Arbeiten heute

Arbeit 4.0 – individueller, anspruchsvoller, stressiger?

06.12.2016

Das Büro im digitalen Zeitalter ist flexibel, individuell und voller technischer Möglichkeiten. Durch die Digitalisierung ist es möglich, von überall aus zu arbeiten und an Terminen teilzunehmen ohne vor Ort zu sein. Doch wie sieht es mit dem Wohlbefinden der Menschen aus, wenn die Bürokommunikation zunehmend digital stattfindet? Eine Möglichkeit: Coworking Spaces.

Coworking0711 - Hier können Freelancer in einer Gruppe arbeiten| Quelle: Izabella Falon

Ein ganz normaler Tag für Anna Simons, Designerin, Yoga-Lehrerin und Dozentin für Aquarellmalerei. Sie betritt ihr Büro und geht an ihren Arbeitsplatz. Der Raum ist hell und freundlich, hier und da stehen große, grüne Pflanzen. Doch es ist kein gewöhnliches Büro. Hier gibt es keinen Chef oder Abteilungsleiter, keine Hierarchie. Hier ist jeder sich selbst überlassen, selbstständig und teilt sich seine Arbeit individuell ein. Simons fühlt sich hier sehr wohl. „Der größte Vorteil ist, dass du unglaublich frei arbeiten kannst. Du kommst, wann du willst. Du gehst, wann du willst. Keiner hat zu bestimmen, wann du arbeitest." Im Coworking0711 in Stuttgart hat sie ihr Traumbüro gefunden. Laut der aktuellen Studie „Wertewelten Arbeiten 4.0" des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, finden viele Menschen, dass die mobile Arbeit nicht nur positive Aspekte hat, wie beispielsweise Selbstbestimmung, sondern auch negative wie Druck oder soziale Kälte. Besonders das Home Office bietet nicht nur Vorteile, vor allem wenn man Kontakt mit anderen Menschen sucht. Hier kann sich so manch einer schnell einsam fühlen. Doch wo ein Problem ist, findet sich auch eine Lösung: Das Coworking. In diesem Unternehmen herrsche alles andere als soziale Kälte, berichtet Simons.

In den Coworking Spaces steht das Zwischenmenschliche im Mittelpunkt

Die Arbeitsplätze im Coworking0711 sind großräumig und offen gestaltet, jeder Schreibtisch steht direkt neben dem nächsten. Es herrscht eine Atmosphäre der Gemeinschaft und Zusammenarbeit. Kein Wunder, denn die Menschen, die dort arbeiten, tauschen ihre Ideen und Erfahrungen miteinander aus, um sich gegenseitig zu bereichern. Freelancer können sich hier einen Schreibtisch für ein paar Stunden mieten. „Manche bleiben hier Jahre", erzählt Simons. Feste Arbeitsplätze mit einem Rollcontainer sind im Untergeschoss. Diese werden für mehrere Monate oder Jahre vermietet. Oben im Erdgeschoss herrscht ein „kommen und gehen, was auch etwas ganz Tolles ist. Man lernt so viele interessante Menschen kennen", meint Simons. Doch auch hier bleiben einige über Jahre.

Coworking0711

Büroräumlichkeiten des Coworking0711

Wie arbeiten wir heute?

Die heutige Arbeitswelt ist digitaler, anspruchsvoller und flexibler geworden. Ohne Internet und Computer ist es in vielen Unternehmen längst unmöglich geworden, zu arbeiten. Die Kommunikation in Büros findet zunehmend über digitale Kanäle statt. Ein Meeting über „Skype" oder „Teamspeak" ist in vielen Unternehmen Normalität, die Mitarbeiter sitzen sich virtuell gegenüber. Social Media hilft, die Kundenwünsche besser zu identifizieren und ein effizientes Marketing zu betreiben. Gedanken über das Arbeiten in der heutigen Informationsgesellschaft macht sich auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. In einer Studie stellt Bundesministerin Andrea Nahles die gewandelten Werte, Trends und Handlungsoptionen für das Arbeiten 4.0 vor. Nahles ist der Meinung, dass die Individualisierung des Menschen immer mehr im Vordergrund steht: „Wir erleben derzeit einen grundlegenden kulturellen Wandel mit neuen Ansprüchen an die Organisation von Arbeit". Der Arbeitnehmer wird selbstständiger und will mehr in die Organisation und die Prozesse miteinbezogen werden. Gleichzeitig wird dem privaten Leben ein höherer Stellenwert zugeschrieben, denn die Arbeit soll Freiheit, gleichzeitig aber auch soziale Sicherheit verschaffen. Mehr Flexibilisierung bei der Arbeitsgestaltung findet auch Simons gut: „Ich liebe diese Flexibilität".

Chancen und Risiken

Durch die Digitalisierung sind neue Unternehmen entstanden, die es sonst so nie geben würde. Berufe wie z.B. der „Online Redakteur" oder "Social Media Manager" entwickelten sich. Es werden aber auch manche Tätigkeiten durch Computerprogramme ersetzt, und die Menschen werden überflüssig. Vor allem typische Routinearbeiten fallen weg. Kreativität gewinnt an Bedeutung im Arbeitsleben, denn das ist etwas, was die künstliche Intelligenz eben nicht gewährleisten kann. Der Anspruch auf schnelleres Arbeiten und der Druck, sich immer wieder etwas Neues aneignen zu müssen, nimmt zu. Es kann Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes entstehen und das verursacht Stress. Weitere Folgen können Burnout sein, auch emotionale Erschöpfung genannt. Der Psychologe und wissenschaftliche Mitarbeiter Lars Kreissner führte mit anderen Spezialisten des Centers for Disability and Integration der Universität St. Gallen eine Studie durch, in welcher dieses Thema untersucht wurde. Dabei konnte festgestellt werden, dass die Digitalisierung negative Konsequenzen auf die Gesundheit haben kann. Ob und wie stark die Gesundheit beeinträchtigt wird, ist jedoch vom individuellen Umgang mit der Digitalisierung am Arbeitsplatz abhängig.

Der Einfluss der Digitalisierung auf die Gesundheit der Menschen

Ergebnisse der Studie | Quelle: Universität St. Gallen

„Mehr Entscheidungsfreiheit, wie ich meine Arbeit gestalte"

Chancen der Digitalisierung sind unter anderem mehr Freiheit, die Arbeit so zu gestalten, wie man es möchte. Im „Monitor Digitalisierung am Arbeitsplatz" vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gaben 32 Prozent der Befragten an, dass die Digitalisierung ihnen mehr Entscheidungsfreiheit gibt, ihre Arbeit zu gestalten. Die Flexibilisierung am Arbeitsplatz ist ein wichtiger Faktor für die heutige Arbeitsgesellschaft. Dr. Stefan Rief, der am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart arbeitet, ist der Meinung, dass der Wunsch nach flexiblem Arbeiten von den Menschen selbst kommt.

Jeder ist selbst für seine Arbeitsweise verantwortlich

Ausblick in die Zukunft

Der Wandel durch Digitalisierung ist noch längst nicht abgeschlossen. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitsforschung und Organisation, dem auch Rief angehört, wagt einen Blick in die Zukunft. Allgemein werden wir von einer sogenannten „digitalen Aura" umgeben sein und ständig mit neuen Informationen gefüttert, welche uns individualisierte Services ermöglichen. Durch drahtlose Techniken werden zudem neue Arbeitsweisen entstehen und vieles wird erleichtert. Auch in der Zukunft soll das Büro die Schnittstelle zur virtuellen und realen Welt bleiben, die offenen und verbundenen Arbeitsplätze sollen Raum zur Identifikation und Entfaltung bieten. Dank „Smart Room" Technik wird auch kein eigener, fester Arbeitsplatz mehr von Nöten sein, da sich jeder automatisch auf die individuellen Bedürfnisse des Mitarbeiters einstellen kann. In den sogenannten Coworking Spaces sieht neben Simons auch das Fraunhofer Institut einen festen Bestandteil der Zukunft.

„Smart Room"
In solchen Räumen werden um die Mitarbeiter herum Computermonitore, Mikrofone und Anzeigeflächen im Raum aufgestellt. Diese zeigen z.B. Informationen oder Landschaftskarten. Kameras und die Mikrofone beobachten den Nutzer und entwerfen bedienbare Benutzerschnittstellen. Diese gehen automatisch auf den Nutzer ein. So kann der Computer helfen, anstatt nur auf Eingaben zu reagieren.

Weitere Informationen zum Thema
Studie der Universität St. Gallen und zusätzliche Folien
Büroforschung am Fraunhofer Institut in Stuttgart
Coworking0711 Webseite
Smart Room

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Über die Autoren

Anamiga Muth

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2014

Izabella Falon

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2014