Sensations-Demenz

Aus dem Titel, aus dem Sinn

22.06.2016

Griechenland, die Krim, Snowden – Themen, die einst wochenlang unsere Schlagzeilen bestimmen, verschwinden häufig in den Tiefen der Berichterstattung und damit aus unseren Köpfen. Auch die Meldungen rund um den Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch ereilt dieses Schicksal. Warum wir einstige Sensationen vergessen und was von ihnen bleibt.

Der Medienfokus prägt das Weltbild |Bild: Philip Gutcke

Vergessen wir wirklich einstige Titelthemen? Wir haben nachgefragt

Es ist Dienstag der 23. April 2013, als an einem achtstöckigen Gebäude in Sabhar, Bangladesch, Baumängel festgestellt werden. Um 8:45 Uhr am Tag darauf stürzt das Gebäude ein. Mehr als 3.000 Menschen werden im Bauschutt begraben.

Die Bilder der Textilfabrik Rana Plaza gehen um die Welt. „Unter den Trümmern rufen verschüttete Opfer nach Wasser und Hilfe", berichtet die Tagesschau bereits wenige Stunden später. Der mediale Aufschrei ist groß. Immer wieder tauchen die Namen von deutschen Textilfirmen auf. „Das Unglück muss ein Weckruf sein" titelt die TAZ wenige Tage nach dem Einsturz. Ein Ruf dem viele folgen. Anteilnahme und Wut ziehen sich durch die Social Media. „Bangladesch ist zwar weit weg, aber unsere Kleidung ist uns sehr nah", schreibt ein Nutzer auf Facebook.

Diese Nähe ist einer der Nachrichtenwerte, die jene Aufmerksamkeit der Mediennutzer weckt. Das sagt auch Dr. Marko Bachl, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim in Stuttgart: „Bangladesch ist da ein gutes Beispiel. Durch die Textilfirmen kann ein Bezug zu Deutschland hergestellt werden. Und das ist wiederum interessant für die deutsche Berichterstattung. Der Einsturz bietet da auch sehr eindrückliche Bilder für die visuellen Medien."

Anfang vom Ende

Bilder, die nicht lange bleiben. Keinen Monat später flaut die Berichterstattung um das Rana Plaza ab. Und damit auch das Interesse der Menschen. Bachel meint: „Wenn uns Dinge nicht persönlich betreffen, erinnern wir uns meist nur an Sachen, die vor kurzem passiert sind und die werden dann sozusagen wieder überschrieben, wenn wir länger nichts mehr davon hören."

In der Kommunikationswissenschaft steht dieser Vorgang im Zusammenhang mit dem sogenannten Agenda Setting. „Die Grundlage der Theorie lässt sich am besten mit dem Zitat beschreiben, dass Medien zwar keinen großen Einfluss darauf haben, was wir denken, aber worüber wir nachdenken", so Bachl.

Agenda Setting? Das Sagen die Zahlen im Fall Bangladesch

Verantwortung der Medien

Sind die Medien dann verantwortlich, dass einstig relevante Themen aus unserem Fokus verschwinden? „Ein Einfluss ist sicher gegeben", sagt der Kommunikationswissenschaftler. „Wenn alles zu einem Thema gesagt wurde und keine neuen Ereignislagen auftreten, verschwindet auch die Berichterstattung."

Ob ein Thema berichtenswert ist, wird Bachls Meinung nach häufig auch aus wirtschaftlichen Gründen entschieden. Ein Thema sei für die Medienhäuser oft dann relevant, wenn sich das Publikum bereits dafür interessiert oder es einen der Faktoren enthält, die Aufmerksamkeit schaffen. Schließlich herrsche bei den Medien ein ständiger Kampf um die Aufmerksamkeit der Zuschauer.

Jedoch ist es mittlerweile Alltag, dass auch soziale Medien wie Facebook oder Twitter die Berichterstattung beeinflussen. Wird eine Meldung viel geliked oder geteilt, ist das laut Bachl Anlass für die Medien, mehr darüber zu berichten. So gelangen zum Beispiel auch virale Video-Hits in die Massenmedien. Dass für diese Themen Platz ist, macht laut Bachl der Online-Journalismus möglich: „In den klassischen Medien musste noch klar ausgewählt werden, was wichtig ist und was nicht. Das passiert natürlich online nicht mehr. Das einzige was da begrenzt ist, ist die Aufmerksamkeit der Leser."

Verantwortung der Mediennutzer

Sind wir als Mediennutzer dann auch verantwortlich dafür, „nachhaltiger" mit gewissen Themen umzugehen? Bachl meint ja. „Gerade in der online Medienwelt haben wir ja die Wahl. Die Forschung zeigt allerdings, dass das nicht so oft passiert." Die meisten Menschen hätten weiterhin das Bedürfnis, über die „wichtigen" Themen Bescheid zu wissen. Und die definieren immer noch die Massenmedien. „Es ist realistisch, dass wir ohne die Medien nicht viel Ahnung hätten, was in der Welt geschieht."

Was bleibt uns dann von den einstigen Titelthemen? „Natürlich bleiben die Medien an solchen Themen dran." Als Schlagzeilen könne man diese jedoch nicht halten. Stattdessen werden immer wieder neue, aktuelle Themen in den Fokus gerückt. Und die Mediennutzer? „Im Fall Bangladesch kaufe ich dann vielleicht meine Hose nicht mehr bei Primark", so Bachl. „Oder man vergisst es."

|Grafik: Rahel Weldemariam und Lea Biermann via Piktochart

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