Meditation

Auf der Suche nach der inneren Mitte

15.12.2016

Sind Entspannungs- und Meditationsformen esoterischer Humbug, oder helfen sie wirklich dabei sich zu entspannen und Stress abzubauen? Ein Selbstversuch.

Mit Hilfe von Entspannungsformen, wie der chinesischen Heilgymnastik Qi Gong, versuchen immer mehr Menschen zu sich zu finden. | Foto: Sina Götz

Meine Hände kribbeln und meine Füße fühlen sich angenehm warm an, obwohl ich nur in Socken auf meiner Gymnastikmatte stehe. Ich atme tief ein und langsam aus und spüre meinen Atem bewusst. Ich richte meine Gedanken auf meine Hände, die ich gerade in einer Ruderbewegung nach vorne führe. Langsam entspanne ich mich, merke wie der Stress der letzten Wochen von mir abfällt. Seit zwanzig Minuten habe ich meine Augen geschlossen und lausche der leisen aber klaren Stimme unserer Qi Gong Lehrerin Jutta. Bis vor einer halben Stunde hätte ich nicht gedacht, dass ich mich darauf einlassen würde.

Qi Gong eignet sich für Anfänger

In unserer heutigen Stressgesellschaft werden Meditationsformen jeglicher Art immer beliebter. Doch helfen Yoga und Co wirklich die innere Ruhe wieder zu finden? Skeptiker sagen Nein, Befürworter schwören auf die entspannende Wirkung der Worte. Qi Gong ist eine dieser Praktiken. Schon seit hunderten Jahren wird diese Art der Heilgymnastik, die aus der traditionellen Medizin Chinas stammt, praktiziert. „Sie eignet sich besonders für Meditationsanfänger", sagt Kursleiterin Jutta Scheuffelhut. „Durch die starken visuellen Vorstellungen bei den verschiedenen Übungen können auch Einsteiger schon beim ersten Mal eine Entspannung fühlen." Durch bewusste Atmung, wiederholenden Bewegungsübungen und Meditation soll es gelingen das Qi, die Lebensenergie, zu wecken und Stress abzubauen. Dabei kommt es auch auf die regelmäßige Übung an. „Der Körper gewöhnt sich an Rituale und weiß aufgrund der Bewegung mit der Zeit, dass Entspannung folgt", sagt Scheuffelhut. Geübte können sich deshalb auch in lauter Umgebung entspannen.

Angenehmes Licht durchflutet den Kursraum, obwohl an diesem grauen Novembertag nur selten die Sonnenstrahlen ihren Weg durch die Wolken finden. Wir stehen in Socken auf den blauen Gymnastikmatten. Leise Entspannungsmusik strömt aus den großen Lautsprechern. Normalerweise dröhnen die lauten Beats der Zumbakurse aus den Boxen. Doch heute ist es ruhig im Gym 2. Meditationskurse werden häufig auch in Fitnessstudios angeboten. „Die Nachfrage wird immer größer", erklärt Studioleiter Christian Butz vom Turnverein Augsburg.

Die Kursteilnehmerinnen beschreiben, was Qi Gong für sie ausmacht

Meine Gedanken schweifen anfangs immer wieder ab

In der ersten Übung sollen wir unseren Atem harmonisieren. „Löst eure Zunge vom Gaumen, um richtig und frei atmen zu können", sagt Jutta leise aber klar. Während ich mich auf meine Atmung konzentriere, schweifen meine Gedanken immer wieder ab: Was mache ich heute noch, wie lange habe ich meine Augen wohl schon geschlossen? Ich möchte mich konzentrieren, aber noch funktioniert es nicht. Bei der nächsten Übung sollen wir uns vorstellen wie wir unsere Füße in den Sand vergraben und unsere Knie ein wenig senken. „Durchgestreckte Knie rauben uns Energie", erklärt uns Jutta. Ich erschrecke. Ich spüre ihre Hand auf meinen Knien, die sie nun langsam nach unten drückt. „Entspannt euch und lasst euch drauf ein".

Jutta Scheuffelhut ist vor sechzehn Jahren nach einem schweren Skiunfall zur Meditation gekommen. Monatelang musste sie an Krücken gehen und durfte ihre Muskeln nicht belasten. Eine Qual für die begeisterte Sportlerin. Ihre innere Ruhe fand sie in fernöstlichen Meditationsformen. Die selbstständige 55-Jährige gibt in Fitnessstudios und bei sich zu Hause Kurse. Besonders oft kommen Frauen zu ihr, weil Männer der Esoterik meist skeptisch gegenüber stehen. „Der Anspruch an das Leben wird für alle größer", erklärt sie. Das kann auch Allgemeinmediziner Dr. Robert Glötzinger bestätigen: „Meine Patienten sind immer gestresster, das hat in den letzten Jahren stetig zugenommen". Er sieht Entspannungsübungen wie Qi Gong als gute Begleittherapie. „Da dabei der Blutdruck und der Puls sinken, ist das für jeden gestressten Patienten empfehlenswert", erklärt der Mediziner.

Es ist so ruhig, dass ich sogar die Uhr laut ticken und das Wasser leise in den Leitungen rauschen höre. Als kurz die Sonne in den Raum scheint, spüre ich die Strahlen auf meiner Haut. Plötzlich konzentriere ich mich nur noch auf mich und meinen Körper. „Stellt euch vor ihr rudert über einen großen See", spricht Jutta leise. Sie steht vor uns und führt mit den Armen Ruderbewegungen aus. Zehnmal wiederholen wir diese Übung und mit der Zeit merke ich, wie ich mir tatsächlich einen großen blauen Gebirgssee, in dem sich die Sonnenstrahlen spiegeln, vorstelle. Das ist der Punkt, an dem mir klar wird, dass ich mich tatsächlich entspanne.

Einblick in eine Qi Gong Stunde

Meditation ist mehr als ein Placebo-Effekt

An der Universität Gießen untersucht der Psychologe und Neurowissenschaftler Dr. Ulrich Ott die Auswirkung von Meditation auf den menschlichen Körper. Der weltweit anerkannte Meditationsforscher und Autor des Buches „Meditation für Skeptiker" ist sich sicher: „Meditation wirkt und zwar deutlich stärker als ein Placebo-Effekt." In einem früheren Interview erklärte er: „Wenn es Ihnen gelingt, die hektische Betriebsamkeit der Gedanken zu beruhigen und die Aufmerksamkeit an die Atmung, Körperempfindungen oder ein Wort oder eine Silbe zu koppeln – so ein Wort nennt man „Mantra" -, dann können Sie in der Regel beobachten, dass die Atmung sich von selbst verlangsamt und vertieft, Herzrate und Blutdruck sinken, Muskelspannung und Schweißdrüsenaktivität nehmen ab." Das sei das typische Bild einer Entspannungsreaktion. Die elektrische Aktivität des Gehirns zeige langsamere und stärker synchronisierte Wellen.

„Nun öffnet die Augen und sammelt eure Energie vor eurer Körpermitte", sagt Jutta ruhig. „Tretet aus der Übung und startet mit neuer Energie in den Tag". Mit einem großen Schritt nach vorne beende ich meine erste Qi Gong Stunde. Meine Hände kribbeln und meine Füße sind angenehm warm. Ob es wirklich das Qi ist, weiß ich immer noch nicht. Aber eins ist klar: Ich fühle mich tatsächlich entspannt.

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Über den Autor

Sina Götz

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016