Kultur mal anders

Alte Mauern – neuer Zeitgeist

18.01.2017

Ein altes Bauwerk mit großer Vergangenheit, ein künstlerisches Versuchslabor, ein Ort der Reflexion, der sich von seinen Besuchern prägen lässt. Wie ein Ort das alles vereinen kann, zeigt das Schloss Solitude.

Das Schloss Solitude vereint Stilrichtungen des Rokoko und Frühklassizismus in seiner Architektur. | Bild: Paula Longin

Ich stehe auf hellem Kopfsteinpflaster in Mitten einer herrlichen Schlossanlage im waldreichen Westen Stuttgarts. Mein Blick schweift über die Fassaden des einst fürstlichen Lustschlosses, das zwischen 1763 und 1769 unter Herzog Carl Eugen von Württemberg erbaut wurde. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, was diese Mauern bereits erlebt haben. Das bunte Treiben, die prunkvollen Jagden, prachtvolle Empfänge und Festlichkeiten im ehemaligen Jagdschloss des als verschwenderisch bekannten Carl Eugen. Ihm diente Solitude, was auf Französisch so viel wie „Einsamkeit" heißt, als ein Ort der Bequemlichkeit und Zurückgezogenheit. Später brachte der Herzog im Schloss eine Militärakademie – die Hohe Karlsschule – unter. So kam es, dass auch der wohl bekannteste Absolvent, Friedrich Schiller, schon über den Schlosshof schritt und wie ich, die Aussicht Richtung Ludwigsburg bewunderte. Im Laufe der Zeit wurde Solitude sehr unterschiedlich genutzt: Als Kriegslazarett, Gefängnis, bis hin zu einem Studentenwohnheim. Seit dem Jahr 1990 befindet sich in den Offizien- und Kavaliersgebäuden die Akademie Schloss Solitude.

Hinter dem roten A

Das rote A wurde zum 10-jährigen Jubiläum der Akademie, im Jahr 2000, von Matthias Berke realisiert. |Bild: Paula Longin

Die Installation aus Plexiglas, vor den Türen der Akademie, sticht sofort ins Auge. Die Akademie Schloss Solitude ist ein Künstlerhaus mit einem Stipendienprogramm für internationale Künstler, ebenso für Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler. Alle zwei Jahre werden zwischen 50 und 70 Wohn- und Arbeitsstipendien von einer Fachjury vergeben. Die Bewerber kommen aus den verschiedensten Ländern rund um den Globus, denn die Akademie hat sich zu einem wichtigen globalen Netzwerk der internationalen Kunstszene entwickelt. Im aktuellen Bewerbungsverfahren haben sich über 7.000 Künstler, aus 158 Ländern, um ein Stipendium beworben. Finanziert wird die Akademie hauptsächlich durch Zuwendungen des Landes Baden-Württemberg. „Für die Stipendiaten ist die Zeit in der Akademie eine ganz besondere Zeit. Eine Zeit, in der sie frei sind von den Zwängen, die sie im Alltag normalerweise umgeben. Dadurch können oft Dinge entstehen, die vermutlich an ihrem Heimatort, ihrem Herkunftsland, so nicht möglich gewesen wären. Diese Bereicherung, die Stipendiaten sich untereinander bieten können, ist eine Kernidee der Akademie", erklärt Angela Butterstein. Sie ist seit dem Jahr 2004 Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in der Akademie Schloss Solitude.

In den Innenräumen der Akademie reihen sich Werkstätten, Ateliers, Bibliotheken, Gemeinschaftsräume aneinander. In der Cafeteria spielt sich das tägliche Leben ab; alle Schlossbewohner treffen sich hier täglich zum gemeinsamen Mittagessen. Jeder Raum ist in sich einzigartig, gestaltet von seinen Bewohnern, jeder eine Art Ausstellungsraum. Doch der Umgang mit der Einzigartigkeit des Gebäudes fällt nicht immer leicht. „Es ist nicht so, dass die Akademie hier eingezogen ist und mit dem Gebäude umgehen konnte oder in jedem Detail planen konnte, was hier gebraucht wird. Die Räume haben auch ein Stück weit den Inhalt vorgegeben und beeinflussen auch das, was hier täglich passiert", erzählt die Pressereferentin.

Ein Ort der Reflexion

„Die Räume beeinflussen zum einen, was hier entsteht. Zum anderen zwingen sie die Künstler aber auch zu reflektieren, wie man mit diesen Räumen umgehen kann. Es sind keine „cleanen" Galerieräume. Die Stipendiaten setzten sich intensiv mit der Raumsituation auseinander, wenn sie hier ausstellen, müssen sie mit und nicht gegen die Räume arbeiten." So entstehen Kunstinstallationen überall, wo auch gelebt wird, beispielsweise an den Wänden eines Flurs oder auf einem Tisch in der Bibliothek.

Ina Ivkovic ließ in der Bibliothek, unter dem Titel „The Whale Graveyard", eine Installation entstehen.| Bild: Paula Longin

Reflexion spielt nicht nur in Bezug auf die Räumlichkeiten eine große Rolle. Denn auch das Miteinander ist zentraler Bestandteil des Alltags im Schloss Solitude.
„Was die Akademie für die Stipendiaten auch als Ort ausmacht ist, dass sie eben nicht nur auf Künstler und Wissenschaftler in ihrer Disziplin treffen. Sie bekommen ganz neue Sichtweisen und Perspektiven auf ihr eigenes Tun. Es gibt hier keine Konkurrenz, sondern ein sich wunderbares Ergänzen", so die Sprecherin. Die Akademie soll ein Ort sein, an dem Menschen und verschiedene Welten auf persönlicher Ebene zusammengebracht werden. Perspektiven sollen nicht nur ausgetauscht, sondern durch Begegnungen neu geschaffen werden.

Was bedeutet die Akademie für Clara Herrmann, ehemalige Stipendiatin und mittlerweile Referentin für das Online Programm der Akademie Schloss Solitude? |Audio: Paula Longin

„Zwischen Öffentlichkeit und Privatem"

Das Haus soll als Kontaktbörse und Projektionsfläche dienen, in dem Projekte ohne Blick auf gesellschaftliche Konventionen umgesetzt werden können. Bei diesen Projekten werden die Künstler von den Mitarbeitern der Akademie unterstützt. „Wir versuchen natürlich die Projekte der Stipendiaten zu fördern und überlegen gemeinsam, wie das Budget, das ihnen zur Verfügung steht, dann auch ausgegeben werden kann. Es kann in eine Veranstaltung fließen oder beispielsweise ein Buch finanzieren; wir haben ja auch unseren eigenen Hausverlag hier, die Edition Solitude." Die Reflexion entsteht hierbei durch das Miteinander und den immer gegenwärtigen Austausch, der innerhalb der Schlossmauern stattfindet. Die Akademie Schloss Solitude will ihren Bewohnern ein Rückzugsort und Freiraum für ihre Kunst und ihr Leben sein – ohne die Zwänge des Alltags. Gleichzeitig wirkt die Akademie aber auch nach außen. Sie ist Ausstellungsort. Regelmäßig lädt man zu Lesungen, Performances, Konzerten und Symposien. „Eine Besonderheit dieses Ortes ist auch das Spiel zwischen Öffentlichkeit und Privatem. Die Stipendiaten müssen hier, genauso wie wir Mitarbeiter, einen Umgang damit finden, wie sie sich in diesen Räumen bewegen", schildert Angela Butterstein das Leben in der Akademie.

Ich bedanke mich für den Einblick hinter die Fassaden des alten Schlosses, interessanten Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern und den Mitarbeitern des Hauses. Ich trete wieder hinaus in den Schlosshof und steige in den Bus Richtung Heimat. Der Ort, an dem alte Mauern täglich auf neuen Zeitgeist treffen, wird langsam in der Ferne kleiner. Ein Ort voller Geschichte, an dem auch in Zukunft weiter Kultur entstehen wird.

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Über den Autor

Paula Longin

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016