sie war heterosexuell". Ein tief reichender Einschnitt in ihrem Leben.

Philines Outing verschlang viel Bedenkzeit. So konnte es aber nicht auf ewig weitergehen und sie entschloss sich, rauszugehen, um neue Leute kennen zu lernen. So kam sie auf „Luna", die lesbische Jugendgruppe des schwul-lesbischen Zentrums Weissenburg. Eines Donnerstags spazierte sie herein und „es war genial". „Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Umgebung aufgehalten habe, in der ich offen flirten konnte", resümiert Philine ihren ersten Kontakt zu „Luna". „Das war extrem befreiend, großartig und mein Beginn an der ihs". Nun setzt sich Philine seit vier Jahren ehrenamtlich in der Initiative ein. Vor zwei Jahren übernahm sie den Bereich Bildung und Erziehung.

Sicherheit und Halt geben

Es gibt eine schwule und eine lesbische Jugendgruppe. Deren Namen sind „Königskinder" beziehungsweise „Luna". Die Gruppen sind ein wichtiger Anlaufpunkt für junge Menschen, die sehr unsicher sind und ihre sexuelle Orientierung anfangs bestreiten – junge Menschen wie Philine. „Es ist die Möglichkeit, sich einmal in der Woche in einem geschützten Raum zu treffen, wo klar ist, dass nur Homosexuelle da sind". Viele suchen den besten Zeitpunkt des Outings und zerbrechen daran: Wann erzähle ich es meiner Familie? Meinem Freundeskreis? Das baut einen enormen innerlichen Druck auf, der in psychischen Problemen enden kann.

Die Beratungsstelle der Weissenburg war anfangs nur für Schwule. Um lesbischen und bisexuellen Frauen die gleiche Möglichkeit zu bieten, ging man eine Kooperation mit dem Frauenberatungs- und Therapiezentrum fetz ein. Diese haben im Dezember 2016 die erste Beratungsstelle für lesbische und bisexuelle Frauen in Stuttgart eingerichtet.

Ein weiterer Grund, weshalb viele sich ihr Outing nicht zutrauen, ist die öffentliche Diskriminierung. Oft erfahren Homosexuelle Diskriminierung im Gewand von Vorurteilen, die von strenggläubigen Menschen ausgesprochen werden.

Einzigartige Kooperation

Um religiös motivierte Vorurteile abzubauen, ging die Initiative auf die Türkische Gemeinde Baden-Württemberg zu. Eine homosexuelle Initiative und eine türkische Gemeinde kooperieren. Das ist deutschlandweit bisher einzigartig. „Die türkische Gemeinde ist sogar mit einer kleinen Fußgruppe beim CSD mitgelaufen. Das ist nicht selbstverständlich", sagt Philine und ein warmes Lachen untermalt ihre Freude. Die Kooperation nennt sich „Andrej ist anders und Selma liebt Sandra". Olcay Miyanyedi, der die Studie betreute, sprach mit 30 bis 40 muslimischen Jugendlichen. In den Gesprächen fiel auffällig oft das Wort „Ehrenmord". „Das hat selbst ihn überrascht", sagt Philine über das Nachgespräch mit Miyanyedi.

Durch die Kooperation trat ein langsamer Öffnungsprozess ein. Sogar Imame weiterer türkischer Gemeinden kontaktierten Miyanyedi. „Einfach extrem genial, denn sie riefen an und sagten, dass sie hier einen Jugendlichen haben, der solche Tendenzen hat und Hilfe benötigt", freut sich Philine über diese Entwicklung.

Sensibilisierung schaffen

Ein weiteres spannendes Projekt war Polychrom. Die Idee dahinter ist, jüngere Generationen für das Thema Homosexualität zu sensibilisieren. Dafür erzählen ältere Homosexuelle, welchen gesellschaftlichen Herausforderungen sie in ihrer Jugendzeit gegenüberstanden. Wie quälend lange und aufreibend der Weg zu Toleranz und Gleichberechtigung von Homosexuellen war und immer noch ist, wird dadurch deutlich vor Augen geführt. Aus dem letztjährigen Projekt sind unter anderem Performances, Comics und kleine Filme entstanden. „Es ging auch darum, das Verständnis zwischen den Generationen zu fördern", erklärt Philine einen weiteren Aspekt von Polychrom. Im letzten Sommer waren die teilnehmenden Jugendlichen alle selbst homosexuell. Viele mussten erst ihre Schüchternheit überwinden, um sich im Prozess des Projektes zu öffnen. „Das ist nicht selbstverständlich, auf eine 30 Jahre ältere Frau zuzugehen und zu fragen, wie es als lesbische Frau denn so ist, wenn man nicht gerade journalistisch arbeitet", erklärt Philine die anfänglichen Hemmungen, die schnell verschwunden waren.

In Zusammenarbeit mit der Akademie für darstellende Kunst Baden-Württemberg sind unter anderem Performances entstanden. |Foto: Philipp Henze

Ein weiteres spannendes Experiment steht schon in den Startlöchern: Workshops mit Drag-Queens und Drag-Kings für Menschen, die sich dafür interessieren und es mal ausprobieren möchten. Der Ausgang ist völlig offen, doch für positive Überraschungen ist die Initiative immer zu haben.

Neue Rechte

Wie ist mit Leuten umzugehen, die beim Thema Homosexualität für jede sachliche Diskussion nicht mehr zu haben sind? Die sich beispielsweise gegen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare stellen und die absurdesten Gründe erfinden. Marian Wendt, ein CDU-Bundestagsabgeordneter, lehnte die gleichgeschlechtliche Ehe so ab, dass „Vögel nicht schwimmen und Fische nicht fliegen können". Das war eine Anspielung darauf, dass es homosexuellen Paaren auf dem „normalen" Weg nicht möglich ist, Kinder zu bekommen. Wie kann da Contra gegeben werden? Es ist eigentlich ganz einfach: „Wir wollen bereichern, nichts wegnehmen!" Die Angst von Konservativen ist völlig abwegig. Die Ehe bleibt in ihrer jetzigen Form erhalten. Durch die Öffnung wird sie nur in den schönsten Farben strahlen, die erdenklich sind: den Regenbogenfarben. Frei nach dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein" wird diese Hürde mit Leichtigkeit genommen werden.

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Über den Autor

Max Ehrenfeld

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017