Live Escape Game

60 Minuten, um die Welt zu retten

18.01.2016

Gefangen in einem Raum und nur 60 Minuten Zeit, um die Welt zu retten. Was sich wie ein spannender neuer Blockbuster, ein Krimi oder ein Computerspiel anhört, ist tatsächlich Wirklichkeit geworden – Live Escape Rooms. Mit Teamgeist, Kreativität und logischem Denken gelingt einem die Flucht aus dem Raum.

Samstagnachmittag: Eine Familie steht in einem Labor im Stuttgarter Süden. Sie versuchen einen Code zu entschlüsseln, damit sie an den nächsten Hinweis kommen. Schließlich haben sie nur 60 Minuten Zeit, um ein Antivirus zu finden, ansonsten wird nach Ablauf der Zeit das Labor, in dem sie sich befinden, mit einer Thermalexplosion dekontaminiert. Die Zeit rennt – und wo ist denn nur dieser Code?

Diese Art des Spiels nennt sich Live Escape Game. Dabei wird eine Gruppe von zwei bis sechs Personen in einen Raum eingesperrt. Sie haben 60 Minuten Zeit sich zu befreien und die Mission zu erfüllen. Um dies zu erreichen, müssen sie Rätsel lösen, die im Raum verteilt sind. Nur wer zusammen arbeitet, seiner Kreativität freien Lauf lässt und alle Hinweise logisch miteinander kombiniert, wird am Ende den Auftrag erfüllen. Im Grunde geht es um ein Detektivspiel, das in einer Geschichte verpackt ist. Dabei werden die Einrichtung und die Hintergrundgeräusche im Raum auf die Erzählung abgestimmt. Es kann also passieren, dass urplötzlich Sirenen heulen oder Actionmusik läuft. Sollten die Teilnehmer einmal nicht mehr weiter wissen, kann die Spielleitung eingreifen und wichtige Hinweise liefern. Diese sitzt nämlich in einem Nebenraum und kann die Teilnehmer per Video beobachten.

Ursprung der Live Escape Rooms

Ursprünglich stammen die Escape Rooms von Computerspielen ab. Die Ideen zu den realen Räumen kommen aus Japan und wurden bekannt als „Real Escape Game". In Budapest wurde die Idee weiter entwickelt, sodass es mittlerweile über 500 Spielräume dort gibt. In Deutschland ist es aus brandschutztechnischen Gründen problematisch Leute in Räumen einzuschließen. Deshalb haben Anbieter, wie ExitGames Stuttgart, ihre Konzepte verändert und lassen ihre Teilnehmer Missionen erfüllen.

Dabei kann die Entwicklung eines Live Escape Game bis zu mehreren Monaten dauern. Am Anfang steht die Idee und um diese wird die Inneneinrichtung gebaut. „Wenn die Idee mal steht, dann setzt man sich in einem kleinen Team zusammen und überlegt sich die einzelnen Rätsel. Diese Rätsel werden dann mit dem Raum verknüpft", sagt Sina Joos, Standortkoordinatorin Stuttgart Süd von ExitGames Stuttgart. Steht der Raum erst einmal, muss er von Testpersonen durchgespielt werden. Danach kann an dem Raum gefeilt und das ein oder andere Rätsel kann verändert oder ausgetauscht werden.

Etwas Neues erleben

Die Menschen möchten nicht mehr allein vor dem Computer hocken, sondern etwas mit Freunden erleben. Genauso erging es den Gründern Michael und Dinela Bierhahn von ExitGames Stuttgart. In einem Urlaub in Budapest wollten sie etwas Neues erleben und stießen dabei auf Live Escape Games. Mit den anderen Gesellschaftern entstand dann der erste Raum in Stuttgart.

Der Reiz nach Euphorie

Was macht den Reiz, aus sich einsperren zu lassen? Bei einem Live Escape Game kann man alles um sich herum vergessen. Das Einzige, was in diesen 60 Minuten zählt, ist die Mission zu erfüllen. Die Spieler versinken in einen Flow-Zustand, da sie bestrebt sind, etwas um seiner selbst willen zu tun. Es entsteht in dieser Zeit ein Zustand unbändiger Freude, selbst wenn die Spieler es nicht in der vorgegebenen Zeit schaffen.

„Man hat diese Mission im Kopf und möchte es schaffen zu jedem Preis. Da kochen auch die Gemüter über bei manchen Gruppen, aber genau so soll es sein! Sie sollen nicht emotionslos, sondern mit allen Sinnen dabei sein", meint Sina Joos.

Scott Nicholson, Professor für Game Design und Entwickler an der Wilfrid Laurier Universität in Brantford Kanada, hat als Erster das Konzept von Live Escape Games wissenschaftlich erforscht. Er meint, dass die Kommunikation entscheidend ist beim Rätsellösen. Denn wenn die Gruppe nur wild durcheinander redet, artet das ganze schnell im Chaos aus. Laut Scott Nicholson hat jeder Mensch nur eine begrenzte Anzahl an Fähigkeiten. Daher sind Gruppen in Live Escape Games erfolgreicher, da mehrere Personen etwas beitragen können. Erfahrungen, Fähigkeiten, Hintergrundwissen und körperliche Fähigkeiten sind entscheidend. Dabei wird nicht nur das Teambuilding gestärkt, sondern auch klassische Hierarchien werden aufgehoben. Deshalb sind die Escape Rooms auch interessant für Unternehmen. Durch das Live Escape Game wird die Gruppendynamik gefördert und der Spaßfaktor kommt dabei trotzdem nicht zu kurz.

Kurzer Trend oder Überflieger?

Ob es sich bei den Live Escape Games nur um einen kurzen Trend handelt oder ob es sich noch weiter entwickeln wird, kann man derzeit noch nicht sagen. Fakt ist, dass immer mehr Escape Räume in Deutschland entwickelt und eröffnet werden. Auch aus der Studie von Nicholson ist ersichtlich, dass Europa eine Marktsättigung an Live Escape Games von 17% hat. Die Nachfrage ist groß und so wird auch ExitGames Stuttgart im nächsten Jahr in andere Städte expandieren. Sina Joos meint: „Wer einmal ein Exit Game gespielt hat, der kommt immer wieder, weil das einfach so ansteckend ist."

Studierende der Hochschule der Medien in Stuttgart sind derzeit an einem Forschungsprojekt über transmediales Storytelling beschäftigt. Beim transmedialen Storytelling werden Geschichten über mehrere Medien hinweg erzählt. Da viele Live Escape Games in Deutschland nur mit Text arbeiten, hatten die Studenten die Idee mit Tonbandaufnahmen und Videos, die Storys zu unterstützen. Dabei wird untersucht, ob es den Spielern von Live Escape Games mit Storytelling mehr Spaß macht und ob ein stärkeres Flowerlebnis entsteht. „Wir sind momentan mit Enmaze in Kontakt und die haben den Live Escape Room ‚Tränen der Gaia’. Derzeit sind im Raum nur Textmedien enthalten. Dazu entwickeln wir verschiedene Tonbandaufnahmen und Videos damit der Spieler mehr über den Archäologen, der in den Raum wohnt, erfährt", sagt Nadine Hammele, die an dem Forschungsprojekt mitarbeitet. Auch Exit Game Stuttgart hat den ersten Schritt in die Richtung Storytelling verfolgt und seinen Raum „Silo" weiter ausgebaut. Mit einem Tagebuch soll der Mitarbeiter und der Energiebunker näher beschrieben werden. Ziel ist es, dass sich die Mitspieler in den Lebensverhältnissen im Bunker hineinversetzen können. Wir können also gespannt sein, ob sich das Live Escape Game mit Storytelling durchsetzen wird und andere Anbieter nachziehen.

Wen die Lust jetzt gepackt hat, der kann sich nach dem nächsten verfügbaren Zimmern umschauen z.B. bei Exit Games Stuttgart. Oder ihr hört euch den Audiobeitrag an und erfahrt, ob der Familie die Flucht aus dem Labor gelungen ist:

Live Escape Game

Eine Familie hat 60 Minuten Zeit sich aus einem Labor im Stuttgarter Süden zu befreien. Wir begleiten sie bei ihrem ersten Live Escape Game bei ExitGames Stuttgart (Foto: ExitGames Operations UG)

Weitere Informationen

Deutschlandweite Übersicht der Escape Games

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Über den Autor

Julia Spitzer

Medienwirtschaft (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2012/13