Adoption

Angst vor dem Glasgebilde

31.05.2016

Als Kind erfährt die heute 43-jährige Andrea Bergmüller, dass sie adoptiert wurde. Das erste Gespräch mit ihren Eltern bleibt das letzte: Seit 34 Jahren wird in der Familie über das Thema geschwiegen. Mit anderen kann Andrea offen darüber sprechen – auch über die Suche nach ihren Geschwistern.

Auch heute noch erinnert sich Andrea an die prägenden Momente ihrer Kindheit.|Bild: Katrin Nöbauer

Das Kind sitzt auf dem Sofa - den Eltern gegenüber. In seinen Augen spiegelt sich Erstaunen, Entsetzen und Verwirrung. Das Mädchen versteht nicht, was die Eltern ihm sagen wollen. Es versteht die Worte, die sie sagen, aber nicht den Sinn dahinter. Das Mädchen heißt Andrea Bergmüller. Sie ist neun Jahre alt und fühlt sich verloren.

Andrea wächst in einer Kleinstadt in der Nähe von München auf. Sie ist ein glückliches Einzelkind mit liebenden Eltern. Nach der Schule spielt sie oft mit ihren Freunden. Manchmal schauen sie sich Fotoalben mit Babyfotos an. Dabei fällt der kleinen Andrea immer ein Foto besonders auf: Eine Mutter hält ihr Baby im Krankenhausbett stolz in den Armen. Alle ihre Freunde haben so ein Babybild von sich – nur sie nicht. Als sie ihre Eltern nach dem Grund fragt, erhält sie eine Antwort, die die damals Neunjährige aus dem Gleichgewicht bringt: Ihre Eltern sind nicht ihre leiblichen Eltern. Andrea wurde adoptiert.

Das Gespräch mit ihren Eltern wühlt die neunjährige Andrea sehr auf – sie weiß nicht wie sie verarbeiten soll, dass sie adoptiert wurde.

Gemeinsam geschwiegen

Die Geschichte, die Andreas Eltern ihr erzählen, ist mit Schmerz verbunden: Ihre leibliche Tochter ist kurz nach der Geburt gestorben. Wegen Komplikationen kann das Paar keine Kinder mehr bekommen und entscheidet sich deshalb für eine Adoption. Um ihre Eltern nicht an den Tod ihrer großen „Schwester" zu erinnern, spricht Andrea das Thema nicht mehr an – die Familie schweigt darüber. Auch Freunde der Eltern oder Verwandte erwähnen die Adoption nie. Es ist, als stünde ein Glasgebilde im Raum: Jeder weiß davon, doch aus Angst, etwas kaputt zu machen, will es niemand berühren. Andreas Leben geht weiter wie zuvor, innerlich beschäftigt sie das Thema aber noch immer. Während der Pubertät gehen ihr oft Gedanken durch den Kopf, wie: „Du bist doch gar nicht meine Mutter, was hast du mir zu sagen?" Laut sagt sie diese aus Respekt vor dem Verlust ihrer Eltern nie – worüber sie später sehr froh ist. Doch auch das „Revroluzertum", wie sie selbst es nennt, geht irgendwann vorbei. Sie wird erwachsen und findet sich mit der Adoption ab. Es braucht seine Zeit, bis sie mit anderen offen darüber sprechen kann, aber mit der Akzeptanz kommt auch die Offenheit: Es ist ihre Lebensgeschichte – wieso sollte sie diese nicht erzählen, wenn sie danach gefragt wird?

Als Erwachsene kann Andrea offener mit ihrer Adoption umgehen. Hier beschreibt sie diese Entwicklung.

Die Konfrontation mit den Geschwistern

Die Adoption ist für Andrea als Erwachsene längst kein Thema mehr. Doch dann wird sie krank und ihre Ärztin schließt eine Erbkrankheit nicht aus. Sie erklärt, dass beim Jugendamt eine Akte mit Informationen über Andreas leiblichen Eltern vorliegen müsste, in der auch eventuelle Erbkrankheiten aufgelistet sind. Aus der Akte erfährt Andrea jedoch nicht nur die Namen ihrer leiblichen Eltern, sondern auch, dass sie zwei ältere Brüder hat. Es stellt sich heraus, dass Andrea die Erbkrankheit nicht hat. Damit gibt es für sie auch keinen Grund mehr, ihre biologischen Eltern zu suchen, denn kennen lernen will sie sie nicht. Aber Andrea hat nun die Möglichkeit ihre leiblichen Geschwister zu finden. Während sie selbst nicht genau weiß, wie sie mit dieser Situation umgehen soll, ist ihre gute Freundin sofort neugierig. Andrea lässt sich überzeugen und macht sich auf die Suche nach ihren Brüdern. Ihre Freundin unterstützt sie dabei und zahlreiche Anrufe später haben sie Andreas ältesten Bruder Michael gefunden. Seine Frau ist am Telefon und meint, sie hätten diesen Anruf schon erwartet. Ihr Mann Michael sei nur gerade auf einer Motorradtour und komme erst in vier Tagen wieder. Vier Tage später ruft Andrea noch einmal an. Michael sagt ihr, er sei nach dem Anruf seiner Frau, in dem sie ihm von Andrea erzählte, sofort umgedreht und habe sich zwei Tage lang vor das Telefon gesetzt. Er wisse schon immer, dass es sie gäbe, nur eben nicht „wie, was, wo". Die beiden vereinbaren ein Treffen.

Das erste Treffen der Geschwister: Die Situation ist gleichermaßen emotional wie komisch.

Vom Einzelkind zum Dreiergespann

Michael erzählt Andrea, dass ihre leibliche Mutter nicht nur drei, sondern fünf Kinder zur Welt gebracht hat. Die kleine Schwester und der jüngste Bruder sind bei der Mutter geblieben. Da Michael bei den Großeltern aufgewachsen ist, hat er Kontakt zur kleinen Schwester und organisiert ein Treffen mit ihr und Andrea. Die Schwester fragt, ob die Mutter mitkommen darf. Andrea verneint. „Geschwister sind okay, die können ja nichts dafür." Aber ihre biologische Mutter will sie nicht kennen lernen. Durch ihre Schwester lässt sie ihr immerhin ausrichten, dass es ihr gut gehe. Seit dem ersten Treffen vor 13 Jahren hat Andrea lockeren Kontakt zu ihrem Bruder Michael und ihrer kleinen Schwester. Der jüngste Bruder will nichts mit der „Adoptionssache" zu tun haben, aber das akzeptiert Andrea. Von dem anderen, zur Adoption freigegebenen Bruder haben die Geschwister bislang nichts gehört und Andrea denkt auch nicht, dass sich das ändern wird. Sie habe selbst ja auch erst einen kleinen Schubs gebraucht, um sich über ihre biologische Herkunft zu informieren.

Adoptionen in Deutschland
• 2014 wurden in Deutschland 3.805 Kinder adoptiert
• Die meisten Adoptivkinder waren zwischen 1 und 3 Jahren alt
• Auf jedes zur Adoption vorgesehene Kind kamen am Jahresende 7 Adoptionsbewerbungen
• In den letzten 23 Jahren wurden jedes Jahr weniger Kinder adoptiert

Weitere Informationen in der Adoptionsstatistik 2014 des Statistischen Bundesamtes

Andrea bricht das Schweigen

Ihren wirklichen Eltern - den Adoptiveltern - hat sie lange nichts von den Nachforschungen und dem Treffen mit den Geschwistern erzählt. Erst vor kurzem hat sich das bei einem Gespräch mit ihrer Mutter zufällig ergeben: Andreas Mutter erzählt ihr von der Angst, ihre Tochter könnte alleine sein, wenn sie selbst und ihr Mann sterben – immerhin habe sie keine Kinder. Daraufhin erzählt Andrea ihr von ihren Geschwistern und ihre Mutter freut sich für sie. 13 Jahre lang hat Andrea ihr aus Angst vor ihrer Reaktion nichts davon erzählt – nun hat sie das Glasgebilde berührt und es ist nicht zerbrochen. Ihre Sorgen waren letztendlich unbegründet. Beim Familienessen wird das Thema wohl aber auch in Zukunft nicht unbedingt auf den Tisch kommen: „Ich weiß nicht ob meine Mutter auch mit meinem Vater darüber geredet hat, ob sie generell drüber sprechen", bemerkt sie. Für sie sei es generell aber auch nicht wichtig, mit ihren Eltern darüber zu sprechen. Andrea scheint zufrieden zu sein – mit sich, ihrer Familie, ihrem Leben.

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Über den Autor

Katrin Nöbauer

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16