Aus Sicht einer ehemaligen Bundespolizistin

Abschiebung und ihre zwei Gesichter

22.06.2015

Täglich haben Bundespolizisten am Flughafen mit der Abschiebung von Asylbewerbern zu tun. Eine Situation, die nicht nur für Hilfesuchende, sondern auch für Beamte belastend ist. Maria W., ehemals tätig im Bereich „Zentrale Rückführung“ am Frankfurter Flughafen, berichtet von ihren Erlebnissen.

Der Flughafen Frankfurt am Main wirkt fast schläfrig, als die Beamten der Bundespolizei morgens um sechs ihre Schicht antreten. Die wenigsten der Passagiere, die am Gate sitzen und den letzten Kaffee vor der Abreise zu sich nehmen, sind sich dessen bewusst, dass an diesem Ort täglich um die 20 Menschen abgeschoben werden. Laut dem Bundesministerium des Innern gab es allein im Jahr 2014 exakt 202.834 Asylanträge in Deutschland. Über 88.000 von ihnen wurden abgelehnt.

Rechtlicher Hintergrund – Das Asylrecht

Täglich entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) über das Bleiberecht der Asylbewerber. Das Auswärtige Amt gibt dabei Einschätzungen über die Zustände und die Sicherheit des Herkunftslandes eines Asylsuchenden. Asyl bekommen nur diejenigen, die zum Beispiel aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit oder politischen Überzeugung verfolgt werden. Für einen Asylzuspruch ausgeschlossen werden damit die Gründe Arbeitslosigkeit, Armut und Naturkatastrophen. Die größte Zahl der Anträge in 2014 wurde von syrischen Flüchtlingen (39.332 Anträge) gestellt. Minderjährige Kinder oder Ehegatten bekommen häufig gemeinsam Asyl (Familienasyl).

So werden ganze Schicksale und Lebensläufe entschieden, doch oft geht es wieder nach Hause. Bei Ablehnung des Asylantrages ist allerdings eine Klage gegen das Urteil vor Gericht zulässig – einen Weg den in der Regel viele Asylbewerber gehen. So ein Verfahren kann sich über mehrere Jahre erstrecken, in den meisten Fällen bringt es aber nur einen Aufschub des Rückkehrbescheides mit sich. Die Abschiebung an sich wird durch die zuständige Landesbehörde in Zusammenarbeit mit der Bundespolizei durchgeführt.

Ein letzte Möglichkeit in Deutschland bleiben zu können ist der subsidiäre Schutz. Anspruch darauf haben Bewerber die nicht als Flüchtling anerkannt wurden, aber in ihrem Herkunftsland beispielsweise durch Folter oder die Todesstrafe bedroht sind. Eine Abschiebung kann so verhindert werden.

Abschiebung am Frankfurter Flughafen

Die Abschiebung an deutschen Flughäfen läuft hinter verschlossenen Türen ab. Keiner der Passagiere, die in den nächsten Stunden in den Urlaub reisen, soll das Leid der anderen erleben. Die tragischen Schicksale, von denen Maria berichtet, berühren selbst beim Zuhören. Ein Beispiel einer Sinti- und Romafamilie war für sie besonders belastend, da die Kinder bereits seit zwei Jahren zur Schule gingen und sich hier eingelebt hatten. Auch diese Familie hatte gegen den Rückkehrbescheid geklagt, doch nach der langen Zeit des Hoffens wurde ihr Herkunftsland Rumänien erneut als sicher bestätigt und sie mussten Deutschland verlassen.

Obwohl Maria das deutsche Asylrecht für richtig empfindet, haben sie solche Erlebnisse besonders zum Nachdenken gebracht. „Ich stand dahinter, dass die Abschiebungen durchgeführt werden müssen. Aber es war manchmal sehr hart für mich, vor allem wenn Familien zur Rückführung kommen und du bemerkst, dass besonders die Kinder gar nicht wissen was eigentlich los ist. Sie werden von einem auf den anderen Tag einfach aus ihren Lebensverhältnissen rausgerissen. Wenn du diese Personen dann zum Flugzeug bringen und sagen musst ‘Es geht jetzt nach Hause’ – das ist schon sehr schwer.”

Kündigung und Neuanfang

Fälle dieser Art haben zu Marias Entscheidung beigetragen, ihren gut bezahlten und sicheren Job bei der Bundespolizei nach drei Jahren zu kündigen. Neben den Rückführungen war es auch der straff getaktete Arbeitsalltag der sie nach und nach daran zweifeln lies, die richtige Berufswahl getroffen zu haben. Auch die Erkenntnis, dass manche Kollegen ihre Arbeit mit den hilfesuchenden Menschen nur noch desinteressiert ausführten, war ein Grund nicht länger in diesem Beruf arbeiten zu wollen: „Als Bundespolizist musst du mit Leib und Seele dabei sein. Ich habe dort aber Kollegen gesehen, die nach Jahre langer Arbeit schon so verkorkst waren und da habe ich mir gesagt ‘so will ich nicht werden’. Das war auch so ein Negativbeispiel, wo ich dann gesagt habe ‘nee, ich gehe’.”

Rückblickend hat sie viel über sich selbst gelernt und herausgefunden, warum ihr dieser Job so schwer fiel: „Ich bin sehr emotional und habe festgestellt, dass ich mit den Herausforderungen des Polizeiberufes generell nicht gut umgehen kann. Ich nehme das alles zu sehr ins Private mit und mache mir viel zu viele Gedanken. Ich hab einfach für mich erkannt, Uniform und Behörde, das ist nichts für mich. Das kann ich aus dieser Zeit für mich mitnehmen.”

Maria hat sich neu orientiert und ein völlig neues Leben begonnen. Heute studiert sie in ihrer Wahlheimat Hamburg Erziehungs- und Bildungswissenschaften. Zwar mit weniger Geld auf dem Konto, jedoch mit mehr Freude am Leben und einer beruflichen Zukunft im Visier, die zu ihr passt. Was durch Marias Erzählungen deutlich geworden ist: Emotional belastende Momente durchleben nicht nur diejenigen, die ihre Heimat verlassen müssen. Auch die Menschen die sie durch ihre tägliche Arbeit auf diesem Weg begleiten, gehen an ihre Grenzen. So ist das Thema Abschiebung von Asylsuchenden auch immer eine zweischneidige Angelegenheit.

Abschiebung und ihre zwei Gesichter

Interview mit Maria W. Foto: Ulrike Hartig

Rückkehr, Rückführung und Abschiebung

Wird einem Asylbewerber der Aufenthalt in Deutschland verweigert, spricht man von einer Rückkehrentscheidung mit einem entsprechenden Rückkehrbescheid. Reist der Asylbewerber nicht freiwillig aus, verwendet man den Begriff Abschiebung und er wird zur zentralen Rückführung an den Flughafen gebracht. Die Bundespolizei führt die Rückführung am Flughafen durch und kontrolliert diesen Prozess. Treten dabei Probleme auf, kann es zu einer begleiteten Rückführung kommen, bei der ein Beamter der Bundespolizei den Asylbewerber auf seiner gesamten Reise begleitet und überwacht.

Begriffserklärung in der Europäischen Rückführungsrichtlinie

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Über die Autoren

Ulrike Hartig

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Elisabeth Meyer

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