Integrationsentwicklung in der Schule

1 Schule- 30 Kulturen

13.05.2015

Auf die Rosensteinschule in Stuttgart gehen Schüler aus über 30 Kulturen. 92% kommen ursprünglich aus anderen Ländern. Das stellt die Rektorin Ingrid Macher vor einige Herausforderungen – bringt aber auch viele Vorteile.

Der Schulhof der Grund- und Werkrealschule ist leer, alle sind im Unterricht. Die Sonne scheint und man hört die typischen Schul-Geräusche durch die gekippten Fenster. Lachen, Reden, zwischendurch ein „Ruhe jetzt und arbeitet endlich!" Der erste Eindruck: eine ganz normale Schule. Aber an dieser Schule in Stuttgart-Nord finden sich mehr Kulturen auf einem Fleck, als in manchem Stadtteil. 92% der Schüler haben einen Migrationshintergrund und kommen aus mehr als 30 Kulturen – wie wirkt sich das auf das Schulleben aus?

Regeln – in der Schule ja, draußen nein

Die etwas abgenutzte Wand des Sekretariats ist mit unzähligen Preisen und Auszeichnungen geschmückt – der vierte Platz des bundesweiten Wettbewerbs „Starke Schule", der Deichmann-Förderpreis für gute Berufsweg-Planung, Projektpartner der Bildungsinitative Energie...die Liste ist lang.

Wenn so viele verschiedene Kulturen zusammen lernen, ist es laut Ingrid Macher wichtig, einen gemeinsamen Nenner zu haben. Die Corporate Identity der Schule, in der es um Respekt und gegenseitige Wertschätzung geht, biete eine solche Gemeinsamkeit. Macher erzählt: „Wir sprechen das, was uns ausmacht, auch oft in unseren Schulversammlungen an. Wir als Lehrer betonen immer wieder, wie stolz wir sind, an unserer Schule zu arbeiten. Die Schüler wiederum sind stolz, hier lernen zu dürfen – die vielen Auszeichnungen, die wir für unsere Projekte bekommen haben, tragen auch dazu bei." Um eine produktive Arbeits- und Lernatmosphäre zu schaffen, gibt es Regeln, die für alle verbindlich sind. Die Rektorin betont: „Diese Regeln sind sehr klar und sehr strikt. Wer sie bricht, wird sanktioniert." Dieses Konzept scheint zu funktionieren – laut Macher gibt es keine Zerstörungen und keinen Vandalismus, in ihrer Zeit als Rektorin haben bis jetzt nur zwei Schüler gehen müssen. „Die Schule wird von den Schülern – in der Regel – gemocht. Wenn sie gerade Stress hatten, dann natürlich eher weniger, aber das gibt sich in der Regel wieder." Im Schulleben funktioniert es mit dem Einhalten der Regeln ganz gut, draußen wird es schon schwieriger, erzählt Macher: „Wir haben auch Schüler, die größere Probleme mit der Polizei haben und wenn ich diese Jungen oder Mädchen dann frage, warum es draußen denn nicht auch funktioniert, sagen sie: ,An der Schule gibt es die ganz klaren Regeln, da wissen wir, was wir tun dürfen und was nicht – aber außerhalb der Schule gilt das ja nicht,´"

Viele Kulturen, viele Facetten

Bei so vielen verschiedenen Kulturen spielt auch die Sprachförderung eine wichtige Rolle. Deutsch als Zweitsprache ist in der Grundschule ein wichtiges Thema und wird ab nächsten September eingeführt. „Die Kinder, die mit großen Sprachschwierigkeiten aus dem Kindergarten kommen, werden dann gezielt in diesem Rahmen gefördert", sagt Macher. Studenten der Universität Tübingen arbeiten schon jetzt mit Kindern, die Sprachschwierigkeiten haben, zusammen, decken Defizite auf und versuchen, diese zu schließen.

Bei Schulfesten und Projekten findet es Macher besonders schön, dass so viele Schüler mit verschiedenen Kulturen zusammen kommen: „Bei Schulfesten treten wirklich fast alle Kulturen mit ihren Beiträgen auf. Die Klassen bringen ihre Beiträge mit – ansonsten auch die verschiedenen Kulturgruppen: Die Italiener, die Portugiesen, die Spanier oder die Türken. Die Schüler treten dann zum Beispiel mit ihren Trachten auf."

Die Rosensteinschule ist eine von 20 Schulen in Baden-Württemberg, die auch Islamunterricht anbietet. „Der Anteil der Kinder, die am Islamischen Religionsunterricht teilnehmen, ist sehr hoch. Wir haben sehr viele muslimische Kinder hier an der Schule und davon nehmen knapp 80% am Islamunterricht teil", so Macher. Die Erfahrungen seien bisher weitgehend positiv. „Viele Eltern sagen von sich selbst, sie seien zwar Muslime, kennen aber ihre eigenen Wurzeln nicht – wollen aber, dass ihre Kinder diese kennenlernen." Kann Islamunterricht aber nicht auch kontraproduktiv für die Integration sein? Macher verneint. Vielmehr stärke er das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Kindern. „Damals, als es nur evangelischen und katholischen Religionsunterricht gab, sind die muslimischen Kinder entweder heimgegangen oder mussten anderweitig betreut werden, das hat die Kinder ziemlich entzweit."

Zusammenarbeit mit den Eltern lässt zu wünschen übrig

Während der Zusammenhalt der Kinder in der Schule wächst, ist die Zusammenarbeit mit den Eltern für die Rektorin oft noch schwierig. „Es wird natürlich immer wieder versucht, eng mit den Eltern in Kontakt zu kommen. Trotzdem lässt die Resonanz zu wünschen übrig. Sehr schade ist es, wenn eine 9. oder 10. Klasse entlassen wird, ihr Abschlusszeugnis bekommt und dann kaum Eltern da sind", erzählt Macher. Woran das liegt, weiß Ingrid Macher auch nicht: „Vielleicht Desinteresse, vielleicht wenig Zeit, vielleicht Schichtdienst." Bevor sie an die Rosensteinschule kam, war sie auch auf anderen Schulen – Schulen mit Schülern und Familien aus einem eher ländlicheren Raum. Dort sei die Zusammenarbeit mit den Eltern besser gewesen.

An der Rosensteinschule unterrichten drei türkischstämmige Lehrer, der Rest ist deutschstämmig. Ein Unterschied, der sich in Einzelfällen auch in der Akzeptanz innerhalb der Klassen widerspiegelt. „Der türkischstämmige Kollege hat eine 9. Klasse übernommen, die komplett aus einer Vorbereitungsklasse gebildet worden ist. Das sind Syrer, Afghanen...,da könnte es schon so gewesen sein, dass er als muslimischer Mann einen anderen Stellenwert hatte, als jemand anderes," überlegt Macher. „Doch generell spielt die Herkunft überhaupt keine Rolle."

12 Jahre ist Ingrid Macher nun an der Rosensteinschule und hat für sich das erreicht, was ihr am wichtigsten war – eine angenehme Arbeits- und Lernatmosphäre und ein respektvoller Umgang miteinander. Die Tatsache, dass die Schule so viele verschiedene Kulturen beherbergt, hat einige besondere Konzepte und Herangehensweisen erfordert und tut es noch. An dem Beispiel der Rosensteinschule lässt sich erkennen, wie sich künftig immer mehr Schulen darauf einstellen müssen, dass viele Kulturen aufeinander treffen und ihren Alltag dementsprechend abstimmen.

Einblick in die Rosensteinschule

Quelle: Diana Scholl

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Über den Autor

Diana Scholl

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015