Wissenschaft und Religion

Auf den Spuren der Seele

23.05.2016

Wir alle tragen sie in uns. Wir alle wissen, dass es sie gibt. Sie fasziniert uns. Das haben wir gemeinsam. Die Bilder vor unserem inneren Auge unterscheiden sich jedoch voneinander. Denn wir wissen nicht genau, was sie tatsächlich ist: die menschliche Seele. Für redaktionzukunft sind wir den Spuren der Seele in Wissenschaft und Religion gefolgt, haben Experten befragt und Antworten gefunden.

Licht, Wasser und Geist. Die Assoziationen zur Seele sind vielfältig. Der Himmel über dem Kölner Dom könnte eine davon sein.|Bild: Jannika Quaas

Wie stellen sich Passanten auf dem Stuttgarter Marienplatz die Seele vor? Wir haben nachgefragt.

Das Wort Seele fällt oft im Alltag. Und das, obwohl wir nicht einmal genau wissen, was es eigentlich mit der Seele auf sich hat. Sigmund Freud hat die Seele erforscht, Jane Austen über Seelenverwandtschaft und Daniel Defoe über verirrte Seelen geschrieben. Viele große Persönlichkeiten haben sich in der Vergangenheit mit der Seele beschäftigt und doch wenig herausgefunden.

Modernere Romane handeln bereits von außerirdischen Seelen, die sich in den Menschen einnisten. Oder sie fragen nach den Seelen von Untoten und Verfluchten. Für die einen ist Seele klar greifbar: Eine silbrig wabernde Substanz, die man anfassen und transplantieren kann. Für andere ist sie unsichtbar, substanzlos und lediglich erkennbar durch ihre Auswirkungen im menschlichen Körper.

Technik und Wissenschaft sind aber viel weiter als zu Freuds Zeiten. Was hat sich inzwischen verändert? Gibt es mittlerweile Antworten auf die Frage: Was ist die Seele? Was passiert mit der Seele nach dem Tod?

Wortherkunft Seele
Das Wort Seele stammt ursprünglich vom mittelhochdeutschen „sele" und althochdeutschen „se(u)la" ab. Das bedeutet „die zum See Gehörende". Nach germanischem Glauben lebten die Seelen der Ungeborenen und Toten im See. Weitere Informationen findest Du hier.

Seele – ein Weltenwunder?

„Die Seele eines Menschen ist die Summe all seiner Lebendigkeit. Sie ist alles, was den Menschen ausmacht. Seine Erfahrungen, Erinnerungen, Taten und Worte", antwortet Pfarrer Eberhard Schwarz von der Stuttgarter Hospitalkirche. Die Seele könne der Mensch an keinem bestimmten Ort im Körper definieren. „So wie der Mensch sich ständig weiterentwickelt, entwickelt sich die Seele mit jedem gelebten Tag weiter. Sie ist ein Weltenwunder."


Der Seelenbegriff in den Weltreligionen

Interessierst Du dich besonders für eine Religion? Fahre mit der Maus über das Symbol, um mehr zu erfahren. |Grafik: Jannika Quaas via ThingLink

Neurobiologen sehen das anders. Sie stehen zwar im engen Dialog mit der Philosophie, beschreiben Seele aber näherungsweise als Geist oder Psyche. Ein Stuttgarter Experte erklärt das Dilemma: „Das größte Problem ist, dass wir die Seele mit naturwissenschaftlichen Beschreibungen schwer erfassen können. Denn es ist aus dieser Perspektive unmöglich, dass etwas Materielles, wie der Leib, mit etwas Immateriellen, wie der Seele, interagieren kann. Doch genau diese Interaktion wäre nötig, wenn die Seele so aussehen würde, wie in Religion und Philosophie beschrieben."

Seele in der Philosophie
Der Dualismus Leib-Seele, den unser Experte hier anspricht, bezeichnet das Problem der Beziehung zwischen Körper und Seele. Für Philosophen ist die Seele unsterblich und hat deshalb Vorrang vor dem Körper. Der Körper ist dagegen sterblich. Er könne seine Verbindung mit der Seele nur begrenzt aufrechterhalten. Der Tod kennzeichne die Trennung von Leib und Seele. Die Seele entweicht dem philosophischen Verständnis nach an einen überirdischen Ort oder entströmt, wie ein feiner Hauch (pneuma), dem Körper.

Ort des Bewusstseins

Deshalb verstehen Neurobiologen die Seele auch als eine Funktion des Gehirns: „Man selbst nimmt sie als Anpassungszentrum des Gehirns wahr, in dem alle Informationen gesammelt und verarbeitet werden", meint der Experte. Das Rätsel um die Seele könne aus wissenschaftlicher Sicht niemals gelöst werden: „Es ist naturwissenschaftlich gesehen einfach außerhalb des Erklärungsbereichs."

Buddhisten trennen ebenfalls Körper und Seele. Sie seien nicht Teil derselben Wesensart. „Was wirklich benennt und erkennt ist der Geist und damit die Gedanken und das Bewusstsein – nicht der Körper", macht Peter Laux, Gründer des buddhistischen Zentrums Sumati Kirti, in Bad Cannstatt deutlich. Die Seele stellt er sich nach der buddhistischen Lehre als joghurtähnliche Substanz vor: „Wir Buddhisten verstehen unseren Geist als Seele. Der Geist ist anfangslos, nicht messbar und ständig im Fluss."

Ist die Seele eine Hirnfunktion?

Für den systemischen Therapeuten Frank Baßfeld aus Stuttgart ist das Besondere an der Seele die Mischung aus Gedankenwelt, Gefühlswelt und Körperwahrnehmungswelt des Menschen. „Wahrnehmen kann ich die Seele in der Therapie durch Gestik und Mimik des Betroffenen oder durch sein Schmerzempfinden. Für mich unsichtbar ist jedoch der Teil seiner Seele, der sein Bewusstsein, seine Intuition und Reflexion ausmacht." Gerhard Roth, einer der führenden deutschen Neurobiologen behauptet dagegen, die Seele sei lediglich eine Hirnfunktion. „Einen Hirnforscher wie ihn würde ich fragen, wo im Gehirn die Seele denn sein soll. Das soll er erst einmal beweisen", so Frank Baßfeld.

Frank Baßfeld zu „Was macht ein systemischer Therapeut?"
„Als systemischer Therapeut erkenne ich gemeinsam mit dem Klienten, Rahmenbedingungen, Abläufe und Beziehungsmuster in seinem Beziehungsumfeld. Diese sichtbar, spürbar und hörbar zu machen, neu zu verstehen, zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern gehören zu meinem Aufgabengebiet."

Viele Menschen stellen sich vor allem die Frage: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wird die Seele wiedergeboren?

Leben nach dem Tod

Pfarrer Eberhard Schwarz ist skeptisch: „Wiedergeburt ist aus christlicher Sicht kein überzeugendes Thema, da sie die Spaltung von Leib und Seele voraussetzt. Lebendigkeit ohne Leiblichkeit – das ist nicht möglich. Das, was den Menschen ausmacht, geht nicht verloren. Es wird bei Gott geborgen." Für einen Neurobiologen, der Seele lediglich als Hirnfunktion versteht, ist die Antwort einfach: „Die Seele stirbt mit dem Gehirn."

Hindus und Buddhisten, wie Peter Laux, glauben dagegen an einen Kreislauf aus Wiedergeburten – den Reinkarnationen. „Ja, mein Körper stirbt. Aber mein Bewusstsein geht weiter. Deshalb ist der wichtigste Zeitpunkt in einem buddhistischen Leben das Sterben. Die Art deiner Gedanken bestimmt, wo deine Seele danach hingeht. Ob du als Tier wiedergeboren wirst oder sogar den Endzustand der Erleuchtung erlangst." Ein Leben nach der Lehre Buddhas, dem Dharma, soll Buddhisten auf diesen Zeitpunkt vorbereiten und ihnen neue Wege ebnen. Meister der Lehre Buddhas können während der Meditation angeblich sogar ihren Körper verlassen, mit ihrem Geist umherreisen und mit ihren Schülern kommunizieren. „Buddha lehrt uns aber, dass selbst die Reinkarnationen nur Spiegelungen des Geistes sind. Die Wahrheit erkennst du erst mit der Erleuchtung."

Antworten finden

Was also ist die Seele? Was passiert mit ihr nach dem Tod? Aus Wissenschaft und Forschung erwachsen ständig neue Erkenntnisse. Vielleicht entdeckt ein Neurowissenschaftler in der Zukunft den Ursprung der Seele im bisher ungenutzten Teil des Gehirns. Vielleicht bleibt das Rätsel um die Seele aber auch ungelöst. Unsere Experten haben uns einige Anregungen mitgegeben. Wir können sie weiterverfolgen oder es bleiben lassen.

Fest steht: Die Seele selbst lässt sich nicht auf eine Definition festnageln. Sie kann die silberne Flüssigkeit in einem Science-Fiction-Film sein, der vorbeiziehende Windstoß im Park oder der letzte Atemhauch eines Sterbenden. Was sie ist, entscheidest Du.

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Über die Autoren

Jannika Quaas

Crossmedia-Redaktion/Public-Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016

Irina Steck

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
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