Arbeitsmarkt für Ausländer

Ausländer = Arbeitsscheu? Ein Faktencheck mit Max und Moritz

22.06.2015

„Ausländer kommen doch alle nur nach Deutschland, weil sie sich hier ein gutes Leben ohne Arbeit versprechen!“ Eine weit verbreitete Vorstellung. Aber ist an diesem Klischee etwas dran? Wir hören Max und Moritz, zwei Besserwissern, zu und überprüfen gängige Klischees.

Montagmorgen, halb zehn in Stuttgart. In den Bahnen herrscht geschäftiges Treiben, Menschen eilen von einem Ort zum anderen. In einem Café in der Königstraße sitzen Max und Moritz und beobachten Menschen. Nicht zu fassen, denkt Max, wie viele Ausländer Zeit zum Shoppen haben, während alle Anderen arbeiten müssen. „Was ist denn überhaupt der Unterschied zwischen Ausländern und Migranten?", fragt Moritz. Max weiß sofort Bescheid:

„Ausländer oder Migranten – alles das Gleiche!"

Die Agentur für Arbeit sieht das ganz anders: „Ausländer sind Personen, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben", erklärt Sabrina Meyer, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit in Stuttgart. Zwar kann das auch auf einen Migranten zutreffen, ein Migrationshintergrund liegt aber auch vor, wenn man selbst oder die Eltern aus einem anderen Land nach Deutschland eingewandert sind und man einen deutschen Pass hat. Wie viele Menschen diesen Hintergrund haben, sei schwer festzustellen, so Meyer. Genaue Zahlen für den Arbeitsmarkt gibt es deshalb nur für Ausländer.

Auf sie haben Max und Moritz sich spezialisiert. Sie wissen auch ohne Recherche:

„Die haben alle keine Lust zu arbeiten!"

Immer mehr Menschen kommen nach Deutschland- immer weniger wollen arbeiten, da sind sich die beiden Besserwisser sicher.

Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Analytikreport der Statistik, Analyse des Arbeitsmarktes für Ausländer, April 2015. Grafik: Silvana Hengler. Zur Statistik.

Die Agentur für Arbeit prüft monatlich, wie sich der Arbeitsmarkt für Ausländer entwickelt. Den Zahlen zu Folge beginnen anteilig immer mehr Ausländer in Deutschland zu arbeiten – mehr als Deutsche. Dadurch steigt auch der Anteil der Ausländer an allen Beschäftigten in Deutschland. Hätte keiner Lust zu arbeiten, müsste der Trend nach unten gehen.

„Papperlapapp!", ruft Max. Alles nicht so wichtig, denn er weiß ja:

„Die haben alle nichts Richtiges gelernt, das bringt ja keinem was!"

Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Analytikreport der Statistik, Analyse des Arbeitsmarktes für Ausländer, April 2015. Grafik: Silvana Hengler. Zur Statistik.

Auf den ersten Blick haben Max und Moritz da Recht. Drei Viertel der arbeitslosen Ausländer in Deutschland haben keine Ausbildung. Kommen also lauter Ungelernte nach Deutschland? „Nein", sagt Doris Reif-Woelki, ebenfalls Pressesprecherin der Agentur für Arbeit in Stuttgart. Eine Ausbildung im Ausland werde in Deutschland oft formal nicht anerkannt. „Die gleiche Tätigkeit kann in drei unterschiedlichen Ländern auf drei unterschiedlichen Wegen erreicht werden", erklärt sie. Viele Ausländer in Deutschland bringen also eine gute Ausbildung und Berufserfahrung mit. Außerdem gebe es noch einen weiteren wichtigen Faktor: „In manchen Kulturen ist das Thema Ausbildung auch nicht als Wert an sich verankert – hier zählt eher Geld verdienen und eine Familie ernähren."

Für dieses Problem hat Max aber schon längst eine Lösung: Einer für alle.

„Dann müssen sie eben leichte Jobs machen und sich nicht zu schade sein!"

Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Analytikreport der Statistik, Analyse des Arbeitsmarktes für Ausländer, April 2015. Grafik: Silvana Hengler. Zur Statistik.

Ein leichter Job – in vielen Fällen bedeutet das: eine geringfügige Beschäftigung. Das sind Jobs, bei denen man nicht mehr als 450 Euro im Monat verdient, zum Beispiel als Reinigungskräfte, Verkäufer oder am Fließband. Ohne Ausbildung allerdings eine gute Alternative, die immer mehr Ausländer ergreifen. Der Anteil derer, die ausschließlich eine solche Beschäftigung haben, steigt in den letzten Jahren, bei den Deutschen geht er langsam zurück. Es sieht so aus, als würden viele Ausländer bereits das machen, was Moritz vorschlägt.

So ganz auf sich sitzen lassen möchte Max das aber auch nicht.

„Wir bieten Ausländern so viele Chancen – die nutzen sie gar nicht!"

Mit Chancen meint er Kurse, Fortbildungen, Förderung – von der Agentur für Arbeit „Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen" genannt.

Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Analytikreport der Statistik, Analyse des Arbeitsmarktes für Ausländer, April 2015. Grafik: Silvana Hengler. Zur Statistik.

Den Zahlen zufolge nehmen immer mehr Ausländer diese Angebote wahr. Gerade die berufliche Eingliederung wird immer beliebter. Dabei werden Fähigkeiten der Arbeitslosen festgestellt, um gezielter eine Stelle zu suchen. Allerdings ist die Anzahl der Beschäftigung schaffenden Maßnahmen im Vergleich zum letzten Jahr gesunken und wird laut der Bundeszentrale für politische Bildung immer seltener angeboten. Moritz irrt sich also – schon wieder.

Aber einen Anlauf wagen die selbst ernannten Experten noch. „Schön und gut, dann nehmen sie diese Förderung eben in Anspruch, aber da gibt es einen Haken:

„Wenn sie einmal arbeitslos sind, versuchen sie auch gar nicht mehr, einen Job zu finden!"

Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Analytikreport der Statistik, Analyse des Arbeitsmarktes für Ausländer, April 2015. Grafik: Silvana Hengler. Zur Statistik.

Das würde bedeuten, dass viele der arbeitslosen Ausländer langzeitarbeitslos wären – also länger als zwölf Monate ohne Arbeit verbleiben. Tatsächlich trifft das auf etwa 35 Prozent zu – unter den Deutschen allerdings auch. Bei ihnen ist der Anteil sogar noch ein wenig größer. Richtig hieb- und stichfest ist die Theorie der beiden selbsternannten Experten also nicht. Insgesamt gilt für Langzeitarbeitslose: „Ohne Ausbildung bleibt man auch bei guter Konjunktur länger in der Arbeitslosigkeit als mit Ausbildung", so Doris Reif-Woelki.

Mit diesen Fakten konfrontiert erscheinen Max und Moritz ihre eigenen Theorien nicht mehr ganz so schlüssig. Schnell kommen sie auf einen neuen Nenner:

„Ausländer oder Deutsche - Arbeitslose gibt es überall!"

Egal aus welchem Land oder Kulturkreis man kommt, es gibt überall Menschen die nicht arbeiten können, wollen oder einfach gerade nichts Passendes finden. Auch wenn es für Ausländer in mancher Hinsicht noch schwieriger ist, Arbeit zu finden, geht die Tendenz dahin, dass viele von ihnen berufliche Möglichkeiten in Deutschland suchen und wahrnehmen – sobald sie eine Arbeitserlaubnis haben, aber das ist wieder ein anderes Thema.

Nach unserem Faktencheck wissen das jetzt auch Max und Moritz.

Analyse des Arbeitsmarktes

Jeden Monat veröffentlicht die Agentur für Arbeit die „Analyse Arbeitsmarkt für Ausländer". Darin werden alle aktuellen Entwicklungen zum Thema festgehalten und mit früheren Quartalen verglichen.

Eine Übersicht über die Statistiken gibt es hier.

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Über den Autor

Silvana Hengler

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015