Gesundheit

ADHS - Vom Zappelphilipp zur Diagnose

18.11.2015

Welche Gemeinsamkeit haben Albert Einstein, Will Smith, Walt Disney und Ludwig van Beethoven? – Richtig, ihnen allen spricht man die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS zu. In den Augen mancher immer noch einfach nur ein Zappelphilipp.

ADHS ist eine Krankheit, die erst in den letzten Jahrzehnten bekannt wurde. Meinungen scheiden sich dabei, ob dies als Krankheit oder als ein Potenzial angesehen werden sollte. Die meisten Diagnosen werden während der Schulzeit gestellt. Kinder die oft herum hampeln, sich schnell langweilen und sich nur schwer konzentrieren können, fallen hierbei ins Raster des Krankheitsbildes. Kinder mit ADHS stellen auch für Lehrer und Erzieher keine einfache Aufgabe dar. Werden Kinder mit ADHS nicht entsprechend gefördert, sind Störungen des Unterrichts vorprogrammiert. Die angemessene Förderung eines solchen Kindes kann ihre Kompetenzen allerdings schnell übersteigen, sodass den Eltern in der Regel zu einer medizinischen Untersuchung geraten wird.

Als Konsequenz werden meistens Medikamente wie Ritalin oder Medikinet verschrieben. Alternative Therapiemethoden wie die Ergotherapie und Elternberatung sowie eine Ernährungsumstellung und sportliche Aktivitäten können zum Erfolg führen. Bereits eine verbesserte Lebensstruktur kann auch viel Positives bewirken.

Dennoch hat der Konsum entsprechender Medikamente in den letzten zwanzig Jahren drastisch zugenommen – trotz sinkender Geburtenrate. Aktuell sind rund fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen zwischen 5 und 23 Jahren von der Krankheit betroffen.

ADHS - Vom Zappelphilipp zur Diagnose

Wir haben mit Ivan* und Manuel*, zwei ADHS Patienten gesprochen. Ivan hat erst vor einigen Wochen ADHS diagnostiziert bekommen, während Manuel die Diagnose schon länger hat. Beide berichten von ihren Erfahrungen und was sich durch die Diagnose geändert hat.

Ein PDF-Factsheet finden Sie hier zum Download.

*Name zum Schutz der Privatsphäre geändert.

Bild: © djama – Fotolia.de

Musik: Marcoform

Das komplette Interview mit Manuel

Motion: Wann kam die Diagnose?

Manuel*: Die Diagnose kam für mich relativ spät, weil ich nie eine haben wollte. Ich habe dann über ein psychologisches Institut die Diagnose bekommen.

Motion: Wie alt warst du?

Manuel: 25

Motion: Kam die Diagnose überraschend?

Manuel: Nein, ich war mir ziemlich sicher. Ich hab’s mir nur noch bestätigen lassen.

Motion: Hat sich trotzdem durch die Diagnose etwas verändert?

Manuel: Nein, es hat sich nichts verändert, weil ich es ja schon für mich wusste. Die Veränderung fand früher statt.

Motion: Wie hast du es bemerkt?

Manuel: Durch die typischen Symptome wie: Unruhiges Sitzen, ich konnte mich nicht lange auf etwas konzentrieren, ich hab einen Bewegungsdrang, einen Rededrang und ich war immer sehr aktiv.

Lavendel und Meditation

Motion: Was hast du gegen die Probleme gemacht?

Manuel: Für mich persönlich, war es nur im Hinblick auf die schulischen Leistungen schwierig. Aber als ich mich immer mehr mit mir selbst auseinander gesetzt habe, gab es einen positiven Wandel. Ich hab angefangen zu meditieren, das war sehr wichtig und nicht einfach. Es gibt verschiedene Meditationsmethoden, ich mach’s am aller liebsten im Liegen und hör dazu Meditationsmusik und dann kann ich abschalten. Das sind zwanzig, dreißig Minuten am Tag manchmal auch länger, die sehr wichtig sind.

Motion: Was hast du noch ausprobiert?

Manuel: Ich hab jede Menge aus probiert, wie schon gesagt verschiedene Meditationsmethoden unter anderem auch Chigong, das ist, wenn man so will eine bewegte Meditation. Man bewegt den Körper in leichten Bewegungen und koordiniert die es mit der Atmung. Ganz interessant und sehr hilfreich, war auch die Feldenkreismethode. Eine Methode, bei der man sich auf den Körper konzentriert, in dem man ganze langsame und bewusste Bewegungen ausführt. Bei welcher die Wirbelsäule im Mittelpunkt steht. Im Grunde das gleiche wie Chigong nur eben eine westliche Methode.

Motion: Hast du auch Medikamente ausprobiert?

Manuel: Ich hab in der Tat auch Medikamente ausprobiert, welche mir mein Arzt verschrieben hat. Man hat ja den Konsens und die weit verbreitete Theorie, dass die auch helfen.

Motion: Hat man vor der Medikamentenverschreibung andere Methoden ausprobiert.

Manuel: Ne, aber ich hatte persönlich schon nach Methoden geschaut. Sehr hilfreich waren Lavendelkapseln. Es war sehr wichtig für mich, eine Alternative zu den Medikamenten zu finden. Weil mir Ritalin gar nicht gutgetan hat. Ich hab eine mittelhohe und eine geringe Dosis probiert. Wenn ich mich während dieser Zeit auf meinen Charakter konzentriert habe, habe ich mich wie ein Zombie gefüllt, um es herunter zu brechen. Also ich hab keinerlei Interesse für meine Mitmenschen gehabt. Entweder ich war übereuphorisch oder total teilnahmslos. Deshalb habe ich es dann selbst abgesetzt.

Motion: Wie lange hast du es eingenommen?

Manuel: Ich hab’s nicht lange genommen. Vielleicht war es ein Vorteil, dass ich durch die Meditation so gut auf meinen Körper hören konnte, ich habs keine zwei Wochen genommen. Das Zeug nehm ich nicht mehr!

Cannabis und ADHS

Motion: Teilweise wird auch Cannabis verschrieben, hast du selber Erfahrungen dazu?

Manuel: Nein, Cannabis besteht ja aus zwei Komponenten, zu einem die Cannabinoide und das THC. Das THC wirkt ja psychoaktiv und beeinträchtig stark das Kurzzeitgedächtnis. Und wenn du ADHS hast, ist es ohnehin schon schwer sich auf etwas zu konzentrieren und bei etwas zu bleiben. Interessant wird es, wenn man Cannabis synthetisiert und die CBD Öle unabhängig vom THC Gehalt behält, welches nicht psychoaktiv wirkt und legal ist. Das hat eine sehr hilfreiche Wirkung. Das hab ich ausprobiert und es hat sehr geholfen. Man ist geistig voll da, man ist nicht beeinträchtig, es ist nicht psychoaktiv und man hat daher auch keine Gefahr von Paranoia. Es wirkt lediglich beruhigend auf Körper und Muskulatur und es hemmt Ängste, die unter anderem auch mit ADHS einhergehen.

Motion: Gibt es Momente, in denen dich die Krankheit bereichert?

Manuel: Definitiv! Mein Ich kann ich mir ohne nicht vorstellen. Es ist Teil meiner Persönlichkeit und es ist schön, wenn man akzeptiert und gemocht wird, wie man ist. Diese zusätzliche Aktivität und Unruhe, ist nicht immer negativ: Man ist wach, man ist aktiv und freut sich einfach des Lebens. Ich glaub, wenn man die Energie richtig lenkt, kann sie auch die Kreativität fordern. Wenn ich könnte würd ich es nicht ablegen und schon gar nicht durch Medikamente.

Motion: Gibt es deiner Meinung nach Etwas, was man durch die Beeinträchtigung nicht schaffen kann?

Manuel: Man darf nicht denken, es gebe Dinge, die könne man nicht schaffen. Erstens hängt das vom Grad der Ausprägung ab. Man kann sehr gering ausgeprägtes ADHS haben und dann kann man eigentlich alles machen. Sobald man anfängt zu sagen ADHS beeinträchtig Menschen und die können dann bestimmte Dinge nicht tun, dann verliert man das Vertrauen daran, dass man den Geist schulen kann.

Motion: Darf man es eine Krankheit nennen?

Manuel: Es ist keine Krankheit, es ist ein Zustand, eine geistige Verfassung. Eine Krankheit ist erstens sehr negativ konnotiert und wie wir jetzt gerade besprochen haben, kann der Zustand auch viele positive Eigenschaften hervorrufen. Deshalb ist Krankheit völlig falsch, um diesen Zustand zu beschreiben. Sobald wir dem einen Namen geben, kategorisieren wir es. Das kann zu Diskriminierung führen und vor allem nimmt man die Leute nicht mehr ernst, weil man die Leute nur noch krank nennt.

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Über die Autoren

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