Ärztepfusch

Aus den Fehlern lernen

20.06.2016

Vergessenes Operationsbesteck, Fehlmedikation oder die Schädigung der Psyche. Das Thema Ärztepfusch gerät immer mehr in die Öffentlichkeit, denn auch Ärzten passieren Fehler.

Ärztliche Behandlungsfehler passieren immer wieder. Doch was können die Betroffenen tun? |Bild: Erika Ginger

Fein zieht sich eine Narbe über Joshuas rechtes Ellbogengelenk. Sie wird immer weiter verblassen, doch komplett verschwinden wird sie nie. Die Geschichte hinter der Narbe begann an einem warmen Frühlingstag. Joshua und die Nachbarskinder spielten Fußball vor der Garage. Die Stimmung – aufgeheizt, bei einem Spiel, bei dem es für die Kinder um alles ging. „Ich war damals elf Jahre alt. Ich weiß noch, dass ich grätschen wollte, dabei hatte es mich ziemlich übel hingelegt und ich schlitterte den Asphalt entlang." Joshua stand auf und bemerkte nach einem ersten Schock die Wunde, die sich tiefer als einen Zentimeter über seinen rechten Ellbogen zog.

Er rannte ins Haus. Die Mutter, erschrocken über die blutige Verletzung am Arm des Jungen, fuhr sofort mit ihm ins Krankenhaus. Das Wartezimmer der Notaufnahme war voll an diesem Tag. „Ich weiß gar nicht mehr, wie lange wir gewartet haben. Für mich persönlich war das eine Ewigkeit."

Behandlung

Vom Wartezimmer wurde Joshua ins Behandlungszimmer geführt. Kurz darauf kam eine Krankenschwester auf ihn zu, die das Gemisch aus Dreck und Blut sorgfältig abtupfte. Joshua wartete lange im Behandlungszimmer. Der Tupfer hatte sich inzwischen vollgesaugt und das Blut begann den Arm entlang zu fließen, bis es auf den Boden tropfte.

„Irgendwann kam ein junger Arzt herein, zum Glück musste alles nur genäht werden. Er kam mir gestresst vor und alles ging ziemlich schnell", berichtet Joshua. Er war froh, dass der Arzt die Wunde schnell behandelte. „Er hatte schon angefangen, die Wunde zuzunähen, ging dann aber noch einmal raus für mindestens eine Viertelstunde." Für Joshua eine seltsame Handlung, wodurch er noch länger warten musste.

Als der Arzt zurück kam, verknotete er die Naht. Lediglich der überstehende Faden musste noch entfernt werden. „Die Schere dafür lag auf dem Tisch neben ihm", erzählt Joshua. „Die hatte er jedoch nicht genutzt und hatte den überschüssigen Faden mit der Hand abtrennen wollen." Einen furchtbaren Schmerz verspürte der damals Elfjährige, als der Arzt versehentlich die gesamte Naht aufriss und die Wunde offen lag.

Fahre über den Rollstuhl und klicke den Punkt an, um mehr über Behandlungsfehler von der Rechtsanwältin Gesine Walz zu erfahren. |Grafik: Erika Ginger via thinglink

Joshuas Vorfall ist ein verhältnismäßig kleines Beispiel für einen Behandlungsfehler. Operative Fächer wie die Unfallchirurgie weisen relativ gesehen viele Behandlungsfehler auf, auch vergessene Operationsbestecke oder Fehldiagnosen sind Beispiele für schwerwiegende Fälle.

Zu Aufklärungsfehlern gehören das falsche oder nicht umfangreiche Informieren des Patienten durch den Arzt, aber auch, dass der Patient nicht über alternative und möglicherweise bessere Methoden aufgeklärt wurde. Doch das Ausmaß von Fehleingriffen bezieht sich in den meisten Fällen nicht nur auf das Körperliche, sondern ebenso auf die Psyche. „Wütend war ich, und wie. Auf einer Skala von eins bis zehn lag der Schmerz etwa bei einer zwölf." Für Joshua als Kind, aber auch als Erwachsener unbegreiflich, weshalb der Arzt nicht so vorging, wie er sollte. Joshua ist im Vergleich zu deutlich schlimmeren Fällen glimpflich davongekommen.

Gründe

Hinter den Fehleingriffen stecken zahlreiche Gründe: 60-Stunden-Wochen, 24-Stunden-Dienste, Überstunden. Erschlagende Begriffe, die für Arbeitnehmer im Gesundheitswesen den Alltag widerspiegeln. Laut Andreas Crusius, Facharzt für Innere Medizin und Pathologie, bilden Notfallsituationen und eine steigende Arbeitsbelastung eine der vielen Risikokonstellationen im Gesundheitswesen, denn der Bedarf an medizinischer Unterstützung steigt schneller als die Anzahl an Ärzten.

Bewusst werden deshalb Behandlungsfehler analysiert und dokumentiert, um bestimmte Risikofelder in der Medizin festzustellen. Dabei zeichnet sich ein deutliches Bild über die häufigsten Behandlungsfehlervorwürfe ab.

|Grafik: Erika Ginger via Piktochart

Nächste Schritte

Ein Behandlungsfehler und folgende psychische Traumata können nicht rückgängig gemacht werden, trotzdem besteht die Möglichkeit einer Entschädigung. Diese erfolgt in Form von Schmerzensgeld, Schadensersatzansprüchen, Beseitigung der Kosten für Folgebehandlungen und der Erstattung materieller Verluste. Letztere sind beispielsweise Fahrtkosten oder der Pflegebedarf nach dem Behandlungsfehler. So unterschiedlich die Entschädigungsformen sind, sind auch die Vorgehensweisen mit Behandlungsfehlern.

„Manche rufen aus dem Krankenhaus an, andere nach drei Jahren", so Gesine Walz, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht in Stuttgart. In den 20 Jahren habe sie unterschiedliche Vorgehensweisen bei den Patienten erlebt: einige wenden sich im ersten Schritt an ihre Krankenkasse, die Rechtsschutzversicherung, an andere Ärzte oder gehen sofort zur Polizei, wenn sie die Vermutung haben, dass der Behandlungsfehler strafrechtlich relevant sei.

Rechtsanwältin Gesine Walz erzählt von ihren Erlebnissen mit Patienten. Einfach auf die Punkte klicken und anhören. |Grafik: Erika Ginger via thinglink und Piktochart

Für die Zukunft

Auch Manfred Eissler, Facharzt für Allgemein- und Umweltmedizin, sieht deutliche Vorteile für Patienten im außergerichtlichen Verfahren. Etwa 80 bis 90 Prozent der Fälle können durch Beurteilungen der Gutachterkommissionen der Ärztekammern geregelt werden. Damit vermeiden betroffene Patienten langwierige und teure gerichtliche Verfahren.

„Die Ergebnisse dieser Begutachtungen erfassen wir statistisch in der Datenbank, natürlich anonym", erklärt Eissler über die Analyse der Behandlungsfehler bei der Gutachterkommission. Behandlungsfehlervorwürfe und ihre Ausgänge werden beobachtet und analysiert, sodass die Daten für ärztliche Fortbildungen genutzt werden. Das Thema Fehlervermeidung und Transparenz gewinnt laut Eissler nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in Ärztekreisen an Bedeutung. „Es wird nicht mehr tabuisiert, es gibt insbesondere die Anstrengungen im Klinikbereich, dass man Fehler dazu verwendet, um weitere zu vermeiden." Gemeint ist die Arbeit mit Fehlermeldesystemen. Patientenerfahrungen werden dabei anonym bearbeitet, aber auch kritische Ereignisse oder verbesserungsdürftige Arbeitsabläufe können von Mitarbeitern gemeldet werden.

Irren ist menschlich

Joshua erinnert sich noch genau an die damalige Situation. „Der Arzt hatte sich entschuldigt und ich hab‘ auch schon gesehen, dass ihm das leidtat. Heulen musste ich trotzdem noch eine Weile", erzählt er und lacht. Eine Herausforderung für Ärzte ist nicht nur, stets auf dem neuesten technischen und medizinischen Niveau zu sein, sondern auch mit unterschiedlichen Menschen umgehen zu können.

Sowohl für Ärzte, als auch für Patienten sind Behandlungsfehler ein schreckliches Erlebnis. Wichtig ist daher, das Thema transparent zu halten und von beiden Seiten zu fordern, über Fehler in der Behandlung offen reden zu können und eine neue Lösung zu finden. Denn von langen Gerichtsverhandlungen und teuren Verfahren haben weder geschädigte Patienten, noch belastete Ärzte einen Gewinn.

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Über den Autor

Erika Ginger

CR/PR
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016