Randsportarten in Stuttgart

Als Quarterback im Land des Fußballs

28.06.2016

In den USA hat Shane Carden vor 50.000 Zuschauern American Football gespielt. In Stuttgart verstehen die wenigsten, worum es bei dem Sport überhaupt geht. Vom Schattendasein eines amerikanischen Trendsports in Deutschland.

„Wenn in East Carolina ein Fußballtor auf dem Footballfeld steht, sagt jeder ’Stellt das weg! Hier wird Football gespielt!’" – Shane Carden war Quarterback bei den Chicago Bears und den ECU Pirates, dem American Football-Team der East Carolina University. Er sieht aus, wie man sich einen Footballer vorstellt: breite Schulterpads lassen ihn wie einen antiken Kriegshelden wirken und seine kräftigen, tätowierten Arme geben keinen Raum für Zweifel daran, dass er auch ohne Protektoren überdurchschnittlich stark aussähe. Am deutlichsten wird seine Kraft aber, wenn er einen Football wirft. Als Quarterback bei den ECU Pirates hat er einige Rekorde seiner Universität gebrochen.

Zuhause ein Held

Bei Cardens Spielen im Dowdy-Ficklen Stadium in East Carolina fieberten 50.000 Fans auf den Rängen mit – so viele Zuschauer wie bei einem gut besuchten Spiel des VfB Stuttgart in der Mercedes-Benz-Arena. Nach den Spielen wurde der Sportler mit dem blonden Dreitagebart und den sympathisch wirkenden Augen auf der Straße erkannt und nach Autogrammen gefragt. Die Conference USA hat ihn 2013 für seine Spielleistungen zum „Most Valuable Player" gekürt.

Shane Carden im roten Trikot der Stuttgarter Scorpions| Bilder: Sarah Philipp

Seit Dezember ist Carden Quarterback bei den Stuttgart Scorpions. An diesem Donnerstag trainiert er mit seinem neuen Team auf der Waldau. Er wirkt konzentriert und gut gelaunt. Die kinnlangen blonden Haare trägt er in einem Dutt. Fußball-Tore stehen auf dem Kunstrasen, aber niemand will sie wegräumen. Auf dem Platz fehlen Yard-Linien – und goal posts, die hohen Football-Tore, die aussehen wie überdimensionierte Stimmgabeln, gibt es auch nicht. Zwar befindet sich das GAZI-Stadion samt Footballfeld nur wenige Meter entfernt, aber trainieren dürfen die Sportler dort nicht – der Rasen soll geschont werden.

„Stuttgarter Sport präsenter machen"

Deutschland ist das Hoheitsgebiet von König Fußball und hier in Stuttgart kommt dem Monarchen der Löwenanteil der medialen Aufmerksamkeit zu. Als der Abstieg des VfB Stuttgart nach der Niederlage gegen Wolfsburg feststand, titelte das ZDF auf seiner Website: „Stuttgart steht vor dem Abstieg". Doch Sport-Stuttgart ist mehr als der VfB und die Bundesliga wird nicht nur im Fußball ausgetragen. Weil das hier aber den wenigsten bewusst ist, haben sich 18 Bundesligisten zur „Interessengemeinschaft Stuttgarter Bundesligisten" zusammengeschlossen – darunter der Handball-Erstligist TVB Stuttgart, die Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart und die Stuttgarter Scorpions – . „Unser Ziel ist es, den Spitzensport in Stuttgart präsenter zu machen", sagt Dominik Hermet, Geschäftsführer des Sportkreises Stuttgart. Es ist schwierig, Sponsoren für Randsportarten zu gewinnen. Marketingabteilungen scheinen Fußballvereine für attraktiver zu halten als das örtliche Baseball-, Feldhockey- oder Roller Derby-Team. Netzwerkarbeit mit Politik, Wirtschaft und Medien soll das ändern.

Spektakulär, athletisch und spannend - Randsportarten in Stuttgart

Wer in Stuttgart Sportevents live und vor Ort sehen will, hat eine große Auswahl.

Die Menschen seien grundsätzlich begeisterungsfähig für die Randsportarten – davon gehen die Bundesligisten aus, denn spektakulär sind die definitiv. So wie American Football: 2015 folgten weltweit fast 900 Millionen Menschen dem Super Bowl, dem Finale der US-amerikanischen National Football League (NFL). In Deutschland blieben etwa zwei Millionen Zuschauer wach, um das NFL-Finale zu sehen – und das, obwohl die dreistündige Veranstaltung erst um Mitternacht begann.

Auch nach dem Abstieg des VfB Stuttgart bleibt Stuttgart in der Bundesliga vertreten | Grafik: Carmen Renz via piktochart.

„Down – set – hut!"

Auf dem Trainingsplatz formieren sich zwei Linien schwer gepolsterter Männer mit schweren Helmen. Sie stehen einander gegenüber, stützen sich auf ihre Fingerkuppen. Carden unterstützt Trainer Jemil Hamiko als Co-Trainer. Ein Quarterback steht mittig hinter seiner Offensive Line. Sein Team ist im Angriffsspielzug. „Down – set – hut" schreit er. Der Center wirft den ovalen Ball nach hinten. Der Quarterback fängt ihn, zeitgleich krachen mehrere Spieler frontal aufeinander. Der Wide Receiver sprintet nach vorne, schlägt Haken, weicht Gegnern aus. Der Quarterback wirft, hofft, dass der Wide Receiver fängt. Wie ein Torpedo schießt der Ball durch die Luft. Der Wide Receiver springt – fängt. Bullige Maschinen rennen auf ihn zu. Er rennt auf die Endlinie zu. Die Gegner sind noch eine Armlänge entfernt. Er springt ab. Aus dem Flug rammt er den Ball auf den Boden in der Endzone. Touchdown.

Shane Carden und sein neuer Coach: der Scorpions-Trainer Jemil Hamiko | Bild: Sarah Philipp

American Football in Stuttgart groß machen

Selbstverständlich haben die Scorpions spielerisch weniger Erfahrung als amerikanische Footballer, die ab der High School fünfmal pro Woche trainieren, meint Carden. Trotzdem seien viele seiner Stuttgarter Teamkollegen körperlich so fit wie die Leute, mit denen er in den USA gespielt hat. Die Scorpions spielen in der German Football League, der ersten Bundesliga im deutschen American Football. Sie trainieren zweimal pro Woche. Am Wochenende sind Spiele. Carden sehe, dass sich viele sportlich weiterentwickeln, mit Biss trainieren und dass die Scorpions besser werden. Viele wollen den Sport wachsen sehen. Der erfahrene Quarterback unterstützt sie dabei als Mitspieler und Co-Trainer.

Europa – und dann?

Carden spielte nur vier Monate in der NFL. Die Chicago Bears haben seinen Vertrag nicht verlängert. „Ich habe zwölf Jahre lang nur Football gespielt und mindestens fünfmal pro Woche trainiert. Jetzt will ich etwas von der Welt sehen. Darum bin ich hier und lerne Europa kennen. Dafür hatte ich bislang keine Zeit. Ich genieße das", sagt er. Was danach kommt, weiß er nicht. Vielleicht klappt es noch einmal in der NFL. Er könne sich auch vorstellen, noch ein bisschen zu bleiben. Die „Interessengemeinschaft Stuttgarter Bundesligisten" plant, Kooperationen mit Firmen einzugehen, um Sportlern, die zu Stuttgarter Vereinen wechseln, den Berufseinstieg im Kessel zu erleichtern. „Eine gute Idee" – findet Carden.

Total votes: 265
 

Über den Autor

Carmen Renz

Crossmedia-Redaktion/Public-Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16