Tierschutz

Artgerecht oder Tierquälerei?

23.01.2017

Der Tierschutz ist auch in der Stuttgarter Kommunalpolitik ein Thema: Die Stadträte diskutieren über ein Wildtierverbot für Zirkusaufführungen – begleitet von politischen Aktivisten, die sich für das Wohl der Tiere einsetzen. Kann ein Zirkus tierfreundlich sein?

Die Aktivisten verfolgen die Debatte im Wirtschaftsausschuss.|Bild: Oliver Kube

Im Dezember 2016 beschloss der Wirtschaftsausschuss der Stadt Stuttgart mit knapper Mehrheit ein generelles Wildtierverbot: Neun dafür, sieben dagegen, eine Enthaltung. Dabei dürfen Zirkusse ohnehin seit 2011 keine Wildtiere mehr in Stuttgart auftreten lassen – mit einer Ausnahme: Auf dem Cannstatter Wasen ist es noch erlaubt. Die SPD, die Grünen und die Fraktionsgemeinschaft SÖS-Linke-PluS hatten beantragt, dieser Ausnahmeregelung einen Riegel vorzuschieben.

Vor Beginn der Sitzung demonstrierte die Linksjugend Solid (parteinaher Jugendverband der Linken) für das Verbot. Ihrem Aufruf folgten nur eine Hand voll Aktivisten, was die Linksjugend vor allem auf die Uhrzeit zurückführte – 8 Uhr morgens. „Tiere können ebenso wie Menschen Schmerz empfinden", sagt die 29-jährige Aktivistin Elisabeth. „Es ist ein Verbrechen, wenn Tiere gequält werden." Elisabeth denkt dabei über lokale Verbote hinaus: „Biosiegel bei Lebensmitteln und Wildtierverbote reichen nicht, da in unserer Gesellschaft der Profit im Vordergrund steht. Wir müssen den Kapitalismus abschaffen." Doch davon sind die jungen Aktivisten weit entfernt, weshalb sie sich auch im Kleinen engagieren – und sei es in der Kommunalpolitik. Nach ihrer Aktion verfolgten sie die Debatte der Stadträte.

Berufsfreiheit vs. Würde der Tiere

Die Verwaltung bezweifelte, dass ein Wildtierverbot einer möglichen Klage vor Gericht standhalten würde. Die SPD verwies darauf, dass der Tierschutz seit 2002 als Staatsziel im Grundgesetz verankert ist. Joachim Rudolf (CDU) zeigte kein Verständnis für den Antrag: „Wir betrachten das aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten." Stuttgart habe außerdem schon viel für den Tierschutz getan. „Wir müssen hier keine Vorreiterrolle übernehmen", so Rudolf. Christoph Ozasek (SÖS-Linke-PluS) widersprach: Man könne kaum von einer Vorreiterrolle sprechen, da bereits über 70 Städte ein generelles Wildtierverbot eingeführt hätten.

Pro Wildtierverbot: „In Buchen kam es im vergangenen Jahr durch einen entflohenen Elefanten zu einem Todesfall."

Kontra Wildtierverbot: „Ich gehe davon aus, dass Zirkusleute von diesen Tieren abhängig sind."

„Tiere gehören zum Zirkus dazu", findet Rose von Stein von den Freien Wählern und erntet „Buh!"-Rufe und ein lautes „Töröö!" aus dem Publikum. Sie kritisierte außerdem die Verwendung des Wortes „artgerecht" als willkürlich. Andreas Winter (Grüne) betonte, es gehe nicht nur um die Auftritte an sich, sondern auch um die Reisebedingungen. Hinsichtlich der rechtlichen Bedenken der Verwaltung stellte er klar: „Wir halten alle bestehenden Verträge ein." Bernhard Klingler (AfD) gab sich als leidenschaftlicher Tierfreund, sprach sich aber dennoch gegen das Verbot aus, denn das hätte „null Komma null Wirkung". Hin- und hergerissen war FDP-Stadträtin Sibel Yüksel. Die Tiere würden einerseits nicht artgerecht gehalten, andererseits gelte die Berufsfreiheit – daher enthalte sie sich. Der Gemeinderat muss den Beschluss Anfang 2017 noch bestätigen, das Verbot soll ab 2019 gelten.

Zirkusmacher und Jäger bezeichnen sich selbst als Tierfreunde

Laut einem Bericht der Stuttgarter Zeitung gab Zirkusmacher Henk van der Meijden Entwarnung: Er bedaure die Entscheidung, der vom Verbot betroffene Weihnachtszirkus werde jedoch weiterhin in Stuttgart stattfinden. Tierschutzorganisationen wie PETA und Wildtierbefürworter wie das „Tiere gehören zum Zirkus"-Bündnis blieben der Sitzung fern. Dabei könnten die jeweiligen Positionen nicht klarer sein – und kaum gegensätzlicher. PETA streitet für ein „vollumfängliches Verbot von Tieren im Zirkus". Das „Tiere gehören zum Zirkus"-Bündnis wirft den Tierschützern einen „fanatischen Eifer" vor. In Wahrheit würden die Tiere sehr wohl artgerecht gehalten werden und zeigen „zahlreiche Anzeichen des Wohlbefindens". Dass sich Zirkusbetreiber – und sogar Jäger – oft selbst als Tierfreunde verstehen, ist nichts Neues. Elisabeth kann darüber nur den Kopf schütteln: „Menschen sind oft komisch. Wenn so jemand sagt, er wäre ein Tierfreund, dann versucht er sich einfach die Situation schönzureden. Auch wenn sie das Tier nicht nur quälen sondern ab und zu auch mal verwöhnen, ändert das doch nichts an der Tatsache, dass es leidet."

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Über den Autor

Oliver Kube

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016