Critical Mass

2000 Pedale für Veränderung

08.05.2017

Feinstaub, Lärm und Feierabendstau – die Stadt Stuttgart wird nicht umsonst „die Autostadt“ genannt. Aber gegen die Blechlawinen auf Stuttgarts Straßen muss dringend etwas unternommen werden, zumindest wenn es nach der Critical Mass geht. Die Fahrrad-Bewegung zeigt an jedem ersten Freitag im Monat, wie viele Radfahrer es in Stuttgart gibt und erobert sich für gut zweieinhalb Stunden ihren Platz im Straßenverkehr zurück.

Vom Feuersee bis Bad Cannstatt – die Critical Mass erobert sich die Straße zurück. |Foto: Annegret Morof

Freitag, 18:30, Feuerseeplatz Stuttgart: Familien mit kleinen Kindern, Rentner, Hipster, Geschäftsleute, Ökos, Sportler – sie alle versammeln sich rund um die malerische Kulisse des Feuersees in der Stuttgarter Innenstadt. So verschieden die Teilnehmer auch sind, eines haben sie an diesem Abend gemeinsam: Sie alle sind mit dem Rad da. Eine Lautsprecheransage aus den Boxen eines Fahrradanhängers erklingt und verkündet die Regeln für eine friedliche und unfallfreie Radtour. Dann geht es los: Wie bei einem Bienenschwarm erwächst das Geräusch hunderter Fahrradklingeln zu einem ohrenbetäubenden Summen und begleitet den Zug, der sich einer Walze gleich durch die Straßen der Stuttgarter Innenstadt schiebt. Theo-Heuss, Heusteigviertel, Hauptbahnhof, Cannstatt – die rund 19 Kilometer lange Tour führt durch sämtliche Ecken der Landeshauptstadt und will dabei vor allem eins: gesehen werden. „Es dreht sich alles darum, das Fahrrad als Verkehrsmittel populärer zu machen. Wir machen Werbung fürs Radfahren", erzählt Roman Högerle, Mitglied des Organisations-Teams.

Die Teilnehmer der Critical Mass zu ihrer Motivation. |Quelle: Oliver Haug

Die Critical Mass vom 05.05.17

Vorsicht: Verwechslungsgefahr

Doch nicht jeder, an dem der Zug vorbeirollt, erkennt auf Anhieb die Intention der Critical Mass. Zu dominant ist die Präsenz der Stuttgart21-Gegner in der Schwabenstadt. Zu schnell wird der falsche Rückschluss gezogen: „Da sind viele Menschen auf einem Haufen – das hat sicher mit S21 zu tun." Die eher konservativ anmutende Kommunikation in Richtung Öffentlichkeit und das Fehlen konkreter Forderungen an die Politik scheinen jedoch durchaus gewollt zu sein. „Ich persönlich nehm die Critical Mass nicht als Demonstration wahr, sie ist eher ein Grundstein, auf dem politische Arbeit aufbauen kann", beschreibt Roman den Charakter der Bewegung.

Einmal die Straße ganz für sich alleine haben – davon träumen viele Radfahrer. | Foto: Annegret Morof

Dr. Sebastian Haunss, Politikwissenschaftler an der Universität Bremen und Mitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung, erkennt hier ein typisches Muster: „Eine Bewegung kann nicht nur das Ziel haben, konkrete Forderungen durchzusetzen, sondern ist als Ereignis auch für die Teilnehmer von großer Bedeutung. Sie lässt eine kollektive Identität der Mitglieder entstehen. Und ich denke, dass genau das bei Critical Mass im Vordergrund steht."

So ist einerseits wortwörtlich der Weg das Ziel, andererseits erwartet die Teilnehmer am Ende jeder Tour die sogenannte After-Mass. Bei Snacks und Getränken auf Spendenbasis haben die Radenthusiasten hier die Möglichkeit, sich auszutauschen und noch eine Weile gemütlich beisammen zu sein. „Hier entsteht auch dieser Gedanke, dass man sich als Teil einer Bewegung fühlt. Im Austausch mit anderen werden hier Ideen weitergesponnen und so manches neue Projekt wird angestoßen."

Neue Ideen sprießen aus dem Boden

Die gemeinsame Fahrradausfahrt als Nährboden für gesellschaftliches Engagement? Projekte, wie das freie Lastenrad Stuttgart, die Belohnungs-App Plusrad oder das Radsport-Kollektiv Kesseln.cc sind bereits aus der Bewegung heraus entstanden. Auch Roman hat sich von der produktiven Aura anstecken lassen. Gemeinsam mit Felix Länge, den er von der Critical Mass kennt, dreht er in seiner Freizeit den Dokumentarfilm Kesselrollen: „Das Filmprojekt zeigt die Critical Mass und was sie schon bewirkt hat, wie viele aktive Menschen und Projekte es hier gibt. Gleichzeitig stellt es aber auch die Frage, wie die Stadt von morgen rollt und wie sich eine lebenswerte Stadt am Beispiel von Stuttgart gestaltet."

Felix Länge und Roman Högerle bei den Dreharbeiten zu ihrem Film „Kesselrollen". | Foto: privat

Nach fast einem Jahr Produktionszeit befindet sich der Film kurz vor der Fertigstellung und soll im Mai Premiere feiern. Roman hat große Pläne: So soll es Vorstellungen in Kinos geben und sogar eine Aufführung auf der Stallwächterparty der Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin. Auch eine TV-Ausstrahlung schließt er nicht aus. Neben der Sensibilisierung für nachhaltige Mobilität könnte so auch ganz nebenbei dem Problem mit der Verwechslungsgefahr entgegengewirkt werden. „Es war nicht unser Anspruch, mit dem Film die Bewegung zu pushen. Das ist ein positiver Nebeneffekt. Wir wollen, dass jeder, der den Film sieht, seine eigene Mobilität hinterfragt", erklärt Roman.

Bei den Teilnehmern der Critical Mass hat das auf alle Fälle schon funktioniert. Die trudeln nach und nach auf dem Innenhof des Stadtarchives in Bad Cannstatt ein. Nach der zweieinhalbstündigen Tour und einem kurzen Bike-Lift auf der König-Karls-Brücke kommen die kühlen Getränke gut an. Und eine weitere Sache, die für gute Stimmung sorgt, macht schnell die Runde: Heute ist es der Bewegung gelungen, die magische 1000er Marke zu knacken: 1071 Radfahrer, und keiner gleicht dem anderen. Doch so verschieden die Teilnehmer der Critical Mass auch sind, eines eint sie: Der Traum von einer fahrradfreundlicheren Stadt.

Teaser zu Romans Film „Kesselrollen"

Kesselrollen – Teaser from Kesselrollen on Vimeo.

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Über die Autoren

Annegret Morof

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Wintersemester 14/15

Oliver Haug

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015