Das Zentrum Kreuzberg

Alle unter einem Dach

08.07.2015

Das Zentrum Kreuzberg steht imposant am Kottbusser Tor. Ursprünglich mal als Schallschutz einer Stadtautobahn geplant, dient das Gebäude jetzt mit rund 300 Wohnungen vielen Zugewanderten als Zuhause: Ein kleines multikulturelles Dorf mitten in Berlin.

Das Zentrum Kreuzberg

Das Zentrum Kreuzberg am Kottbusser Tor wurde 1974 fertig gestellt. Damals hieß es noch Neues Kreuzberger Zentrum, kurz: NKZ. Es sollte als Schall- und Sichtschutz zwischen der Stadt und einer neu geplanten Stadtautobahn dienen. Nach vielem hin und her, einigen Protesten und Streitigkeiten über einen Abriss des Gebäudes oder nicht, wurde es schließlich erhalten.

Heute ist das Zentrum Kreuzberg, das den Spitznamen `Kotti´ trägt, einer der belebtesten, buntesten Orte der Stadt.

Es ist 15 Uhr an einem sonnigen Werktag in Berlin. Doch am Kottbusser Tor ist egal zu welcher Tageszeit immer jede Menge los: Menschenmengen laufen vor und zurück, rennen zur U-Bahn oder nach Hause, gehen sich einen Döner oder eine Pizza holen, setzen sich in die Kneipe oder an den Spielplatz im Innenhof und trinken dort ein Bier. Es sieht hektisch aus. Am auffälligsten in dieser Ecke von Kreuzberg ist der starke Geruch von Gras in der Luft. „Es ist wie ein Dorf hier. Und die Szene im Außenbereich mit den Junkies und Alkoholikern gehört genauso dazu." Die Hausverwaltung des Zentrum Kreuzberg bestätigte meinen Eindruck: Der Geruch, eine Mischung von Zigaretten, Alkohol und Drogen zusammen mit frischen Backwaren, Dönerspießen oder Falafel; der Lärm von sich streitenden Menschen, von weinenden und lachenden Kindern, von heulenden Sirenen der Ambulanzen oder der Polizei; die Menschen, die am Dönerladen sitzen und essen, oder die, die am U-Bahn Eingang stehen und sich einen Joint drehen; all diese Dinge gehören irgendwie zusammen und bilden eine Gemeinschaft. Wenn man dieser Vielfalt zum ersten Mal begegnet ist es ein Kulturschock. Aber sobald man sich diesen Ort ein bisschen genauer ansieht, sich darauf einlässt, wird man langsam selbst ein Teil davon.

„90 Prozent hier sind Ausländer und zum größten Teil aus der Türkei. Es leben aber auch viele Araber, einige Kroaten, Polen und beispielsweise auch einige aus Angola hier." So die Hausverwaltung. Genau diese Vielfalt ist es, die das `Kotti´ ausmacht. `Kotti´ ist der liebevolle Spitzname für das Zentrum Kreuzberg, das 1974 noch als NKZ (Neues Kreuzberger Zentrum) aufgebaut wurde. Das Haus sollte damals als Schall- und Sichtschutz einer geplanten Autobahn auf der anderen Seite dienen. „Seitdem wohnen in fast 300 Wohnungen jeweils drei bis vier Bewohner. Die ältesten sind seit 1974 hier und die ganze Familie wohnt auch noch verteilt im Gebäude. Es sind also auch mal drei Generationen im Haus verteilt." Die Hausverwaltung ist für alle der zentrale Ansprechpartner und die erste Anlaufstelle.

Generationen einer Familie im selben Haus verteilt

Die Familie Aktürk kam 1978 ins Kotti. 1994 übernahm der Vater den Laden „Misir Carsisi", einer der ersten Läden überhaupt, der in Berlin schon so früh türkische Spezialitäten angeboten hat. „Wir haben ein Anwesen in der Türkei und könnten dort sehr gut und großzügig leben. Aber eigentlich ist das hier unser Zuhause. Wir leben hier und wollen hier bleiben." Als Celalettin Aktürk nach Deutschland kam war er 12 Jahre alt. Sein Vater ging damals als Gastarbeiter nach Berlin und seitdem sind sie alle dort geblieben. Abdul Kadir Aktürk, der 32-jährige Sohn von Celalettin und `Chef Junior´ des Ladens ist in Deutschland geboren, aber stolz darauf, dass er türkische Wurzeln hat: „Ich fühle mich hier wohl und die ganze Vielfalt, und das lebhafte gibt mir dieses heimatliche Gefühl. Nicht ohne Grund wird es auch `klein Istanbul´ genannt hier." Abdul erklärt, dass „Misir Carsisi" der Name für einen Basar in Istanbul ist und findet es für ihren Laden im Zentrum Kreuzberg genauso passend. Obwohl er hier zuhause ist, möchte er unbedingt zurück in die Türkei. „Ich will mal mit meiner Familie in mein Anwesen in die Türkei ziehen. Nur jetzt kann ich Mama und Papa nicht einfach verlassen. Wir haben unser Geschäft hier und ich habe mein eigenes Büro gleich da." Dabei zeigt er um die Ecke. Die Ladenbesitzer kennen sich alle gut, begrüßen sich traditionell türkisch mit Küsschen auf die Wangen, oder ’deutsch’ mit einem Händeschütteln. Alle haben ähnliche Geschichten zu erzählen und die meisten wohnen und arbeiten rund um das Kotti. „Es waren früher fast nur Türken hier. Jetzt ist es eine größere Vielfalt. Für mich sind die Immigranten hier nicht mehr die Türken."

Impressionen vom Leben am Zentrum Kreuzberg

Es ist oft dreckig und dunkel am Zentrum Kreuzberg. Aber die lebhafte Art und die Freundlichkeit der Bewohner machen es besonders und bringen ein ganz anderes Licht auf die Umgebung.

„Keine rosa Brille des Multi-kulti-Zusammenlebens"

Überall begegnete ich einer freundlichen, familiären Art, doch ohne Zweifel gibt es auch klare ungeschriebene Regeln untereinander und hier und da auch diejenigen, die sich selbst als „Prinz" der Gegend bezeichnen. In solchen Situationen muss die Hausverwaltung immer wieder klarstellen, dass es Regeln gibt an die sich alle zu halten haben – ohne Ausnahmen. „Es ist ein Dorf hier, eine Gemeinschaft, aber es ist nicht immer nur schön und gut. Die verschiedenen Mentalitäten, die aufeinander treffen bringen auch oft Ärger. Man muss also schon sagen: die rosa Brille des Multi-Kulti-Zusammenlebens gibt es so nicht. Es gibt immer Probleme und die wird es auf Grund der Unterschiede auch immer geben." Man lebt also zusammen aber hält auch einen bestimmten Abstand. Die Hausverwaltung muss deshalb oft mit den Bewohnern über Themen diskutieren, die man sonst als selbstverständlich sieht.

„Immer sind es die anderen"

Anfangs war ein großes Problem beispielsweise der Müll, der überall herum lag. „Niemand fühlt sich verantwortlich, immer sind es die anderen. Aber mit ein paar Maßnahmen wie beispielsweise Kameras, die wir installiert haben, bessern sich solche Zustände. Bemerkenswert ist es, dass es bei den meisten, vor allem bei den Türken, in den eigenen vier Wänden so sauber ist, dass man vom Boden essen könnte. Sobald es aber nicht mehr `mein Zuhause´ ist, ist es ihnen allen egal, wie es aussieht. Zuhause oder im eigenen Geschäft müssen sie sich präsentieren, da ist es schön. Alles andere zählt für sie oft nicht. Das liegt ganz einfach an den Mentalitäten der Menschen. Und das sind Sachen, die man nicht wirklich ändern kann." Bei der Hausverwaltung arbeiten auch zugewanderte. So können sie anderen Migranten besser begegnen, heißt es: „Ich kann beispielsweise ohne Probleme einem anderen Ausländer sagen, dass er sich zu benehmen hat – in einem fremden Land genauso, wie in seinem eigenen Land. Es kann mir niemand vorhalten, dass ich dann rassistisch bin. Ich bin ja selbst zugezogen, habe hier eine Ausbildung nachgeholt, deutsch gelernt und einen Job gefunden. Das schaffen andere auch." Überzeugt spricht so eine langjährige Mitarbeiterin der Hausverwaltung darüber. Dabei sieht sie fast ein bisschen böse aus und fügt hinzu: „Dieses respektlose Benehmen gegenüber einem fremden Land, in dem man leben und arbeiten darf, macht mich wirklich sauer." Sie ist eine starke und selbstbewusste Frau, die schon viel miterlebt und geschafft hat im Leben. Doch sie findet es selbstverständlich sich so einzusetzen und würde niemals dafür besonders gelobt werden wollen.

Das Leben dort gleicht einem Film

Täglich passieren neue Dinge, es wird zumindest nie langweilig dort. Kaum ist eine Geschichte fertig erzählt, fängt eine der Mitarbeiterinnen schon mit der nächsten an: „Diese aufgepumpten Kerle, die meinen hier der Chef zu sein, muss man unbedingt mit Humor begegnen. Eigentlich muss man hier die meisten Situationen mit Humor sehen. Einmal musste ich unten etwas klarstellen, weil ein paar Jugendliche meinten, dass das jetzt ihr Revier sei." Dabei schaut sie aus ihrem Bürofenster im vierten Stock und zeigt auf einen kleinen Kinderspielplatz im Innenhof. „Ich ging also runter und sofort stand einer vor mir, meinte sich aufbaumeln zu müssen und sagte: ’Ich bin der Berg-Prinz. Wir klären das hier unter uns und Sie können schon wieder gehen. Wir machen hier die Regeln.’ Das wäre für viele einschüchternd gewesen. Aber ich musste mir fast das Lachen verkneifen und meinte dann nur: `Nein nein, dann kannst du aber noch nicht so lange hier sein. Es gibt klare Regeln und die entscheiden wir hier. Und wenn dir das nicht passt, dann werden wir uns nicht besonders gut verstehen. Alle halten sich hier an bestimmte Regeln und das wirst du genauso tun.’ Und ich habe gleich in seinen Augen gesehen, dass er mich ganz genau verstanden hat. Das hat er vor seinen coolen Kumpels in dem Moment natürlich nicht zugegeben, aber bisher klappt auch alles. Das muss man also alles ein bisschen gelassener nehmen bei diesen selbst-ernannten `Berg-Prinzen’. Das Gegenteil würde nicht viel bringen." Sie lacht und sieht dabei aber trotzdem ernst aus. Solche Geschichten sind die lustigen hier; es sind die, die man gerne mal erzählt. Ganz andere Geschichten gibt es in solchen Gegenden auch.

Gegen 19 Uhr glüht die Fassade des Kottis vom Sonnenuntergang. Es sieht fast romantisch aus in diesem Licht. Doch der Trubel, der Lärm und die Gerüche von vorhin haben kein bisschen abgenommen. Man würde meinen, dass es Zeiten gibt in denen sich alle Gegenden etwas beruhigen. Am Kotti ist das nicht so: morgens, mittags, abends und nachts – es ist immer ’was los.

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Über den Autor

Pia Piech

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015