Therapie für Flüchtlingskinder

Auf dem Pferderücken in ein neues Leben

05.05.2017

Zuerst der Krieg, dann die Flucht, danach der Neuanfang im fremden Land. In einer Pferdetherapie lernen die Kinder geflüchteter Familien, diese Erlebnisse zu verarbeiten. Die Studentinnen Susann Striebel und Fiona Osman organisieren das Projekt gemeinsam mit ihrer Professorin Konstanze Krüger.

In der Therapie entwickeln die Kinder Selbstvertrauen – das Therapiepferd Mogli hilft ihnen dabei. | Foto: Anja Keinath

Die Kinder spielen Fangen, lachen und kreischen während sie auf ihre zweite Therapiestunde auf dem Sonnenhof warten. Die Studentinnen Susann Striebel und Fiona Osman versuchen sie zu beruhigen. Doch die Vorfreude ist riesig und so bleibt es laut auf dem Pferdehof. Die Therapeutin Ursula Bretz begrüßt die Kinder – endlich geht es los. Als diese das Therapiepferd Mogli erblicken, strahlen sie über das ganze Gesicht und ihre Augen leuchten.

Vom Hochschulprojekt zum Ehrenamt

Susann Striebel studiert Pferdewirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen. Sie engagiert sich bereits seit zwei Jahren in der Flüchtlingshilfe. „Da kam mir die Idee, mein Studium mit der Flüchtlingshilfe zu vereinbaren" sagt die Studentin. Sie berichtete ihrer Professorin Konstanze Krüger von ihrem Plan: Eine pferdegestützte Therapie für Flüchtlingskinder. Aus der Idee entstand ein Projekt für das Sommersemester 2016. Daraufhin engagierten sich viele Studierende – auch Fiona Osman schloss sich der Initiative an. Im Wintersemester 2016 endete das Hochschulprojekt mit den ersten Therapiestunden im Hippotherapiezentrum in Scharnhausen. Susann Striebel, Fiona Osman und Prof. Dr. Konstanze Krüger setzten ihre Arbeit trotzdem fort. Seit Herbst 2016 engagieren sie sich nun ehrenamtlich für das Projekt. Sechs Kinder aus Syrien und Serbien besuchen seitdem die Therapie auf dem Sonnenhof in Ebersbach. Jeden Dienstag holen die Studentinnen die Flüchtlingskinder von der Schule ab, begleiten sie zur Therapie und bringen sie anschließend wieder nach Hause.

Fiona Osman und Susann Striebel setzen sich gemeinsam für die Kinder ein. | Foto: Anja Keinath

„Es geht einfach darum, diesen Kindern Selbstvertrauen mitzugeben."

Die Kinder haben Schreckliches erlebt – sie müssen die Erfahrungen von Krieg und Flucht verarbeiten und sich in ihrem neuen Zuhause zurechtfinden. „Wenn Menschen in eine Situation geraten, die sie selbst nicht kontrollieren können, wie beispielsweise Flucht, kann ein Trauma entstehen", sagt Ursula Bretz. Sie ist die Therapeutin in dem Projekt.
In der Pferdetherapie geht es darum, die Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen und ihre Persönlichkeit zu stärken. Dabei helfen ihnen Therapiepferde: Mit jeder Unsicherheit, die die Kinder vor dem Pferd überwinden, stärken sie ihr Selbstbewusstsein. Die Reitstunden sind zugleich eine Verhaltenstherapie. Die Kinder lernen sich in einer sozialen Gemeinschaft zu verhalten, Emotionen auszudrücken und verbessern ihre Sprachkenntnisse.

Einblick in die Therapiestunde

Jedes Kind darf auf dem Pferd im Schritt und Trab eine Runde drehen. Währenddessen spielen die anderen Kinder „Komm mit, lauf weg" und bringen Leben in die Reithalle. | Fotos: Anja Keinath

„Das Projekt am Leben erhalten"

Susann Striebel und Fiona Osman hoffen, dass sie die Therapie auf dem Sonnenhof auch in Zukunft fortsetzen können. Jedes Kind soll so lange therapiert werden, bis es nicht mehr auf die Unterstützung der Pferde angewiesen ist.
„Seitdem die große Flüchtlingswelle vorbei ist, verteilt sich das Engagement mittlerweile auf den Schultern weniger Ehrenamtlicher", sagt Susann Striebel. Beide wünschen sich von ihren Mitmenschen mehr Einsatz in der Flüchtlingshilfe. „Es geht vor allem darum, eine persönliche Bindung und Vertrauen zu den Menschen aufzubauen", betont Susann Striebel.

Das Erlebte verarbeiten

„Ob die Kinder ein Trauma haben, wird sich in der ersten Zeit nach der Flucht nicht herausstellen. Es geht darum, den Kindern eine Situation zu bieten, in der sie sich wohlfühlen", sagt Ursula Bretz. Erst, wenn sich die Kinder wohlfühlen, werden sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen können und lernen, mit diesen umzugehen.

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Über den Autor

Anja Keinath

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017