Palliativmedizin

Belastende Hilfe?

20.02.2017

Das Wohl der Patienten ist für Ärzte das höchste Gut. Jedoch ist das nicht immer mit der Heilung verbunden, manche Krankheiten Enden tödlich. „Dann bin ich lieber daran beteiligt und helfe nach Möglichkeit den Patienten“, meint Miriam Münch. Sie ist Palliativ- und Frauenärztin.

Miriam Münch ist Ärztin aus dem Raum Stuttgart. |Quelle: Timo Schmidt

Die meisten Menschen denken bei dem Wort „Arzt" an Heilung, meist mit Medikamenten. Außer Acht gelassen werden jedoch viele anderen Bereiche, etwa die Palliativmedizin. Miriam Münch ist Palliativärztin und als solche beschäftigt sie sich primär nicht mit der Heilung der Patienten, sondern mit der Erhaltung der Lebensqualität schwerkranker Menschen. Aussicht auf Heilung gibt es nur selten, aber vielleicht gerade deshalb ist es umso wichtiger, dass es Ärzte gibt, die sich auch um solche Fälle kümmern.

Definition Palliativmedizin nach der WHO (2002)
Palliativmedizin ist ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien, die mit Problemen konfrontiert sind, welche mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen. Dies geschieht durch Vorbeugen und Lindern von Leiden durch frühzeitige Erkennung, sorgfältige Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen Problemen körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art.

Wie kommt man dazu, als Medizinerin einen solchen Weg einzuschlagen und sich mit schwerkranken Patienten auseinanderzusetzen?

Miriam Münch erklärt, wie sie dazu kam, sich mit todkranken Menschen auseinanderzusetzen.

In der Palliativmedizin muss man sich auf seinen Patienten einlassen können, wie verhält sich das bei „neuen" Patienten?

Ich hab’ mir das Fragen wirklich angewöhnt. Ich frag’ die Leute: „Ist es ihnen zu viel? Soll ich nochmal wiederkommen? Möchten sie jetzt sprechen, oder überhaupt sprechen?" Und vor dem Fragen an sich muss man keine Angst haben. Es ist für mich keine Schwierigkeit, mich auf neue Patienten einzulassen. Ich möchte auch behutsam sein. Schließlich, würde ich selbst ja auch behutsam behandelt werden wollen. Außerdem möchten die Leute gerne einen normalen Kommunikationsstil. Sie sind ja nicht blöd geworden, bloß, weil sie schwer krank sind.

Inwieweit muss man sich mit den Angehörigen auseinandersetzen?

Die Angehörigen sind in dem Prozess genauso wichtig. Das ist manchmal schwierig, wenn man Familien hat, die sich untereinander uneins sind. Da muss man nicht denken, dass das beim Sterben anders ist. Manche Familien vertragen sich schon vorher nicht, das ist hier nicht anders. Wenn dort dann Konflikte ausbrechen, ist das schwierig alle in ein Boot zu kriegen. Gerade im Krankenhaus gibt es oft verschiedene Ansprechpartner, die beachtet werden müssen. Das gelingt manchmal und manchmal gelingt es auch nicht. Das ist wahrscheinlich das, was am schwierigsten für alle Beteiligten ist, auch für uns Professionelle, wenn wir es nicht schaffen in dem Maße Verständigung und Frieden herzustellen, wie uns das vorschwebt.

Fällt es Ärzten schwer sich einzugestehen, dass es manchmal keine Heilung für den Patienten gibt?

Es tut ja auch weh. Ich kenne das auch von mir, dass ich denke: „Verdammter Mist, warum wirkt denn das jetzt nicht?" Man hat es sich so gewünscht, vor allem für die Patientin. Wir wollen ja etwas für die Leute erreichen, dann ist es nicht schön, wenn etwas nicht wirkt.

Wie ist es wenn Patienten sterben? Empfindet man dabei Angst?

Wie ist es für einen selbst, wenn Patienten schlussendlich sterben?

Das ist immer belastend. Mit manchen Leuten wächst man näher zusammen, mit anderen nicht so, da ist das mehr eine reine berufliche Sache. Bei manchen Leuten, die ich über viele Jahre kenne, gehe ich auch mal auf eine Beerdigung, um die Sache auch für mich abzuschließen. Das ist aber eher selten, im Zweifelsfall finde ich das aber auch nicht unprofessionell. Wir sind Menschen, die da miteinander zu tun haben und als solche sollten wir uns begegnen. Meiner Meinung nach ist es kein Gütekriterium für einen guten Arzt, Dinge nicht mit nach Hause zu nehmen. Da braucht man nicht Arzt werden. Wie soll einen ein Schicksal kalt lassen von dieser Tragweite? Deshalb finde ich das nicht erstrebenswert, das ist für mich ein falscher Ansatz. Manchmal bin ich richtig traurig, dann ist es gut, dass wir unsere Palliativvisite haben, bei der wir uns immer nochmal gegenseitig Rückmeldung geben, wo jeder von uns mal sagen kann: „Im Moment ist es mir zu viel, ich brauche ein bisschen Abstand." Dafür sind wir unter Kollegen da: Um uns gegenseitig den Rücken zu stärken, zu kräftigen und auch mal sagen zu können: „Im Moment ist meine Belastbarkeit da nicht so groß."

Wird der Beruf einem auch mal zu viel?

Macht dir der Beruf Spaß?

Na absolut! Das ist mein absoluter Traumberuf, nach wie vor. Ärztin sein ist, finde ich, das Schönste, was es gibt. Das ist anstrengend, so wie jeder andere Beruf auch und manchmal ist es auch total anstrengend. Der Beruf ist für mich eine Möglichkeit den Leuten zu begegnen und ihnen mit wenig Dingen zu helfen. Das ist wenig, was du ihnen gibst, in allererster Linie erhältst du nach Möglichkeit ihre Würde und das kostet nicht viel. Man kann so hilfreich sein und so viel erreichen – deshalb ist das für mich der schönste Beruf.

Auch wenn du dauerhaft von sterbenden Patienten umgeben ist?

Es ist ja so: Wenn man Arzt ist, dann weiß man ja, dass Leute sterben. Dann bin ich lieber daran beteiligt und helfe nach Möglichkeit den Patienten, als so im Hintergrund zu wissen „das gibt’s auch, aber davor mache ich die Augen zu". Wenn ich mich mit Medizin auseinandersetze und mit Genesung, dann muss ich mich genauso damit auseinandersetzen, dass es manchmal eben keine Heilung gibt.

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Über den Autor

Timo Schmidt

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016