Mehrgenerationenhäuser

Alle unter einem Dach

31.07.2017

Zwischen bestickten Kissen und Kinderbüchern – Oma und Opa müssen nicht alleingelassen im Altersheim wohnen. Früher lebten Großeltern, Eltern und Kinder im gleichen Haus. Heute gewinnt diese generationsübergreifende Idee wieder an Bedeutung: Sabine Harzer und Dorit Hornstein sind Ehrenamtliche, die sich in Mehrgenerationenhäusern engagieren, damit dieses Gemeinschaftskonzept lebendig bleibt.

Im Anna-Haag-Mehrgenerationenhaus findet der Austausch auch zwischen Senioren und Menschen mit Behinderung statt. | Foto: Birgit Betzelt

Jeden Freitag betritt Dorit Hornstein mit ihrem Lesekoffer das Klassenzimmer der 2a in der Wilhelm-Hauff-Grundschule in Böblingen. Sie hat Bücher mitgebracht. Erwartungsvolle Kinderaugen blicken ihr entgegen. „Bin ich heute dran?", rufen die Schulkinder der Klassenlehrerin Frau Strobel aufgeregt zu. Sie wählt zwei Schüler aus, die diesen Nachmittag Dorit Hornstein vorlesen werden. In einem ruhigen Zimmer nebenan findet das Förderprogramm mit der Lesepatin statt. Während die Kinder lesen, notiert Hornstein deren Fortschritte. Sie ist eine Ehrenamtliche aus dem Mehrgenerationenhaus „Treff am See", die sich für die Bildung von Kindern und Jugendlichen engagiert. Das Haus „Treff am See" ist in Deutschland eine von zahlreichen Einrichtungen mit generationenübergreifendem Ansatz.

Was ist ein Mehrgenerationenhaus?
Mehrgenerationenhäuser sind Begegnungsstätten für Menschen jeder Herkunft und jeden Alters. Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren verbringen Zeit miteinander und profitieren voneinander, indem sie sich gegenseitig im Alltag unterstützen. In Mehrgenerationenhäusern werden Einrichtungen für Menschen unterschiedlichen Alters unter einem Dach zusammengeführt. So können sich beispielsweise Seniorenwohnheim, Kindertagesstätte, Bildungseinrichtungen und Projektwerkstatt in demselben Gebäude befinden.

Ein Haus am See

Der „Treff am See" in Böblingen gehört zu den vom Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus geförderten Häuser. Es gibt hier keine Wohnmöglichkeit, dennoch zählt es als Mehrgenerationenhaus. Während die Kleinen in der Kindertagesstätte toben, kann die Mutter das Café besuchen und der Opa mit anderen Senioren Karten spielen. Die Mitarbeiter im Haus setzen verschiedene Angebote wie Schüler-, Nachbarschafts-, und Lesepatenschaftsprojekte gemeinsam mit den Ehrenamtlichen um. Seit zehn Jahren ist die 53-Jährige Dorit Hornstein in ihrer Freizeit als Lesepatin im „Treff am See" aktiv. Im Mehrgenerationenhaus ist sie an der Organisation von Weiterbildungen für andere Lesepaten des Hauses beteiligt. Wöchentlich besucht sie die Schüler einer Grundschule, um mit ihnen das Lesen zu üben: „Viele Kinder lernen schnell, die Silben zusammenzuziehen. Aber sie wissen nicht, was das Gelesene bedeutet. Wir Lesepaten erkennen solche Schwierigkeiten." Das Vorlesen hat sich über die Jahre zu einer gezielten Leseförderung entwickelt.

Wieso engagieren sich Ehrenamtliche, wie Dorit Hornstein oder Sabine Harzer, in den Mehrgenerationenhäusern? Was sagt Prof. Dr. H. Bartjes dazu? | Quelle: Tabea Günzler, Svenja Deutschkämer

Gesellschaft gestalten

Prof. Dr. Heinz Bartjes, Dozent für Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen und Experte für Ehrenamt, sieht in freiwilligem Engagement einen Mehrwert: „Eine Gesellschaft, in der jede Hilfe- und Unterstützungsleistung nur über den Markt oder den Staat geregelt werden, halte ich nicht für lebenswert. Zivilgesellschaftliche Kräfte bereichern eine Gesellschaft, weil sie sie demokratischer und vielfältiger machen." Aus diesem Grund fördert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ehrenamtliches Engagement als „unverzichtbare Basis" mit seinem Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus. Unter dem Motto „Wir leben Zukunft" werden bundesweit 550 Mehrgenerationenhäuser über das Bundesprogramm staatlich unterstützt. Sie erhalten jährlich 30.000 Euro vom Bund und werden mit 10.000 Euro von der Kommune, dem Land oder dem Landkreis mitfinanziert.

Erfahre mehr über das Förderprogramm, indem du mit der Maus über das Bild fährst. Celia Lehmitz vom Referat für Mehrgenerationenhäuser vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, gibt Einblicke in das neue Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus. Hier geht es zum kompletten Interview mit Celia Lehmitz. | Grafik: Tabea Günzler via Piktochart und ThingLink

Das älteste Mehrgenerationenhaus Deutschlands

Neben den vom Bundesministerium geförderten Mehrgenerationenhäusern gibt es auch Einrichtungen, die von Stiftungen unterstützt werden, wie das Anna-Haag-Mehrgenerationenhaus in Stuttgart-Bad Cannstatt. Das älteste Mehrgenerationenhaus Deutschlands entstand Mitte der 50er Jahre. Vor zehn Jahren zog die Einrichtung in ein neues Gebäude. Dort befinden sich ein Seniorenwohnheim, eine Kindertagesstätte und eine Ausbildungsstätte für lernbeeinträchtigte Schüler. Ehrenamtliche, wie Sabine Harzer, sind im Anna-Haag-Haus vor allem in der Seniorenbetreuung tätig. Manche der Bewohner sind an Demenz erkrankt. Die Ehrenamtlichen versuchen, Zugang zu den Betroffenen zu finden: „Ich spreche gerne mit den Leuten. Einmal war eine Dame mit selbst bestickten Kissen hier. Weil ich auch sehr viel Handarbeit mache, kamen wir ins Gespräch", erzählt Sabine Harzer. Harzer kümmert sich regelmäßig um eine ältere Frau im Anna-Haag-Seniorenheim. Gemeinsam spielen sie Brettspiele, gehen spazieren oder zu Veranstaltungen wie dem Sommerfest.

„Mit den Ehrenamtlichen kommt viel Buntheit in das Haus, viel Farbe und ganz viel Zeit." – Ange Hoffmann

Auszeit für die Ehrenamtlichen

Wenn Ehrenamtliche in ihrer Arbeit eine Beziehung zu den Menschen aufbauen, kann der Tod eines Bewohners belasten. Ange Hoffmann ist sich dessen bewusst: „Das hinterlässt Spuren. Man darf auch bis zu einem gewissen Grad trauern", denn das Abschiednehmen gehört dazu, meint die 54-Jährige. Sie betreut die Ehrenamtlichen im Anna-Haag-Haus. Um diese Erfahrungen zu verarbeiten, brauchen manche Freiwillige eine Auszeit. Nach der Rückkehr in die Einrichtung können sie sich stattdessen in der Mitgestaltung von Projekten im Mehrgenerationenhaus einbringen.

Auch im „Treff am See" werden die Ideen der Ehrenamtlichen berücksichtigt. In der Begegnungsstätte können sie Projekte entwickeln und umsetzen. Dorit Hornstein vom „Treff am See" möchte das Lesepaten-Projekt erweitern. Für die Zukunft kann sie sich sogar eine Lesepatenschaft mit Senioren vorstellen. „Ich will au gar net aufhören!", sagt die Schwäbin und lacht herzlich.

Wie leben Menschen in Mehrgenerationenhäuser unter einem Dach?

Wie sieht ein Haus aus, in dem sich sowohl Senioren als auch Eltern, Kinder und Jugendliche wohl fühlen? Einblicke in das Anna-Haag-Haus und den „Treff am See".

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Tabea Günzler

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