Trauerbegleiter

Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt

23.05.2016

Was macht man, wenn der über Alles geliebte Mensch stirbt? Wenn man plötzlich alleine ist? Sich Mitmenschen hilflos abwenden, weil sie mit der Trauer nicht umgehen können, mehr noch, versuchen sie zu verschweigen? Dann können Trauerbegleiter helfen. Das Porträt eines außergewöhnlichen Berufs mit außergewöhnlichen Menschen.

Trauerbegleitung als Lebensbegleitung. |Bild: Simona Kelz

„Ich hatte kein ’Ich’ mehr", erzählt der 74-jährige Klaus Thiel. „Und ich war, so komisch wie das jetzt klingt, beleidigt. Wieso passiert mir so etwas?" Diese Gedanken beschreibt der Rentner nach dem Tod seiner Frau. „Meine Frau hatte Parkinson und ich habe sie über zehn Jahre zu Hause betreut, so nach und nach gibt man alles andere im Leben auf. Beruf, Hobbys und Freunde – das rückt in den Hintergrund." Wenn dann die geliebte Person stirbt, hinterlässt das eine große Lücke.

Eine innere Leere, das Gefühl „gelähmt" und nicht mehr sich selbst zu sein – so beschreibt Klaus Thiel die Trauer. „Trauer kann aber die unterschiedlichsten Fassetten haben", erklärt die 61– jährige Elisabeth Kunze, evangelische Pfarrerin, Trauerbegleiterin und Leiterin des Hospizes Stuttgart. „Jeder Mensch empfindet Trauer anders." Eines haben die Menschen, die Hilfe bei Trauerbegleitern suchen, jedoch immer gemeinsam: Ihr Leid ist außerordentlich groß und sie fühlen sich damit allein.

Elisabeth Kunze-Wünsch über die verschiedenen Formen der Trauer

Verschwiegene Trauer

Doch warum suchen diese Menschen überhaupt den Kontakt zu Trauerbegleitern und nicht Hilfe im eigenen Umfeld, bei Freunden oder Bekannten?

Klaus Thiel sieht den Grund vor allem in der eigenen Betroffenheit der Menschen im nächsten Umfeld. „Meine Söhne haben eine geliebte Person verloren – ihre Mutter. Auch sie trauerten." Außerdem waren sie die Tränen und Trauer von ihrem sonst so starken Vater nicht gewohnt. „Sie mussten erst einmal lernen, mit der neuen Situation umzugehen."

Freunde oder Bekannte dagegen können laut Kunze-Wünsch nicht mit den neuen Verhältnissen umgehen. Für sie geht nach einiger Zeit der normale Alltag weiter – ganz im Gegensatz zum Trauernden. Sie können den äußerst kraftzehrenden und langwierigen Trauerprozess deshalb nicht nachvollziehen und distanzieren sich. Dabei wäre genau in dieser Phase des Lebens ihre Unterstützung am wichtigsten. Hier beginnt die Arbeit des Trauerbegleiters.

In einen neuen Lebensabschnitt begleiten

Der erste Kontakt entsteht bereits kurz nach dem Tod des geliebten Menschen. Die Trauernden werden durch Empfehlungen auf die Begleiter aufmerksam und suchen den ersten Kontakt. Trauerbegleiter, Myroagogen, können ehrenamtlich oder hauptberuflich arbeiten.

Im Hospiz Stuttgart gibt es neben der Einzelbegleitung auch Trauergruppen. Ein Jahr lang finden regelmäßig Treffen zu unterschiedlichen Themen statt. „Die Abende sind rituell eingerahmt und laufen immer gleich ab.", erklärt die 77-jährige Bodil Engelbreckt, die im Hospiz Stuttgart als freiwillige Trauerbegleiterin arbeitet. Jede Sitzung beginnt mit einer Runde Butterbrezeln und einer kurzen Mediation um die Teilnehmer im Innersten „abzuholen". Dann geht ein Gesprächsstein von Hand zu Hand und jeder hat die Chance zu Wort zu kommen. In den Gesprächen geht es um die neue Alltagsstruktur oder wie man den ersten Todestag gestaltet. „Es ist erstaunlich wie alle zehn Teilnehmer ihren Platz in der Runde finden. Ich greife nur manchmal ein, um zurück zum eigentlichen Thema des Abends zu führen."

Der Gesprächsstein - nur wer den Stein hat, spricht. |Bild: Simona Kelz

Obwohl es diesen strukturierten Rahmen gibt, ist keine Sitzung gleich, kein Treffen vorhersehbar. „Jeder Mensch trauert individuell", erzählt die ehrenamtliche Trauerbegleiterin. „Wir können den Menschen keine Ratschläge oder eine ‚Traueranleitung‘ geben. Wir können ihnen aber Mut machen, sich für die Trauer zu öffnen und ein eigenes Konzept zu finden."

Das beschreibt auch der hauptberufliche Trauerbegleiter Hermann J. Bayer. Der 65-jährige Sozialpädagoge hat sich 1999 selbstständig gemacht und arbeitet seitdem in der Einzelbegleitung. „Das ist ein Prozess, bei dem ich von außen auf die Person einwirke und dabei trotzdem „Hermann Bayer" bleibe." Der Sozialpädagoge sieht seine persönliche Aufgabe darin, Menschen in einen neuen Lebensabschnitt zu begleiten.

Hermann J. Bayer über seine Arbeit: „Trauerbegleitung ist Alltagsbewältigung."

Auf die Frage nach der Motivation für seinen Beruf lächelt Hermann Bayer. „Man bekommt so viel zurück." Für ihn hat sich durch seine Arbeit die Wahrnehmung der Begrenzung verändert. „Die Arbeit mit der Trauer fördert die Lebendigkeit. Es macht mein Leben ganz." Es können sich durch die Begegnung mit Trauernden auch tiefe Freundschaften entwickeln. Das hat der Sozialpädagoge am eigenen Leib erfahren.

Hermann J. Bayer: „Aus der Trauerbegleitung können auch wertvolle Freundschaften entstehen."

Der Weg zurück in den Alltag

Klaus Thiel hat auch heute noch, eineinhalb Jahre nach dem Tod seiner Frau, einen sehr intensiven Kontakt zu seiner Trauerbegleiterin. Der freiberufliche Journalist hat mit ihrer Hilfe einen ganz besonderen Weg zurück in das Leben gefunden. Thiel hat ein Buch geschrieben. Sein persönliches Trauertagebuch. Er beschreibt darin das Gefühl und den Prozess der Trauer sowie seine persönlichen Erfahrungen und den Weg zurück in den Alltag. „Ich hatte auf einmal wieder eine Aufgabe, einen Sinn im Leben. Ich fühlte mich wieder gebraucht." Bald ist es fertig, dann stellt er es seiner Begleiterin für ihre weitere Arbeit zur Verfügung. Als Hilfe für neue Trauernde .

Das Verschwiegene durchbrechen – Tipps von Trauerbegleitern im Umgang mit Trauernden
• Keine Angst vor Banalem – bewusst Alltagssituationen mit in die Gespräche einbeziehen
• Trauernden Zeit geben – nicht davon ausgehen, dass die Trauer irgendwann abgeschlossen sein sollte
• Vor allem im Alltag unterstützen – das „Begleiten" den Therapeuten überlassen
• Den Trauernden auch an den eigenen Gedanken und Gefühlen teilhaben lassen
• Bewusst auch noch nach Monaten nach dem Befinden fragen

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Über den Autor

Simona Kelz

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 15/16